Im Gespräch | Ungarischer Journalist Attila Mong: „Das Ziel kann nicht Vergeltung sein“

Attila Mong gilt in Ungarn als Symbolfigur des kritischen und unabhängigen Journalismus. 2010 arbeitete er als Moderator beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, als das neue Mediengesetz unter Viktor Orbán in Kraft trat. Mong reagierte darauf, indem er das Gesetz im Radio vorlas und eine Schweigeminute einlegte. Noch am selben Tag wurden er und der Redakteur der Sendung, Zsolt Bogar, suspendiert. Seit 2013 lebt Mong in Berlin.

der Freitag: Herr Mong, wie sah das ungarische Mediensystem 2010 aus, bevor Viktor Orbán Ministerpräsident wurde?

Attila Mong: Es war nie makellos, aber Lichtjahre entfernt von dem, was Viktor Orbán bald darauf etablierte. Vor 2010 unterlagen die öffentlich-rechtlichen Medien zwar der politischen Kontrolle durch das Parlament, wie in allen europäischen Demokratien, sie war durch die Opposition und ihre Kontrollfunktion der Regierung gegenüber jedoch ausbalanciert. Ich denke an die im Jahr 2006 durchgesickerte Tonaufnahme der Öszöder-Rede des damaligen Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány, in der er Wahlmanipulation einräumte. Darüber berichtete zuerst der öffentlich-rechtliche Rundfunk. So etwas wäre unter Orbán unvorstellbar gewesen.

Was hat sich nach 2010 konkret geändert?

Viktor Orbáns Regierung verabschiedete ein Mediengesetz, das darauf abzielte, die öffentlich-rechtlichen Medien zu unterwandern. Fernsehen und Radio wurden zu parteinahen Medien, die Propaganda verbreiteten und sich an den politischen Kurs anpassten. In den Nachrichten gab es auch Elemente von Desinformation, etwa die Verbreitung russischer Narrative.

Wie sah es jenseits der öffentlich-rechtlichen Medien aus?

2010 litt Ungarn noch unter den Folgen der Finanzkrise von 2008 und unter dem Wandel des Medienmarktes durch soziale Medien, was die privatwirtschaftliche Presse stark belastete. Ausländische Eigentümer standen vor der Entscheidung, verlustreiche Medien weiterzuführen oder sie an Viktor Orbán nahestehende Geschäftsleute zu verkaufen. Sie entschieden sich für Letzteres. Die Deutsche Telekom opferte das Onlineportal Origó, Vienna Capital Partners die Tageszeitung Népszabadság.

In der Zwischenzeit tauchten unabhängige Online-Medien auf, die die Rolle der öffentlich-rechtlichen Medien übernahmen.

Mit Medien wie Direkt36, Átlátszó, Telex, 444.hu oder Partizán entstand eine neue unabhängige Presse. Sie finanzieren sich durch Spenden und internationale Stiftungen, wurden unter Orbán jedoch zunehmend als Vertreter ausländischer Interessen oder sogar „Verräter“ und Agenten stigmatisiert. In den letzten Jahren wuchs zudem der politische Druck, um ihre wirtschaftliche Basis zu schwächen. Die Regelung, dass ein Prozent der Einkommenssteuer an NGOs gespendet werden kann, sollte eingeschränkt werden, ebenso die Annahme von Geldern aus dem Ausland, was existenzgefährdend für sie war. Hätte Orban die Wahlen gewonnen, hätte er diese Maßnahmen konsequent zu Ende geführt.

Wie lässt sich ein solches System wieder liberalisieren?

Institutionelle und gesetzliche Unabhängigkeit allein reichen nicht aus, das hat sich gezeigt, zumal die EU die Gesetze von Orbán akzeptierte und damit anerkannte, dass in einem Mitgliedstaat ein repressives Mediensystem besteht. Es ist also ein System nötig, das neben rechtlicher Unabhängigkeit auch praktische Garantien bietet: bei Finanzierung, Personal und journalistischen Standards. Nur so kann echte Unabhängigkeit gesichert werden, mit klaren Konsequenzen bei Verstößen gegen professionelle und ethische Regeln. In Ungarn gibt es viele hoch qualifizierte Fachleute, auch aus zivilgesellschaftlichen Organisationen wie Mérték Media Monitor, TASZ und dem Hungarian Helsinki Committee, die international anerkannt sind. Eine neue Regierung sollte sie und die unabhängigen Journalisten einbeziehen, damit sich solche Entwicklungen in anderer Form nicht wiederholen.

Welche Rolle können die unabhängigen Medien in Zukunft spielen?

Man sollte damit anfangen, sie nicht mehr als „oppositionelle“ oder „unabhängige Medien“ zu bezeichnen. Der Begriff kommt oft in Systemen auf, in denen es überhaupt nicht-unabhängige Medien gibt. In Ländern wie Deutschland spricht man in der Regel einfach von Journalisten, nicht von „unabhängigen“ oder „oppositionellen“ Journalisten. In Ungarn galten Journalisten als „unabhängig“, wenn sie im Gegensatz zu den öffentlich-rechtlichen Medien grundlegende professionelle Standards einhielten. Ihre Arbeit basierte auf verifizierten Informationen, sie haben investigativ gearbeitet und wichtige Korruptionsfälle aufgedeckt. Wie bedeutend ihre Arbeit der letzten 15 Jahre war, hat sich gerade im Wahlkampf gezeigt. Auch für sie ist es jetzt wichtig, dass öffentlich-rechtliche Medien gut funktionieren, damit ihre Recherchen ein breites Publikum erreichen.

Ein zentrales Thema der freien Medien waren Viktor Orbán und sein System. Das ist mit ihm als Regierungschef nun verschwunden.

Aber Fidesz bleibt. Ebenso liegt es in ihrem Interesse, interne Entwicklungen innerhalb der Fidesz-Partei genau zu verfolgen, da die Zukunft dieser Partei eine zentrale Rolle für das Land spielen wird. Natürlich ist es wichtig, dass die Medien auch die neue Regierung konsequent zur Rechenschaft ziehen. Gleichzeitig ist es unentbehrlich, dass sich wieder eine starke Opposition herausbildet, die auch im Parlament vertreten sein wird, damit die Medien nicht mehr deren Rolle übernehmen müssen.

Sollten Journalisten oder frühere Fidesz-nahe Propagandamedien zur Rechenschaft gezogen werden? Der Grat zwischen rechtlicher Aufarbeitung und politischer Rache ist sehr schmal.

Das neue Parlament sollte untersuchen, wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk und das Fernsehen in Orbáns System politisch vereinnahmt werden konnten und wer dafür Verantwortung trägt. Im Fokus sollten politische wie auch professionelle Versäumnisse stehen. Ziel ist nicht die Vergeltung, sondern Aufarbeitung, damit das Land aus den vergangenen 16 Jahren lernt und sich zu einer Demokratie entwickelt, in der sich ein solcher Machtmissbrauch nicht wiederholt.

Gibt es ausreichend Journalistinnen und Journalisten für die Umstrukturierung der öffentlichen Medien? Viele gingen ins Ausland oder haben ihren Beruf aufgegeben.

Es ist eine schwierige Situation. In Ungarn könnte auch etwas Ähnliches wie in Polen geschehen, wo öffentliche Medien Journalistinnen und Journalisten mit vergleichsweise guten Gehältern abwarben und damit unabhängige Medien stark unter Druck setzten. Auch die Ausbildung sollte überdacht werden, da die Medien Nachwuchs brauchen, der fachliche und ethische Standards mitbringt.

Wie lange wird es dauern, bis die öffentlich-rechtlichen Medien wieder zu Ausgewogenheit, Objektivität und Meinungsvielfalt zurückkehren?

Statt schneller Entscheidungen sollte man gemeinsam mit Experten sorgfältig prüfen, welche Änderungen am Mediengesetz und anderen Gesetzen nötig sind. Zudem müssen die Überwachungsfälle in Ungarn, insbesondere die Pegasus-Affäre, umfassend aufgeklärt werden.

2021 wurde enthüllt, dass die ungarische Regierung mit der Spähsoftware Pegasus die Handys von Journalisten überwachen ließ.

Die Aufklärung ist nicht nur für Journalisten wichtig. Es geht darum, zu klären, unter welchen Bedingungen Geheimdienste politisch missbraucht wurden. Wenn Journalisten mit diesen Mitteln überwacht werden, kann es jeden in der Zivilbevölkerung treffen. Deshalb sollten die Akten geöffnet und mithilfe engagierter Staatsanwälte aufgearbeitet werden.

Was halten Sie davon, wenn Péter Magyar sagt, er werde die aktuelle Nachrichtenproduktion des öffentlich-rechtlichen Fernsehens vorerst einstellen?

Für Spekulationen ist es noch zu früh, bislang handelt es sich um eine politische Stellungnahme. Seine Partei verfügt jedoch über eine Zweidrittelmehrheit, die schnelle Entscheidungen ermöglicht. Welche konkreten Schritte nach der Regierungsbildung im Mai folgen, bleibt abzuwarten. Die neue Regierung muss Wege einschlagen, die die Unabhängigkeit öffentlich-rechtlicher Medien im Einklang mit rechtsstaatlichen Prinzipien wiederherstellen.

Was ist mit der Medienbehörde, die Orbán 2010 ins Leben rief? Sollte sie abgeschafft oder nur umstrukturiert werden?

Ein unabhängiger Medienrat ist wichtig. Dessen Leitung muss aber einvernehmlich von Regierung, Opposition und Zivilgesellschaft mitbestimmt werden und seine Unabhängigkeit sich auch in seinen Entscheidungen, nicht nur auf dem Papier zeigen. Bisher weicht er davon tendenziös ab, das zeigte sich etwa beim Fall von Klubrádió.

Klubrádió war einer der letzten regierungskritischen Sender, der Medienrat verweigerte 2021 die Verlängerung seiner Lizenz.

Der Europäische Gerichtshof stellte im Februar 2026 rechtskräftig fest, dass der Entzug der Frequenz rechtswidrig war und gegen EU-Recht verstieß.

Es war auch eine Strategie von Fidesz, unabhängige Journalist*innen zu ignorieren: Sie wurden oft nicht eingeladen oder durften keine Fragen stellen, was den Zugang zu Informationen erheblich erschwerte. Sehen Sie hier eine Veränderung?

Bereits nach kurzer Zeit ist eine Veränderung spürbar. Wer aus öffentlichen Mitteln bezahlt wird, hat die Pflicht, mit der Presse zu sprechen und Auskunft zu geben, auch bei kritischer Berichterstattung. Hier trägt die Regierung große Verantwortung. Aussagen wie die von Péter Magyar, er wolle nicht mit Propagandamedien sprechen, bergen die Gefahr, erneut in eine problematische Spirale zu geraten. In seiner ersten Pressekonferenz schien er gegenüber den Journalisten ausgesprochen positiv eingestellt zu sein.

Was wünschen Sie sich jetzt für die ungarische Presse?

Das ist eine verdammt große Chance, die vor Kurzem noch kaum vorstellbar war. Wir dürfen sie nicht verspielen. Ziel sollte eine Öffentlichkeit sein, in der sich auch Regierungskritiker wiederfinden. Entscheidend ist ein Mediensystem, in dem öffentlich-rechtliche Angebote alle repräsentieren, selbst wenn einem dann nicht jede Sendung gefällt.

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Attila Mong ist ein ungarischer Investigativjournalist, der in seiner Heimat mit den beiden wichtigsten Journalismuspreisen ausgezeichnet wurde. 2011 und 2013 führten ihn Forschungsstipendien nach Stanford. Er ist Europa- Repräsentant des Committee to Protect Journalists und lebt seit 2013 in Berlin

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