In der griechischen Mythologie kommt Europa aus dem Morgenland. Der Göttervater Zeus verliebt sich in eine Frau aus Phönizien, er verwandelt sich in einen Stier und bringt die schöne Königstochter Europa nach Kreta. Ein Brautraub in westlicher Richtung, der eine Ursprungsszene für den Kontinent weit im Osten verortet. Seither haben sich die Verhältnisse umgedreht: Europa organisiert sich aus westlicher Richtung in einer Union, die mit Deutschland, Frankreich, Italien und den Benelux-Ländern begann und die seither verschiedene Osterweiterungen vorgenommen hat.
Inzwischen gehören 27 Länder zur EU, es gibt Kandidaten auf dem Balkan, und auch die Ukraine stellt Ansprüche auf eine Mitgliedschaft. Selbst mit der Türkei gibt es offiziell Gespräche, sollte es jemals zu einer Aufnahme kommen, wäre man beinahe wieder beim antiken Phönizien angekommen.
Die per se neutrale Erstreckung von West nach Ost oder umgekehrt ist dabei semantisch und mentalitätspsychologisch voller Tücken. Der kanadische Anthropologe Ivan Kalmar versucht sich mit seinem Buch „Weiß, aber nicht ganz. Die illiberale Revolte in der Mitte Europas“ in einer umfassenden Theorie der vielen Implikationen, die aus den Unterschieden in Raum und Zeit erwachsen.
Er möchte verstehen, wo der Illiberalismus herkommt, der vor allem von Viktor Orbáns Ungarn ausgeht, und in diesem Woher verbinden sich geographische, historische und systemische Aspekte zu einem immer wieder faszinierend differenzierten Gesamtbild. Dass das Buch eines Forschers von der University of Toronto in Wien auf Deutsch herauskommt, ist dabei selbst schon so etwas wie eine Pointe aus Kalmars Geist.
Denn nicht zuletzt in der einstigen Reichsmetropole und jetzigen Hauptstadt eines kleinen EU-Staats hatte man im letzten Jahrzehnt des Kalten Kriegs mit höchstem Interesse eine neue Diskussion um Mitteleuropa rezipiert, die von Dissidenten in den kommunistischen Staaten ausgegangen war. Milan Kundera vor allem hatte mit einem leidenschaftlichen Beitrag darauf aufmerksam gemacht, dass sein Land, die Tschechoslowakei, aber auch weitere Staaten in Zentraleuropa nach dem Zweiten Weltkrieg von Stalin „in Geiselhaft genommen“ („gekidnappt“) worden waren. Die meist friedlichen Revolutionen von 1989 eröffneten diesen Staaten eine Chance, mit den Siegern des Systemwettstreits zusammenzuwachsen oder zu diesen aufzuschließen.
Gegen die Integration
Es dauerte lange, bis sich der Befund verdeutlichte, mit dem Ivan Kalmar sich nun vor allem beschäftigt: Die Integration in den kapitalistischen und liberalen Westen rief gravierende Gegenreaktionen hervor. Sie kommen in der EU vorwiegend aus den vier Staaten, die in seinen Augen das eigentliche Mitteleuropa bilden. Polen, Slowakei, Tschechien, Ungarn schlossen sich schon 1991 zu einer Visegrád-Gruppe zusammen, die später verschiedentlich als Widerstandsmoment in den europäischen Integrationslogiken firmierte. Österreich, das 1955 durch den Staatsvertrag in die Freiheit einer Orientierung an Westeuropa entlassen wurde, zählt bei Kalmar in seinem Sinn nicht zu Mitteleuropa, wie auch Deutschland nicht, wobei beide Staaten auf jeweils spezifische Weise doch auch von mentalen Grenzen durchzogen werden, die von West-Ost-Differenzen bestimmt sind.
Die eigenwillige Pointe von Kalmars Hypothese wird schon aus dem Buchtitel erkennbar. Er sucht nach einem Schlüssel zum mitteleuropäischen Illiberalismus in dem theoretischen Feld der Rassismusforschung. Eine der Erfahrungen, aus der Politiker wie Orbán oder Jarosław Kaczyńsky schöpfen konnten, ist eine Verweigerung vollständiger Anerkennung der Zugehörigkeit zum westlichen Europa, das sich vor allem durch seine urbanen Eliten definiert und dabei auch Normen setzt, was als im eigentlichen Sinn weiß zu gelten hat.
Ein wenig zugespitzt: Polnische Handwerker in Großbritannien oder Frankreich fallen zwar äußerlich nicht auf, werden aber trotzdem in einer Differenz wahrgenommen, die nach Meinung von Kalmar „rassifiziert“ wird. Sie sind eben „weiß, aber nicht ganz“, ihre „weißen Privilegien“ bleiben prekär. Sie werden Opfer eines „Osteuropäismus“ (eines Rassismus gegen Osteuropäer) und damit auch empfänglich für jenen Illiberalismus, an dem Kalmar die Macht- und Profitinteressen postkommunistischer Eliten keineswegs verkennt.
Seine Analyse, die für die deutsche Übersetzung vier Jahre nach Erscheinen des Originals zeithistorisch aktualisiert wurde, bleibt ausgerechnet bei dem zentralen Manöver ein wenig undeutlich. Denn letztlich sind die Reaktionen auf den „Osteuropäismus“, die in seinen Augen den Illiberalismus stützen, ja eine Abwehr eines Elitenprojekts (zu der zugleich Zugänge gesucht werden). Der Illiberalismus wiederum hat selbst (von Putin bis Orbán) deutliche Aspekte eines (postkommunistischen) Elitenprojekts.
Wie sich Mehrheiten in diesem Kontext näherhin ergeben, bleibt eine theoretische Leerstelle in „Weiß, aber nicht ganz“. Kalmar ist mit seinem Ansatz einer prekären Weißheit von den großen Binarismen der neueren politischen Theorie (von Somewheres / Anywheres bis zu sehr allgemeinen Heuristiken von Zentrum / Peripherie beziehungsweise Globalität / Regionalität) nicht allzu weit entfernt. Er fügt ihnen allerdings einen interessanten Akzent hinzu, indem er Osteuropa nuanciert zwischen den Erfahrungen der Postkolonie und europäischen Kolonialitäten verortet.
„Gender-Teufel“ in Brüssel
„Weiß, aber nicht ganz weiß“ überzeugt vor allem mit seiner enorm dichten Beschreibung der vielfachen Überdeterminiertheiten von regionalen und lokalen Selbstverständnissen im Lauf der Zeit. Kalmar bietet eine Vielzahl von osteuropäischen Quellen auf, denen nachzugehen sich lohnt. Die EU oder allgemeiner die westliche Moderne, die der Illiberalismus seit Jahren verstärkt wegen ihrer Geschlechterpolitik attackiert (in Brüssel wirke demnach ein „Gender-Teufel“ und propagiere LGBTQ+-Erfahrungen), müsste sich insgesamt viel deutlicher herausgefordert fühlen, ihre Logiken plausibel zu machen und nicht einfach so zu tun, als verstünden sich Gesetze gegen Diskriminierung oder gar die Menschenrechte von selbst.
Und Kalmar würde schließlich noch einen entscheidenden Schritt nahelegen: Die Modernisierung muss ihr Verhältnis zu einem Kapitalismus überprüfen, der mit seiner zermalmenden Dynamik vielfach Ohnmacht erzeugt. Er macht das an einem Schlüsselbegriff fest: Sind westliche Investoren, die mit konkurrenzloser Kapitaldecke osteuropäische Strukturen aufmischen, nicht auch so etwas wie Oligarchen? Damit akzentuiert sich das Konzept des Illiberalismus entscheidend und wird zu einem Symptom des Neoliberalismus.
Ivan Kalmar: „Weiß, aber nicht ganz. Die illiberale Revolte in der Mitte Europas“. Picus Verlag, Wien 2026, 280 S., 26 €.
Source: faz.net