Rund 400.000 Menschen folgen Michael Nast auf Instagram, wo er in provozierend selbstbewussten Reels über Liebe, Dating und die Zumutungen moderner Beziehungen spricht. Bevor wir uns in einem Café treffen, geht es zunächst zum Fotoshooting. Auf Englisch. Nast entschuldigt sich, Englisch habe er im Osten eher nicht gelernt.
Beim Fotografieren geht er aufs Ganze: Er gibt mir seinen Schal, stellt sich mitten auf die Straße, posiert neben einem Mülleimer. Dass seine Augen dabei blitzen, weiß er. Im Gespräch wirkt der „Single-Papst“, wie ihn die Süddeutsche Zeitung einmal nannte, unaufgeregt. Für jemanden, der ein Buch über Dating-Burnout geschrieben hat, ist er auffallend gut gelaunt und lacht viel.
der Freitag: Herr Nast, die Diagnose Burnout kennt man aus dem Arbeitsleben. Wann haben Sie gemerkt, dass es so etwas auch beim Dating gibt?
Michael Nast: Bei mir äußert sich das nicht, wie man sich einen klassischen Burnout vorstellt. Ich bin nicht erschöpft. Bei mir äußert sich das als vollständiges Fehlen von Hoffnung. Ich leide nicht. Aber wenn mir heute eine Frau begegnet, die wirklich mein Typ ist, sehe ich sofort die Probleme. Früher hätte ich einen Neuanfang gesehen, heute sehe ich, wie diese Liebe endet.
Also keine Müdigkeit, sondern Genervtheit, Frust, Zynismus?
Nein. Ich erwarte schlicht Komplikationen. Ich habe die Dramen schon vor Augen. Inklusive der Panikattacke, die ich auf dem Höhepunkt meiner letzten Dramabeziehung erlebt habe. Ich denke aber nicht: Diese Frau wird mir jetzt Leid zufügen, weil ich aus Erfahrung weiß, das ruinieren wir als Teamleistung. Ich werde ihr Leben verkomplizieren, sie wird mein Leben verkomplizieren. Nach 15 Jahren schlechter Erfahrungen, die ich gemacht und Frauen zugefügt habe, ist das psychologisch ganz simpel zu analysieren. Vor Jahren habe ich mich noch als den einzigen großen Romantiker gesehen, aber eigentlich waren diese ganzen Verliebtheiten reinste Egotrips.
Wann wurde Ihnen klar, dass Sie nach einem Muster agieren?
Ich habe praktisch immer dasselbe Theaterstück aufgeführt. Mit der immer gleichen Dramaturgie, nur mit anderen Darstellerinnen. Ein Date, Restaurant und Café, gute Gespräche, dann gingen wir miteinander ins Bett. Ab da wurde es meistens kompliziert. Lange dachte ich, ich gerate einfach immer an die falschen Frauen. Frauen, die ich aus toxischen Beziehungen befreien musste. Frauen, denen ich beim Ausbruch helfen sollte. An zweifelnde Frauen. Irgendwann habe ich verstanden: Ich habe sie mir ausgesucht. Nicht bewusst, sondern aus Bindungsangst heraus. Ich hatte Angst, dass rauskommt, dass ich ein ganz normaler Typ bin. Ich habe einen geringen Selbstwert. Ich musste beweisen, dass ich ein liebenswerter Typ bin. Durch Drama und große Gefühle. Andere machen das mit Geld oder Macht. Den Kampf um meine Beziehung habe ich mit Intensität verwechselt.
Aber Sie sind doch ein richtiger Bestsellerautor, wie geht das mit einem geringen Selbstwert zusammen?
Das passt sogar sehr gut. Er ist der Antrieb, der mich jeden Tag an den Schreibtisch zwingt. Die Arbeit ist meine Zwangsneurose. Nur (vermeintliche) Größe rettet ein geringes Selbst. Ich mache das auch über Leistung. Ich halte mich nicht für großartig, weil sich meine Bücher gut verkaufen, sondern ich zweifle eher, weil meine Ansprüche an mich mit den Jahren immer weiter steigen.
Also war das Scheitern von Anfang an eingebaut?
Im Rückblick ja. Die letzte Beziehung war acht Monate Drama, dann sollte es endlich klappen. Ich hatte Angst vor dem Alltag, der mich ohne Drama und Leidenschaft entlarven würde. Ja. Kurz vor dem „Happy End“ habe ich konsequent die Flucht ergriffen.
Sie erklären sich Ihr Verhalten unter anderem mit der Abwesenheit Ihres Vaters. War diese Erkenntnis entlastend?
Nicht wirklich. Zu wissen, woher etwas kommt, hilft mir persönlich wenig. Erkenntnis allein verändert nichts. Sie kann sogar bequem werden. Dann hat man eine Erklärung, darf sich als Opfer fühlen – aber das führt eben nicht zu einem anderen Verhalten.
Sie kritisieren beim Dating digitale Umgangsformen wie Ghosting, also unangekündigtes Verschwinden. Ist das für viele nicht einfach Resignation oder Selbstschutz?
Natürlich. Das meine ich mit „Dating Burnout“. Nicht Müdigkeit, sondern Resignation und der Verlust von Vertrauen in eine echte Verbindung. Aber es ist auch Ausdruck unserer Werte. Uns wird beigebracht, zuerst an uns selbst zu denken. Dieses Denken hat sich in den zwischenmenschlichen Bereich ausgebreitet. Wenn ich nur mich sehe, kann ich den anderen gar nicht mehr sehen.
Achtsamkeit wird heute völlig falsch verstanden. Es wird nur der Teil rausgepickt, der zur Selbstoptimierung passt
Achtsamkeit ist egoistisch?
Nein, das Konzept wird nur völlig falsch verstanden. Das haben ja praktisch die Stoiker in der Antike erfunden. Das wird heute von Coaches sehr kapitalistisch interpretiert: Mach dein Ding, lass dich von nichts abbringen. Völliger Quatsch. Die haben die Welt als ein Gewebe verstanden. Wenn du dieses Gewebe berührst, veränderst du es. Und das kannst du nicht rückgängig machen. Heute wird nur der Teil rausgepickt, der zur Selbstoptimierung passt.
Ist Dating demnach auch ein Symptom des Kapitalismus?
Ja. Dating ist nur der Ausschnitt, in dem wir besonders deutlich sehen, wie wir miteinander umgehen. Ich sehe diese schlechten Umgangsformen aber nicht nur beim Dating oder auf Instagram. Sondern ganz oft in Beziehungen, wo die Partner einander über Jahre schlecht behandeln. Aus wirtschaftlichen Gründen bleibt man aber zusammen. Oder weil man nicht allein sein kann. Ich meine, die Gesellschaft hat sich nur scheinbar weiterentwickelt. Sie entwickelt sich gerade rasant zurück, wird reaktionär. Man denke nur an Alice Weidel oder Donald Trump. Es ist grauenhaft. Ich gewöhne mir gerade wieder an, wenigstens im Kleinen bessere Beziehungen zu pflegen. Neulich habe ich einem Freund im Taxi noch gehupt zum Abschied. Er hat daraufhin gewunken wie früher und hat es mir später noch mal erzählt.
Sie sind in Ostberlin geboren, waren als Jugendlicher Teil der Köpenicker Punkszene. Hat Sie das geprägt?
Sehr. Im Osten war Freundschaft ein Erfolg. Man hoffte auf Ruhe vor der Stasi. Karriere konnte man ja nicht machen. Man war aufeinander angewiesen. Auch die Partys in den 1990er Jahren waren gut, weil sich da alle eingebracht haben. Dann kamen die Westler, zahlten zehn Mark Eintritt und wollten konsumieren. Sie wollten sich nicht einbringen, sie wollten etwas haben für ihr Geld. Das hat sofort etwas verändert.
Alkohol war ein Schmiermittel. Tagsüber wusste ich manchmal nicht, was mit der Frau reden, mit der ich in der Nacht zuvor noch stundenlang geplaudert hatte
In Ihrem Buch spielen Alkohol und Partys eine große Rolle.
Alkohol war ein Schmiermittel. Er schafft Nähe zu Menschen, zu denen man nüchtern keinen Zugang hätte. Tagsüber wusste ich manchmal nicht, was mit der Frau reden, mit der ich in der Nacht zuvor noch stundenlang geplaudert hatte. Heute treffe ich mich lieber nachmittags. Gehe spazieren. Ich merke erst jetzt, wie viel echte Nähe beim Dating gefehlt hat. Neulich war ich bei einem Familienfest. Jeder kam mit jedem locker ins Gespräch, da kam auch dieses gute alte Ostgefühl noch mal hoch.
Auf Instagram ist schon länger der Trend der Selbstdiagnose populär: Es geht um Bindungsangst wie bei Ihnen, um Narzissmus oder ADHS. Ist das hilfreich?
Diese Diagnosen können helfen – oder zur Identität werden. Das finde ich bedenklich. Erkenntnis ersetzt keine Veränderung. Viele nutzen Diagnosen, um Schuld zu verteilen oder stehen zu bleiben oder gar ein Business auf Instagram damit aufzubauen.
Was Sie ja auch betreiben. Und Sie haben da nicht nur Freunde.
Was ich manchmal gar nicht so richtig begreife. Ich versuche natürlich Debatten anzuzetteln, aber ich gehe immer erst mal von mir aus. Und das jeweilige Thema ist mir persönlich ein Anliegen. Manche macht das sehr wütend. Andererseits wurde ich schon von Psychologen angesprochen, die meine Arbeit wichtig finden.
Dieses Muster, das Sie beschreiben, immer an die vermeintlich Falschen zu geraten – wird das nicht oft Frauen zugeschrieben? Die dann oft mit ihrer Verzweiflung kokettieren, dass sie sich in den Normalo einfach nicht verlieben können?
Ich glaube eher, das liegt daran, dass Frauen sich mehr damit beschäftigen. Wenn ich mit Freunden spreche, hören die oft nur zu, sagen nichts, reflektieren selten sich selbst, sondern wissen immer etwas über mich als Single zu sagen. Ich habe aber tatsächlich viele Frauen getroffen, die mir sofort erzählten, dass sie aus einer schlimmen Beziehung mit einem Narzissten kommen. Da habe ich mich natürlich gefragt, warum diese Frauen als Nächstes ausgerechnet mich daten wollten (lacht). Ich habe ja definitiv auch narzisstische Züge …
Muss man überhaupt in einer Beziehung sein?
Nein. Jedenfalls nicht so, wie ich viele Beziehungen in meinem Umfeld erlebe. Jahrelange Kleinkämpfe, finanzielle Abhängigkeiten, Alltagsorganisation mit Kindern. Liebe bedeutet für mich heute emotionale Heimat. Die kann auch außerhalb einer Paarbeziehung entstehen. Wir überschätzen die romantische Liebe – und unterschätzen gleichzeitig Freundschaft und Gemeinschaft.
Ich wünsche mir manchmal, alles noch einmal zu erleben – mit dem Wissen von heute. Ich hätte mit Sicherheit ganz andere Beziehungen geführt
Ist „Generation Dating Burnout“ auch ein Buch über das Älterwerden und über den Abschied von einem Berlin, das es so nicht mehr gibt?
Ja. Über den Abschied von der Leichtigkeit. Ich wünsche mir manchmal, alles noch einmal zu erleben – mit dem Wissen von heute. Ich hätte mit Sicherheit ganz andere Beziehungen geführt, vielleicht sogar ein anderes Leben. Andererseits mag ich Erwachsenenleben. Ich gehe mit meinem besten Freund spazieren, der seit zehn Jahren nicht mehr trinkt und nie geraucht hat.
Sie daten aktuell nicht mehr.
Ja. Ich weiß, dass ich enttäuschen würde. Ich bin eine Zumutung. Also übernehme ich Verantwortung und lasse es.
Was empfehlen Sie Menschen, die sich eine Beziehung wünschen, sich aber immer wieder in denselben Mustern wiederfinden – zwischen Hoffnung, Neurose, Frust und Rückzug?
Ganz ehrlich: eine Therapie.
Am Ende des Buchs entscheiden Sie sich für eine Therapie.
Therapie ist vielleicht ein Werkzeug. Sie zwingt einen, Verantwortung zu übernehmen, statt immer neue Erklärungen für das eigene Verhalten zu finden. Paare sollten auch regelmäßig eine Paartherapie besuchen. Beziehungen sind nichts Natürliches. Man muss lernen, sie zu führen.
Werden Männer dieses Buch lesen?
Lange galt Dating als Frauenthema, oder der Umgang mit Gefühlen fiel Männern schwer. Das ändert sich langsam. Zu Lesungen kommen heute deutlich mehr Männer, viele von ihnen hören sehr aufmerksam zu, manche melden sich zum ersten Mal überhaupt zu Wort. Ich finde das gut. Neulich kam einer auf mich zu, der vielleicht über 70 war. Das hat mich berührt. Vielleicht, weil viele diese Hoffnungslosigkeit kennen – auch wenn sie selten darüber sprechen und gelernt haben, damit allein zu bleiben.
Michael Nast (1975 in Ostberlin geboren) wurde mit dem Buch Generation Beziehungsunfähig (2012) bekannt, das mit Frederick Lau verfilmt wurde. Sein neues Werk Generation Dating Burnout erscheint Ende Januar bei Piper. Michael Nast lebt und arbeitet in Berlin.