Am Schauspielhaus Bochum wurde am Ende der Premiere von Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten der Schauspieler Ole Lagerpusch während seines Schlussmonologs in der Rolle eines Rechtsnationalen vom Publikum tätlich angegriffen und beschimpft. Wie kommt es dazu, dass Menschen auf die Bühne springen und die Rede eines Schauspielers verhindern wollen? Über das Theater als Ersatzhandlung und warum er glaubt, dass man gewisse Situationen im Theaterraum aushalten muss.
der Freitag: Herr Lagerpusch, jetzt sind wenige Wochen vergangen, seit zwei Männer Sie während Ihres Schlussmonologs von der Bühne zerren wollten. Wie haben Sie sich auf die zweite Vorstellung eingestellt?
Ole Lagerpusch: Die zweite Vorstellung fand am nächsten Tag statt und es wurden Vorkehrungen getroffen. Es gab eine Ansage, dass von Ton- und Videoaufnahmen abgesehen werden solle. Die Chefdramaturgin und stellvertretende Intendantin Angela Obst bat vor Beginn darum, den geschützten Raum des Theaters zu respektieren. Deswegen waren die Reaktionen von Publikumsseite sehr verhalten. Das war mit nichts zu vergleichen, was sich am Vortag abgespielt hatte.
Wie gehen Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen nun in die nächsten Vorstellungen und was hat das Premierenereignis für Ihre Arbeit verändert?
Ich war ziemlich durch den Wind und auch ein Stück weit verstört. Bei der zweiten Vorstellung habe ich darum gebeten, am Nachmittag meinen kompletten Text auf Video aufzunehmen. Zu Beginn meiner Szene ist es sowieso so, dass die ersten Sätze per Video kommen und ich dann live übernehme. So eine Situation wie bei der Premiere habe ich als Schauspieler noch nicht erlebt, und es hätte ja sein können, dass ich zwei Minuten vor meinem Auftritt plötzlich hyperventiliere oder sage, ich kann nicht.
Damit hatte ich eine Sicherheit in der Hand. Kurz bevor es losging, war ich erstaunlich ruhig. Irgendwas hat sich im Körper umgeschaltet. Dann lief die Szene und es gab keine großen Zwischenfälle. Mit der Zeit, die jetzt vergangen ist, und mit den Gedanken und Fragen, die einem durch den Kopf sausen, ist es eher aufregender, in die dritte Vorstellung zu gehen.
Was beschäftigt Sie? Was treibt Sie um seit dem Vorfall?
Bisher habe ich mich auf einer Bühne auf gewisse Art immer sicher gefühlt. Im Grunde wusste ich mit jedweder Situation irgendwie umzugehen. Doch diesmal wurde dieser geschützte Raum für mich durchbrochen. Und dann kommen mir Gedanken wie: Es ist leicht, in ein Theater reinzukommen; es ist leicht, was zu werfen. Und es ist relativ einfach, jemanden auch körperlich anzugehen. Das sind erst mal praktische Fragen, die einem im Kopf rumspuken.
Natürlich möchte ich mir mein Sicherheitsgefühl nicht wegnehmen lassen. Damit muss ich nun lernen umzugehen, und das wird auch wieder zurückkommen, davon bin ich überzeugt. Aber ich bin in Habachtstellung.
Das Sicherheitsgefühl ist also weg?
Ja, ein Stück weit. Natürlich möchte ich mir das aber auch nicht wegnehmen lassen. Das ist mein Beruf, und ich übe meinen Beruf wahnsinnig gerne aus. Damit muss ich nun lernen umzugehen, und das wird auch wieder zurückkommen, davon bin ich überzeugt. Aber ich bin in Habachtstellung.
Ihr Schlussmonolog des Rechtspopulisten Romeu fängt harmlos an. Er beginnt, über seine persönliche Freiheit zu sprechen, bis später deutlich wird, dass er verschiedene Minderheiten als „Hindernisse“ für diese Freiheit betrachtet, die „aus dem Weg geräumt“ werden müssten. Wann hat es während des Monologs im Publikum angefangen zu rumoren?
Natürlich habe ich mir vorgestellt, dass da was kommen wird. Aber dass es so früh losgeht und vor allem so intensiv, hatte ich nicht erwartet. Als ich das erste Mal im Text von „ethnischen und religiösen Minderheiten“ gesprochen habe, ging es los. Sehr ungehalten, eruptiv und es wurde innerhalb von Sekunden – so was steckt sich auch gegenseitig an – unfassbar laut.
Es waren keine Zwischenrufe; es wurde regelrecht geschrien mit allen denkbaren ungefilterten Verbalinjurien. Ich bin bei dem geblieben, wie ich diese Rolle spielen wollte, heißt: so unaufwendig wie möglich und so persönlich wie möglich. Wenn man dem Monolog zuhört und diese Sätze langsam eintröpfeln, ist das für das Publikum wahrscheinlich noch empörender.
Dann kamen die ersten Menschen an die Bühnenrampe und filmten mit ihren Handys. Eine Frau warf eine Orange nach mir, der ich noch ausweichen konnte. Es wurde immer weiter gebrüllt. Ich machte ab und zu mal Pausen, aber ich habe versucht, weiterzusprechen.
Und dann kam von links ein Mann auf mich zu, der mich am Kragen packte, und ich sah, wie noch ein anderer dasselbe versuchte, sprich: mich hinter die Kulissen zu ziehen. Ein Kollege kam, hat die beiden von mir losgezogen und sie gebeten, die Bühne zu verlassen. Danach habe ich noch mal schwer abgeatmet und die Szene beendet.
In den Rezensionen wurde neben der Kritik an dem Übergriff auch das Medium Theater gefeiert, das imstande wäre, solche Emotionen hervorzurufen. Wie blickt man im Team und am Schauspielhaus Bochum auf die Inszenierung?
Wir waren im Team ziemlich durch den Wind und haben uns erst mal nicht gefreut, einen „Theaterskandal“ provoziert zu haben. Wir waren uns über die Verantwortung bewusst und im Klaren, dass das Stück eine Realität abbildet. In dem Stück geht es um die Frage, wie weit man bereit ist zu gehen, wenn man mit etwas konfrontiert wird, womit man definitiv nicht einverstanden ist. Welche Parameter zieht man da heran?
Ich sehe es so, dass man sich im Theater für diese Fragen zur Verfügung stellen muss und sie in den Raum stellt, auch wenn man keine Antworten darauf hat. Dann müssen wir das alle miteinander und ich als Schauspieler aushalten. Wir können diese Art der Realität nicht verdrängen. Es wäre fatal, wenn man diese Thematik überhaupt nicht im Theater behandelte.
Im Gespräch untereinander im Ensemble und auch mit dem Intendanten Johan Simons war klar, dass wir jetzt auch nicht versuchen können, alles auszuschließen, was passieren kann. Wir dürfen diesen Abend nicht in Watte packen und sagen, die Leute dürfen nicht reagieren. Denn das gehört für mich zu dieser Verantwortung, der man sich stellt: nämlich zu sagen, das müssen wir aushalten. Ich bin bereit dazu, mit dem Mittel, das ich als Schauspieler zur Verfügung habe, und dazu möchte ich dann stehen.
Zunächst mal glaube ich nicht, dass das Publikum zu dumm ist, Realität von Fiktion zu unterscheiden. Die Bühne habe ich immer als geschützten Raum wahrgenommen. Theater ist immer etwas sehr Gemeinschaftliches und dort fühlt sich auch das Publikum ein Stück weit geschützt
In der Fachkritik hieß es zu dem Vorfall, die Leute seien „zu blöd, um zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden“. Wie deuten Sie persönlich das Umkippen der passiven Zuschauerhaltung in diesen Protest? Ist das eine Art Ersatzhandlung für die gesellschaftliche Ohnmacht, die uns im Umgang mit Rechtsextremismus ergriffen hat?
Zunächst mal glaube ich nicht, dass das Publikum zu dumm ist, Realität von Fiktion zu unterscheiden. Es sind mehrere Faktoren. Vorhin sprach ich davon, dass ich die Bühne immer als geschützten Raum wahrgenommen habe. Theater ist immer etwas sehr Gemeinschaftliches und dort fühlt sich auch das Publikum ein Stück weit geschützt.
Und plötzlich begegnet einem etwas, dem man sonst relativ häufig ohnmächtig gegenübersteht. Dann hat man plötzlich im Theater das Gefühl – das sind jetzt Mutmaßungen – man will das nicht mehr über sich ergehen lassen, über sich nicht und auch nicht über andere. Wenn ich das in den Nachrichten höre von einem Parteitag oder wenn ich XY in einer politischen Talkshow sitzen sehe, dann kann ich nicht widersprechen. Aber im Theater, aus einem Gemeinschaftsgefühl heraus, entlädt sich das dann.
Bei der Entwicklung dieser menschenverachtenden Sprache, die in den letzten mehr als zehn Jahren stattfand, hat man darauf vertraut, dass Menschen, die sich damit sehr viel klüger und professioneller auseinandersetzen, dem sprachlich entgegentreten. Und das ist auf eine Art nicht gelungen. Es hat sich immer mehr verselbstständigt und man sitzt heute da – ich will nicht sagen abgelöscht –, aber man hat sich an diese menschenverachtende Sprache fast schon gewöhnt.
Und das Theater ist dann eventuell der Raum, in dem man sich dessen bewusst wird?
Dieser vertraute Raum des Schauspielhauses Bochum bietet die Möglichkeit, dass ich dem widerspreche. Das hat natürlich Grenzen, wenn es körperlich wird. Aber ich kann niemanden dafür verurteilen und tue das auch nicht. Es hat irgendetwas berührt, und das ist ja das Ziel von Theater, in welche Richtung auch immer. Das ist offenbar gelungen.
Man darf sich dieser Art von Gewohnheit an diese Sprache und die Handlungen, die daraus folgen, eben nicht hingeben. Deswegen ruft dieses Stück in all seiner besonderen Dramaturgie etwas hervor, an das es sich lohnt, gerade in diesem Land immer und immer wieder zu erinnern. Das klingt so banal, aber es ist so. Das ist die Versuchsanordnung, der wir uns stellen müssen.
Ole Lagerpusch wurde 1982 in Flensburg geboren, studierte an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch und war Ensemblemitglied am Thalia Theater in Hamburg und am Deutschen Theater Berlin. Seit 2011 spielt er zudem Rollen für Film und Fernsehen