Seit über 25 Jahren überschreiben die „Gorillaz“ die tradierten Gewissheiten der Popmusik. Nun widmen sie sich auf einem neuen Album dem Tod ihrer eigenen Väter – und landen am Ende bei Bergmetaphern und Hinduismus.
Vor ein paar Tagen noch einmal das Debüt der Gorillaz angehört. Sofort wieder im Jahr 2001 gelandet. Was für ein Coup diese Musik damals doch war! Was für ein Paukenschlag die Idee einer Featureliste auf einem Popalbum zu sein schien! Und wie beglückend in einem von der Gitarre geprägten Jahr eine virtuelle Band erschien, die an Dance und Hip-Hop naschte!
25 Jahre später, in Zeiten eines Stilpluralismus, in denen Playlists mehr Identität stiften als Bands, wirkt dieses Album indes beinahe asketisch. Und auch „The Mountain“ jetzt ist ein anderes Kaliber. Satte 23 Gäste sind auf dem neuen Werk der Briten versammelt, die Spannweite reicht dabei von Dennis Hopper, der im Opener zu hören ist, bis zu den ruppigen UK-Punks Idles, von Anoushka Shankar bis zu The-Clash-Veteran Paul Simonon. Vor allem aber tummeln sich auf dem Album neben Hopper eine ganze Reihe weiterer Künstler, die nicht mehr leben. Ganz offenbar hatten Damon Albarn und die Seinen bei den Sessions zu den vorherigen Alben aus ihren Gästen immer ein paar zusätzliche Tracks oder Takes herausgekitzelt, die sich jetzt als genau noch fehlende Puzzleteile herausstellen.
Das passt, gehört eine gewisse Unkonventionalität doch zum Markenkern der Gruppe. Seit ihrer Gründung 1998 durch Blur-Kopf Albarn und den Künstler und Illustrator Jamie Hewlett („Tank Girl“) verkörpern Gorillaz ein vielgestaltiges Projekt zwischen Musik, Grafik und Erzählung. Die virtuelle Band mit ihren animierten Protagonisten schuf einen Rahmen, in dem Albarn musikalische Territorien durchstreifen und unterschiedlichste Einflüsse miteinander verweben konnte. Die Begegnung mit Gästen aus Hip-Hop, Electronica, Dub, Pop und allem, was irgendwie passte, formte einen immer offenen und fast immer interessant anmutenden Apparat. Was einst als spielerischer Kommentar zur Mechanik des Starkults angelegt war, entfaltete sich über die Dekaden zu einem der eigenwilligsten und beständigsten Projekte der anspruchsvolleren Popmusik. Mal erzählten die Alben dabei Geschichten, mal schienen sie angelegt wie Loseblattsammlungen.
Den Ausgangspunkt von „The Mountain“ bildeten persönliche Verluste von Damon Albarn und Jamie Hewlett: Albarn reiste nach Varanasi, einer alten indischen Pilgerstadt am Ganges, um die Asche seines Vaters zu verstreuen, Hewlett erlebte den Tod seiner Schwiegermutter und seines eigenen Vaters. Das Album verknüpft diese Erfahrungen mit Reflexionen über Vergänglichkeit und Neubeginn. Und auch wenn Stücke wie „The Happy Dictator“ oder „The Plastic Guru“ durchaus gesellschaftliche und politische Diskurse der Gegenwart spiegeln, bilden diese Blicke Richtung Jenseits die narrative Struktur.
Erwähnte verstorbene Feature-Gäste dienen dabei als beglückende Erzählstimmen aus dem Off. So nölt uns Mark E. Smith, einst misanthropischer Monolith des Postpunk, zu einem kühlen No-Wave-Beat ins „Delirium“. Da finden sich Spuren von Bobby Womack in „The Moon Cave“; beide Künstler gastierten bereits auf „Plastic Beach“ (2010). Mit dem 2006 ermordeten Rapper Proof, der auf dem nach Bollywood und Südamerika schielenden „The Manifesto“ zu hören ist, war man wohl 2002 im Studio. Der große Tony Allen, 2020 verstorben, arbeitete mit Albarn bei einer Vielzahl an Projekten zusammen. Dennis Hopper schließlich war bereits auf „Demon Days“ (2005) zu hören.
Zusammengehalten wird dieser doch recht eklektische Mix von einem global informierten Sound, der im Zweifel nach der epischen, alles umarmenden Melodie sucht. Johnny Marr, einst bei The Smiths, vor allem aber Pop-Vielarbeiter mit einer Referenzliste von Modest Mouse bis Billie Eilish, spielt in einigen Songs.
Doch die eigentliche Struktur des Albums entsteht durch die indischen Gäste. Anoushka Shankar webt mit der Sitar komplexe Teppiche; auf „The Sweet Prince“ schlägt sie die Saiten in einer schnellen Strumming-Technik, ähnlich wie George Harrison das 1966 auf dem Beatles-Track „Love You To“ tat, wodurch ein mehrschichtiges, getragenes Klanggeflecht für Albarns Vocals entsteht. Die Bangash-Brüder an der Sarod-Laute ziehen zusätzliche rhythmisch-melodische Ebenen ein, während die Sängerin Asha Bhosle mit ihrem in Hindi gesungenen Hook in „The Shadowy Light“ tief in den indischen Sagenschatz eintaucht: Vom Fährmann singt sie. Davon, wie der ihre Musik verkörpert und der Fluss, den sie gemeinsam queren, ihre Lebensreise ist.
Damon Albarn selbst fasst die Idee hinter „The Mountain“ in einfachen, fast poetischen Worten zusammen: „Der Berg ist eine Metapher für das Leben“, sagte er dem indischen „Rolling Stone“ in einem ausführlichen Interview. „Unten am Berg ist es noch weit, mit vielen Pfaden und Möglichkeiten, und je höher man steigt, desto enger wird es. Und wenn man den Gipfel erreicht, was kommt dann? Im Grunde ist das Reinkarnation.“ Selten hat diese so erhaben geklungen.
Source: welt.de