Im Gespräch | Theater Magdeburg erzählt vom Aufstieg von Tokio Hotel: „Das sind die netten Grüßonkel“

Vor 20 Jahren wurde Tokio Hotel mit Durch den Monsun zum globalen Pop-Phänomen. Jetzt bringt das Theater Magdeburg mit Schrei so laut du kannst eine Inszenierung in ihrer Heimatstadt auf die Bühne, die nicht nur an den Hype erinnert, sondern Fragen nach Ruhm, Identität und Geschlechterbildern stellt. Im Gespräch erklärt Regisseur Juli Mahid Carly, warum die Band um die Kaulitz-Brüder bis heute relevant ist, wie soziale Medien neue Formen von Sichtbarkeit schaffen und welche Bedeutung der Ort Magdeburg für das Stück hat.

der Freitag: Juli Mahid Carly, in Ihrem neuen Stück widmen Sie sich dem „Phänomen Tokio Hotel“. Was macht dieses Phänomen für Sie persönlich aus?

Juli Mahid Carly: Für mich war das damals eine junge deutsche Band mit einem Sänger, mit dem sich viele queere Jugendliche identifizieren konnten. Gleichzeitig hatten natürlich auch viele Mädchen ein romantisches oder obsessives Interesse. Die Mischung führte zu einem Superstardom, das man sonst nur aus internationalen Kontexten kannte. Ich hatte einfach das Gefühl, die sprechen meine Sprache, die sind nahbar, auch wenn es dann plötzlich so gigantisch wirkte.

Für ihre Musik ist die Band mittlerweile mindestens genauso bekannt wie für den Podcast „Kaulitz Hills“ oder die Serie „Kaulitz & Kaulitz“ auf Netflix.

Mit der Serie bedienen sich die Kaulitz-Brüder in meinen Augen eines niveauvollen Reality-TV-Formats. Mich sprechen sie damit an, ich liebe Gossip leider einfach. Über diese ganzen Beziehungen zu Menschen der Popkultur, auch zu Heidi Klum, haben sie es irgendwie geschafft, wieder eine Verbindung zu jungen Menschen in Deutschland herzustellen. Das wirkt heute alles vielleicht ein bisschen schrulliger, fast altmodisch, aber beliebt sind sie dennoch – auch bei den 16-Jährigen. Nur erfolgt das Gefühl der Identifikation eben vielleicht nicht mehr über den Wunsch „So will ich sein“, sondern eher über das Gefühl „Das sind die netten Grüßonkel“.

Aus welcher Zeit blicken Sie in Ihrer Inszenierung auf die Band?

Wir erzählen in der Inszenierung nicht die Geschichte von Tokio Hotel, sondern die Geschichte von vier Jugendlichen aus der Umgebung von Magdeburg, die einen ähnlich kometenhaften Aufstieg wie die Band erleben. Sie sind teilweise auch Fans der Band und müssen damit umgehen, dass das als peinlich gilt. Anhand dieser Konstellation erforschen wir die Phänomene und Folgen des Ruhms aus heutiger Perspektive. Denn natürlich gibt es Unterschiede zu früher, schon allein durch die sozialen Medien.

Welche Rolle spielen soziale Medien denn heute im Vergleich zur frühen Zeit von Tokio Hotel?

Der Wunsch nach Sichtbarkeit als Star, den Bill Kaulitz stark verkörpert, ist durch Social Media für Jugendliche heute viel greifbarer geworden. Die Vorstellung, mit einem viralen Video einen Durchbruch schaffen zu können, ist viel präsenter. Uns interessiert die Frage, was genau daran eigentlich so reizvoll ist. Geht es dabei neben Geld und Ruhm am Ende nicht hauptsächlich darum, als Mensch gesehen, gemocht und geliebt zu werden?

Bill Kaulitz wurde früher stark für sein feminines Männlichkeitsbild angefeindet. Heute gibt es Stars wie Harry Styles, die dafür gefeiert werden. Inwieweit hat sich da etwas in der Gesellschaft verändert?

Wer so auftrat, galt damals als schwul, und das war durchaus als Beleidigung gemeint. Dass jemand effeminiert oder flamboyant auftritt, hat ja erst mal nichts mit der Sexualität zu tun. Diese Vermischung von Gender und Sexualität war für mich als Kind sehr verwirrend. Ich habe mich da gefragt, warum ist es schlimm, wenn man sich mädchenhaft verhält? Damals hatte ich noch nicht verstanden, dass hinter dieser Ablehnung auch Misogynie steckt. Heute ist Schwulsein so lange okay, solange man nicht „zu verweiblicht“ wirkt. Männlichkeit wird so immer wieder eingegrenzt. Es stört viele also weniger, dass jemand schwul ist, sondern dass die Binarität der Geschlechter infrage gestellt wird.

Sie sind 1997 in Baunatal bei Kassel geboren. Als 2005 das Album „Schrei“ mit der Hitsingle „Durch den Monsun“ erschien, waren Sie neun Jahre alt. Wie sind Sie denn eigentlich das erste Mal mit der Band in Berührung gekommen?

Meine Cousine und ich hörten das Album ständig, auch im Auto auf Reisen. Als die Band dann 2006 in der Nähe von uns aufgetreten ist, wollten wir da unbedingt hin. Unsere Eltern haben uns dann glücklicherweise mitgenommen. Wir saßen auf deren Schultern, haben Unterwäsche und Briefe auf die Bühne geworfen und geschrien: „Bill, ich will ein Kind von dir!“ Wir ahmten einfach die älteren Fans nach, auch wenn wir überhaupt nicht verstanden haben, was wir da eigentlich sagen. Songs wie Schrei so laut du kannst oder Durch den Monsun waren einfach ikonisch, die hatten etwas Gedichtartiges, ohne so komplex zu sein, dass man sie als Neunjähriger nicht nachvollziehen kann.

Wie sind Sie dann letztlich dazu gekommen, dieses Stück in Magdeburg zu inszenieren?

Wie das im Theater so ist, rief mich das Team an und fragte, ob ich mir etwas für die Altersgruppe von zwölf Jahren überlegen könnte. Mein erster Gedanke war sofort, dass ich etwas zu Tokio Hotel mache. Allerdings habe ich mich zunächst nicht getraut, das Thema vorzuschlagen, weil es mir zu offensichtlich und fast klischeehaft vorkam. Normalerweise geht es bei Anfragen in dieser Altersgruppe darum, dass man irgendeinen klassischen literarischen Stoff aufarbeitet. Das habe ich so in der Vergangenheit öfter gemacht – in Form von popkulturellen Überschreibungen. Bis dann die Dramaturgie selbst mit dem Vorschlag um die Ecke kam, etwas zu Tokio Hotel zu machen.

Ein Zufall sozusagen?

Ja, das passiert wirklich selten, dass beide Seiten die gleiche Idee haben. Danach stellte sich noch die Frage: Soll man ein Biopic über Tokio Hotel machen oder eine eigene Geschichte erzählen? Für uns war klar, dass wir etwas Eigenes schaffen wollen, das sich zwar auf Tokio Hotel bezieht, aber kein Abklatsch ist. Denn im Publikum sitzen eben auch viele Jugendliche, die keine nostalgische Verbindung zu Durch den Monsun haben. Wir wollten etwas schaffen, das auch für Schulklassen und ein vielfältiges Publikum relevant ist.

Denken Sie, dass auch Ältere noch eine Verbindung zu Tokio Hotel aufbauen können?

Wer damals Fan war, wird vieles wiedererkennen. Spannend ist auch, dass viele Mitarbeitende hier im Haus persönliche Anekdoten über Tokio Hotel erzählen können. Manche waren auf derselben Musikschule wie Bill und Tom, andere kennen Familienmitglieder oder sind zum Zahnarzt von Georgs Vater gegangen. Zugleich sagen die Kaulitz-Brüder selbst, dass sie froh waren, Magdeburg zu verlassen, weil es trist und schwierig war. Das weckt gemischte Gefühle: Manche Menschen sind stolz und verstehen nicht, warum sie gegangen sind. Andere finden es cool, dass die Jungs so konsequent waren und heute internationale Prominente sind.

Ein bisschen hört es sich auch so an, als gehe es darum, der Stadt etwas Regionalstolz einzuhauchen. Die Ankündigung spricht vom „Erfolgreichsten, was Magdeburg hervorgebracht hat“.

Das war keine bewusste Entscheidung, gehört aber sicher dazu. In Deutschland ist die Idee von Stolz ja oft durch rechte Narrative besetzt. Tokio Hotel kommt aus Magdeburg und war ein prägender Teil der deutschen Kultur der letzten Jahrzehnte. Es geht nicht darum, sie zu politischen Figuren zu stilisieren, sondern ihre Bedeutung jenseits konservativer Leitkultur aufzuzeigen. Ich finde es erstaunlich, wie wenig Bewusstsein dafür in der sogenannten Hochkultur existiert.

Sie sind in Hessen aufgewachsen. Als westdeutsch sozialisierte Person reflektieren Sie an einem ostdeutschen Ort über eine ostdeutsche Band. Welche Rolle spielt es für Sie, an diesem Ort ein Stück über Tokio Hotel zu machen?

In jeder künstlerischen Arbeit sollte man sich fragen, was man sich aneignet und welche Stereotype man möglicherweise verstärkt. Es gibt Unterschiede in den Strukturen zwischen Ost und West, die man nicht ignorieren darf. Uns war wichtig, das Stück nicht so zu erzählen, als könnte es überall spielen. Wir greifen lokale Kontexte auf – etwa das Sülzetaler Wurstfest – und verorten die Geschichte. Es geht nicht darum, Ostdeutschland schlechtzumachen, sondern aufzuzeigen, dass man auch am eigenen Ort etwas bewegen kann, ohne wegziehen zu müssen. Mir ist wichtig, zu zeigen, dass Tokio Hotel ein gesamtdeutsches Phänomen war. Es ging nie darum, dass „der Westen“ etwas „Ostdeutsches“ konsumierte. Die Band hatte auch internationalen Appeal und sprach migrantische Kinder oft mehr an als andere deutsche Bands.

Schrei so laut du kannst Text und Regie: Juli Mahid Carly Theater Magdeburg, Premiere am 20.09.

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Juli Mahid Carly, 1997 in Baunatal geboren, studierte Deutsch und Geschichte in Göttingen sowie Regie in Ludwigsburg. Carlys Inszenierung von Vier Piloten am Schauspielhaus Bochum wurde 2025 für den Theaterpreis Der Faust in der Kategorie Beste Regie Junges Theater nominiert

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