Im Gespräch | Schriftstellerin Anja Kampmann: „Politische Statements sind dasjenige Ende von Literatur“

Sieben Jahre nach ihrem Debütroman Wie hoch die Wasser steigen und zwei Bänden mit Lyrik legt Anja Kampmann einen zweiten Roman vor. Sein Titel: Die Wut ist ein heller Stern. Schauplatz ist Hamburg, die Stadt, in der Anja Kampmann 1983 geboren wurde. Aber sie folgt nicht ihrer eigenen Biografie, sondern geht zurück in die Jahre 1933 bis 1937. Erzählerin ist Hedda, eine Artistin im Varieté Alkazar auf der Reeperbahn. Der Leser sieht mit ihren Augen, wie der Nationalsozialismus in kürzester Zeit eine Welt aus Gewalt und Schrecken errichtet.

Arthur, der Besitzer des Varietés und Heddas väterlicher Beschützer, wird enteignet und vertrieben. Bruder Jaan versucht sich in Sicherheit zu bringen und meldet sich als Harpunenschmied zum Walfang in der Antarktis. Hedda sorgt sich um Pauli, den anderen Bruder, der an Rachitis leidet und von zwangsweiser Unterbringung im Heim bedroht ist.

Weil das Milieu des Reeperbahn-Varietés verdächtig ist, gerät sie in die Klauen „der Petersen“ von der Hamburger Sozialbehörde. Im Publikum des Varietés sitzen jetzt Braunhemden mit rasierten Scheiteln. Hedda hegt die Hoffnung, im Schatten der neuen Mächtigen für sich und Pauli eine Rettung zu finden. Am Ende des fast 500-seitigen Romans wächst in ihr eine Wut, die stark ist und leuchtet wie ein heller Stern.

Ich sitze Anja Kampmann in einem Leipziger Café gegenüber. Seit ihrem Studium am Deutschen Literaturinstitut lebt sie in dieser Stadt. Sie strahlt nach der langen Arbeitsphase eine überraschend große Gelassenheit aus. Jetzt, scheint sie zu signalisieren, seid ihr dran, Leser und Kritiker. Sie hat recht.

der Freitag: Frau Kampmann, erschöpft nach der großen Arbeit?

Anja Kampmann: Es war eine intensive Arbeit, aber ich habe mich jeden Tag darauf gefreut. Ein wenig fehlt mir diese Welt, aber ich bin glücklich, sie jetzt mit anderen teilen zu dürfen.

Stimmt, was viele Schreibende feststellen, dass das Schreiben des zweiten Romans ungleich schwerer ist?

Ich wollte nichts wiederholen. Viele lassen sich nach dem ersten Roman sehr drängen und haben das Gefühl, liefern zu müssen. Ich habe den Fokus anders gesetzt und versucht, eine Erzählstimme zu finden, die mich elektrisiert und fesselt. Es ging mir darum, meinen Freiraum zu erweitern, das, was Literatur für mich sein kann. Im Schreiben gab es Momente unbändiger Freude, was in Bezug auf dieses Thema zunächst verwundern mag.

Allerdings. Schon durch die Erzählzeit. Die Jahre 1933 bis 1937 sind in der deutschen Geschichte von Gewalt und Terror belastet. Eine faschistische Diktatur baute sich auf. Warum entschieden Sie sich für diese Zeit?

Mich hat die Zeit des Umbruchs interessiert und das Tempo, in dem in Deutschland die Angst um sich griff. Wir denken meist an die Zeit des Krieges, und es gibt sehr viele Geschichten über die Mächtigen. Die Welt, von der ich erzähle, wurde ausgelöscht. Es existierte eine ganze Kultur mit Arbeiterbildungs- und Sportvereinen. Plötzlich wurde alles, was rot war, zum Feindbild. Alles, was die Menschen in dieser Welt miteinander verbunden hat, stand jetzt unter Verdacht. Im Buch gibt es viele Stellen, in denen es darum geht, wie diesen Menschen die Würde genommen wird.

Ab 1933 reichte der Vorwurf, eine Frau sei „moralisch verkommen“, um sie in ein Heim einzuweisen

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Ihr erster Roman „Wie hoch die Wasser steigen“ erzählt von einer Männerfreundschaft. Jetzt haben Sie eine Frau zur Protagonistin gemacht. Wie wichtig war es Ihnen, eine Frau als Erzählerin zu haben?

Die Perspektive ist ganz entscheidend. Ich zeige mit Hedda, was es bedeutet, als Frau arm zu sein. Sie kommt aus der Arbeiterschicht und nicht aus dem bürgerlichen Milieu.

Und ist für die neuen Machthaber Freiwild …

Ab 1933 reichte der Vorwurf, eine Frau sei „moralisch verkommen“, um sie in ein Heim einzuweisen. Dort wurde sie zu Zwangsarbeit gezwungen oder sterilisiert. Allein in Hamburg waren 20.000 Menschen von Zwangssterilisationen betroffen. Bundesweit waren es 400.000 Menschen. Erst dieses Jahr, Ende Januar 2025, gab es einen Antrag im Bundestag, um die historische Aufarbeitung zu intensivieren. Das heißt, zu ihren Lebzeiten haben sie das nicht mehr erlebt.

In den Akten liest man, wie verzweifelt diese Frauen waren. Sie haben Petroleum getrunken, wenn man sie abholen wollte. Andere haben ihrem eigenen Ehemann nicht erzählt, was man ihnen angetan hat. So groß war die Scham. Diese Frauen und ihre Geschichten wurden vergessen.

Aber wie schafft man einen Zugang zu dieser Welt, der weder erklärend noch anklagend ist, aber uns heute etwas bedeuten kann?

Indem ich konsequent bei meiner Hauptfigur bleibe. Als ich Hedda und die Stimme, mit der sie spricht, gefunden hatte, konnte ich spüren, wie Energie in den Text kam. Hier ist eine Frau, die sich nicht unterkriegen lässt. Und die gleichzeitig sehr präzise ist in der Wahrnehmung.

Was war unmittelbarer Auslöser, den Roman zu schreiben? War es ein Foto, eine alte Geschichte, auf die Sie gestoßen sind? Vielleicht eine längst verstorbene Person aus Ihrer Hamburger Familiengeschichte, die die Recherche in Gang gebracht hat?

Geschichten beginnen bei mir immer in Bildern. Ich konnte Hedda sehen, wie sie sich im Scheinwerferlicht unter die Decke vom Alkazar zieht. Müde und erschöpft. In dem Buch steckt auch viel von der Welt, von der mir meine Großmutter berichtet hat. Sie war die Tochter eines Kapitäns und wuchs damals auf dem Süllberg in Blankenese auf. Viele ihrer Geschichten sind in dem Roman verwoben, und er ist ihr auch gewidmet. Aber natürlich wusste sie nichts über das Milieu auf der Reeperbahn, die Prostituierten und das Schicksal dieser Frauen.

Ihre Erzählungen haben mir in Details geholfen, aber ich glaube, dass mich eine noch größere Nähe eher eingeschränkt hätte. Mir ging es vor allem um Literatur. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie viele erste Momente es gab. Ich wollte eine Form und Stimme finden, um all diesen Geschichten gerecht werden zu können.

Die Amüsiermeile Reeperbahn war immer ein Ort, an dem man ums Überleben gekämpft hat. Aber es war auch ein Ort der Träume

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Sie schicken die Erzählerfigur durch die dunkelste Zeit, als sich Deutschland in einen faschistischen Staat verwandelte. Ich fühlte mich an den Film „Cabaret“ mit Liza Minnelli aus dem Jahr 1972 erinnert, wo diese Verwandlung unmerklich im Hintergrund vor sich geht, bis sie urplötzlich Vordergrund ist. Von dieser Zeit zu erzählen, richtet es auf Bedeutung aus. Der Spaß hört auf, möchte man sagen. Warum sind Sie trotzdem diesen Weg gegangen?

Die Amüsiermeile Reeperbahn war immer ein Ort, an dem man ums Überleben gekämpft hat. Aber es war auch ein Ort der Träume. Arthur Wittkowski, der Besitzer des Kabaretts Alkazar sagt im Buch: „Wir können uns die Sterne selbst schenken.“ Er hat in einem Zeppelin geheiratet. Die Stadt sah buchstäblich zu ihm auf.

Um die Zeit vorzuführen, in der für die Erzählerfigur die Freiräume immer enger werden, erweitern Sie die Welt Ihrer Hauptfigur. Das Personenverzeichnis nennt mehr als fünfzig Namen. Viele davon fiktiv, aber auch nicht wenige historisch verbürgt. Was hat Sie dazu gebracht?

Mir war von Anbeginn klar, dass es eine große Verantwortung ist, mit dem Archivmaterial umzugehen. Zugleich kann und muss Literatur etwas anderes. Ich bewegte mich also zwischen der real verbürgten Welt und dem Versuch, eine Stimme zu finden, die lebendig ist und die im Erzählen Freiräume lässt. Die historischen Figuren sind eine Verbeugung vor den Menschen, die für etwas einstanden und dafür ermordet wurden.

Das, was ihnen angetan wurde, erzählt viel über unsere Gesellschaft. Und eine Figur wie Käthe Petersen erzählt viel über die Kontinuitäten nach dem Krieg. Sie war ab 1933 Sammelvormund für viele Frauen, denen Schreckliches angetan wurde, und ist nach dem Krieg in Amt und Würden geblieben. Sie hat sogar noch eine ordentliche Karriere gemacht. Das zeigt auch, wie wichtig es ist, sich zu erinnern.

Erinnern, um davor zu warnen, dass bestimmte rechtsextreme Entwicklungen in unserer Gegenwart unterschätzt werden?

Natürlich. Es steht gerade viel auf dem Spiel. Wir dürfen uns fragen, was uns verbindet, was uns als Gesellschaft stark macht. Überall auf der Welt sind totalitäre Formen der Politik wieder in Mode gekommen. An der Zeit damals kann man ablesen, wie schnell das geht. Was werden wir verlieren? Es geht dabei nicht nur um die große Politik, sondern um unsere Freiräume – die ganze Gesellschaft wird davon durchtränkt. Das Vertrauen geht verloren, der Zusammenhalt zerbricht. Dann nimmt eine totalitäre Politik erst richtig Fahrt auf.

Ist Literatur heute gefordert, auch ein politisches Statement zu sein?

Nein. Statements sind das Ende der Kunst. Literatur ist vielschichtiger und lässt sich nicht auf ein Statement reduzieren. Was ich mir wünsche, ist, dass die Leser sich ganz auf die Geschichte einlassen können – und von dort aus verwandelt wieder auf unsere Zeit schauen.

James Baldwin hat einmal gesagt, die Rolle des Künstlers sei dieselbe wie die eines Liebhabers: Wenn ich jemanden liebe, mache ich ihn auf das aufmerksam, was er oder sie nicht sieht.

Der Deutsche Frauenrat warnt davor, dass alte Rollenbilder wieder auf dem Vormarsch sind. Die Gesellschaft dreht sich in unsicheren Zeiten wie unseren rückwärts – Zygmunt Bauman nannte das einmal Retrotopie. Das Problem ist, dass es die Vergangenheit, in die sich alle zurückwünschen, so nie gegeben hat. In meinem Roman sieht man, welcher immense Druck auf die Frauen ausgeübt wurde, damit sie sich in das neue Frauenbild fügen.

Man sieht eine Szene mit einer Massenhochzeit in der Zigarettenfabrik von Reemtsma. 123 Bräute geben ihre Arbeit auf und gehen in den Haushalt. Das war großes politisches Programm. Mir ging es vor allen Dingen darum, eine Perspektive zu eröffnen – und eine Stimme zu finden, die in sich eine Widerständigkeit hat. Darin liegt ein Signal, eine Energie, die wir heute dringend brauchen.

Wenn noch so gute Absichten nicht in Literatur verwandelt werden, verstummen sie. Für Hedda gelingt Ihnen eine Sprache, die zwar eine Kunstsprache ist, aber sie ist mit ihrer Detailfülle mit größter Sinnlichkeit aufgeladen. Mir scheint, Sie schaffen es, weil Sie Techniken der mündlichen Sprache verwenden. Warum greifen Sie auf orale Erzählformen zurück?

Die Recherchen im Oral-History- Archiv waren für mich ein Wendepunkt: Ich habe mir tagelang Stimmen von Überlebenden angehört, und darin gab es Nuancen, die mir sonst fehlten. Sie waren das fehlende Puzzleteil. Und zwar, weil sie vom Leben sprachen. Als ich diese Stimmen gehört habe, wusste ich, dass ich etwas wagen muss: die Distanz verlassen. Eine Nähe schaffen, die vor Lebendigkeit sprüht. Interessant ist, dass so eine Erzählstimme auch die schweren Momente tragen kann.

Eigentlich gibt es noch eine dritte Gruppe von Figuren im Roman. Die Erfundenen, die Authentischen und die Allegorischen. Ich denke an Rita, eine nicht reale Doppelgängerin von Hedda, die sich mit der neuen Moral arrangiert. Ich denke an den Keiler, der immer erscheint, wenn die Gewalt blutig wird. Mit diesen – ich nenne sie mal – Halluzinationen zieht eine dunkle Mystik ein, die zum Geist der erzählten Zeit passt. War das die Absicht?

Ich habe mal eine Poetikvorlesung an der Uni Essen über mein Realismusverständnis gehalten. Wenn man selbst erzählt, weiß man, dass es so etwas wie ein Eins-zu-eins-Abbilden nicht geben kann. Erzählen heißt Entscheidungen treffen, permanent. Und meine Entscheidungen habe ich so getroffen, dass der Text immer wieder ausbricht.

Der Traum, die Vision, das, was uns als Menschen ausmacht, bekommt in der Literatur einen Raum. So, wie Hedda die Welt erlebt, gibt es einen Überschuss an Träumen. Diese Träume lassen sie stark sein, geben ihr Kraft. Sie sieht den Keiler in bedrohlichen Situationen und sie sieht die Rita, die angepasste Version von Hedda. Sie verkörpert die neue Rolle, die alle wollen, und Hedda hat das Gefühl, dass die Rita sie schützt und zugleich erstickt. All das ist miteinander verwoben, weil es in ihre Welt gehört.

Sie haben zu Beginn unseres Gesprächs von Ihrem künstlerischen Freiraum gesprochen. Er sei das, was Literatur für Sie sein kann. Hier am Schluss noch einmal nachgefragt: Worin besteht dieser Freiraum für Sie?

Ich glaube, es geht darum, eine bestimmte Energie in den Text zu bekommen. Es ist wie ein Konzert mit Sprache. Ich denke über die Figuren nach und den Handlungsverlauf, aber da ist noch so viel mehr! Die Momente, in denen die Sprache Funken sprüht, in denen eine Zärtlichkeit entsteht, eine Wut. Es sind sehr konzentrierte Passagen, und ich vertraue darauf, dass die Leser sich auf diese Intensität einlassen. Andersherum dürfen die Leser auf mich vertrauen. Ich gebe ihnen alles, was nötig ist, um in diese Welt einzutauchen, in ihrer ganzen Sinnlichkeit.

Anja Kampmann wurde 1983 in Hamburg geboren, wuchs in Lüneburg auf und studierte in Hamburg und Leipzig. Sie arbeitete unter anderem für den Deutschlandfunk. Ihr Debütroman „Wie die Wasser steigen“ wurde mehrfach preisgekrönt. Kampmann veröffentlichte zudem mehrere Lyrikbände. „Die Wut ist ein heller Stern“ (496 S., 28 €) ist soeben im Hanser-Verlag erschienen.

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