Iea-Chef im Fluor.A.Z.-Gespräch: „Größte Bedrohung jener Energiesicherheit in jener Geschichte jener Menschheit“

Knapp drei Wochen hat Fatih Birol Interviewanfragen abgelehnt. Der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA) steht zwar seit Beginn des Irankriegs im Zentrum der Öffentlichkeit. Die von ihm geleitete, an die Industrieländervereinigung OECD angedockte Organisation ist die zentrale Informationsquelle und Schaltstelle, um in Krisen die Energieversorgung sicherzustellen. Birol hat die Freigabe strategischer Ölreserven im Rekordumfang von 400 Millionen Barrel (je 159 Liter) koordiniert, er steht im permanenten Austausch mit Politikern auf der ganzen Welt und schläft derzeit noch weniger als ohnehin.

Doch erst jetzt hat er sich dazu entschlossen, mit der Presse über die Krise zu sprechen – um, wie er sagt, „die Welt vorzuwarnen“. Birol hat kaum mehr als 20 Minuten Zeit, als er die F.A.Z. am Freitagnachmittag in der Pariser IEA-Zentrale empfängt. Am Abend steht ein Flug nach Australien an. Seine Miene ist ernst, seine Stimme schwer.

„Ich habe nicht den Eindruck, dass die politischen Entscheidungsträger die Tragweite des Problems, in dem wir uns befinden, schon verstanden haben“, sagt Birol. Er spart nicht mit Superlativen. Man stehe vor der „größten Bedrohung der Energiesicherheit in der Geschichte der Menschheit“.

Wenige Zahlen sollten aus Sicht des IEA-Chefs reichen, um die Schwere der Krise zu verdeutlichen. So sei das Ölangebot in den beiden Krisenjahren 1973 und 1979 zusammen um etwa zehn Millionen Barrel am Tag geschrumpft – während es aktuell elf Millionen Barrel am Tag seien. „Der Schaden ist also größer als bei diesen beiden großen Ölpreisschocks zusammen“, betonte Birol.

IEA-Chef Fatih BirolLorraine Hellwig

Wenn es ums Gas geht, sei der Schock noch größer. Während das Angebot nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine um 75 Milliarden Kubikmeter gesunken sei, beliefen sich die aktuellen Verluste im Mittleren Osten auf etwa 140 Milliarden Kubikmeter, also fast das Doppelte.

Kurzfristig seien die Möglichkeiten begrenzt

Dass auch der Handel mit petrochemischen Produkten, Düngemittel und anderen wichtigen Rohstoffen wie Schwefel und Helium über die Straße von Hormus abgewickelt wird, mache die Lage noch dramatischer. „Das sind die Hauptarterien der Weltwirtschaft, und sie sind fast alle lahmgelegt“, so Birol. Und die Situation verschlechtere sich täglich. „Wenn man all diese Dinge zusammennimmt, wird die Weltwirtschaft großen, großen Risiken ausgesetzt sein, wenn die Straße von Hormus nicht bald wieder geöffnet wird“, fügte er an. Doch selbst dann könnte es bis zu sechs Monate dauern, bis einige der stillgelegten Öl- und Gasfelder wieder in Betrieb genommen werden können.

Selbst kann Birol nur mittelbar handeln. Die IEA, an deren Spitze der Türke seit inzwischen mehr als zehn Jahren steht, hat auf dem Papier keine Befugnisse. Und mit knapp 80 Millionen Euro verfügt sie obendrein nur über ein überschaubares Jahresbudget.

Doch als geistige Autorität wird Birol auf der ganzen Welt respektiert. Sein Wort hat in der Fachwelt und Politik Gewicht. Seine Reise nach Australien dient denn auch dem Ziel, Premierminister Anthony Albanese dazu zu bringen, seinen Beitrag zur Lösung der Energiekrise zu leisten. Anschließend reist er nach Japan weiter, um Premierministerin Sanae Takaichi zu treffen. Die Rolle der IEA sei es nach Aussage Birols, „internationale Energiediplomatie“ zu betreiben.

Dabei geht es nicht zuletzt um das Bemühen, Länder wie Australien, Kanada, Mexiko und die USA zu einer höheren Öl- und Gasförderung zu bewegen. Auch Brasilien, Argentinien und der Karibikstaat Guayana könnten mehr fördern. Ob das globale Ölangebot in diesem Jahr trotz Irankrieg zulegen wird, wie die IEA in ihrem jüngsten Ölmarktbericht noch in Aussicht gestellt hatte, wollte Birol nun nicht mehr sagen. Kurzfristig seien die Möglichkeiten der Produktionsausweitung begrenzt. Birol schließt deshalb nicht aus, dass die 32 Industriestaaten der IEA weitere strategische Ölreserven freigeben, zusätzlich zu den bereitgestellten 400 Millionen Barrel.

„Deutschland hat einen riesigen strategischen Fehler begangen“

„Das sind 20 Prozent unserer Vorräte, wir verfügen also immer noch über 80 Prozent“, stellte er klar. Falls erforderlich, werde man eine weitere Freigabe prüfen. Versorgungsengpässe seien schließlich nicht auszuschließen.

Gerade deshalb seien aber auch Verbrauchssenkungen wichtig, mahnte Birol mit Verweis auf die am Freitag vorgestellten Sofortmaßnahmenkatalog der IEA, in dem sie unter anderem zu geringeren Tempolimits und mehr Homeoffice rät. Von der Erschließung neuer Ölförderquellen in Europa hält er hingegen wenig. „Selbst wenn sie am Montag mit neuen Erkundungen beginnen, wird es zehn Jahre dauern, bis das Öl auf den Markt kommt“, so Birol.

Wovon der IEA-Chef den Europäern ebenfalls abrät: wieder mehr Gas aus Russland zu beziehen. Das sei aus drei Gründen falsch. Erstens sei das russische Gas nicht billig, da es an die Ölpreise gekoppelt und deshalb genauso hoch sei wie die aktuellen Gaspreise in Europa. Zweitens sei ein höherer Bezug technisch nicht möglich, weil die Nord Stream 1-Pipeline zerstört und Nord Stream 2 nie zertifiziert worden sei. Auch auf dem Seeweg gäbe es große Hürden wegen der geringen Verfügbarkeit von Eisbrechern und Flüssiggastankern. Drittens könne Russland nicht mehr als zuverlässiger Partner angesehen werden. Europa sei – trotz Warnungen der IEA – schon einmal in die Gasabhängigkeit von Russland geraten und sollte es nicht wieder tun, betonte Birol.

Allzu viele Gasalternativen für die Europäer hat er allerdings auch nicht parat. „Es gibt nicht viele Länder, aus denen sie zusätzliches Gas beziehen können“, so der IEA-Chef weiter. Möglicherweise könnte man aus Norwegen, Kanada und aus den USA etwas mehr beziehen, aber nicht viel. Dringend geboten sei deshalb, die Effizienz der Nutzung von Öl und Gas weiter zu verbessern.

Zudem müssten die erneuerbaren Energieträger stärker ausgebaut werden. Hier attestiert Birol Deutschland „viele richtige Schritte in die richtige Richtung“. Für die Vergangenheit gilt das jedoch nicht. „Deutschland hat – ich sage das seit fast 20 Jahren wie eine kaputte Schallplatte – einen riesigen strategischen Fehler begangen, indem es die Kernkraftwerke stillgelegt hat“, so Birol.

„Die Situation wäre heute nicht so schlimm, wenn Deutschland die Kraftwerke noch hätte“, unterstrich er. Umso mehr hofft er, dass nun die richtigen Lehren aus dieser Krise gezogen werden. 40 Prozent aller heutigen Kernkraftwerke auf der Welt seien als Reaktion auf die Ölkrise in den siebziger Jahren gebaut worden.

Heute sieht Birol in modularen Minireaktoren mittelfristig viel Potenzial. „Ich glaube, dass sie Anfang der 2030er-Jahre auf den Markt kommen werden“, sagte er. Doch auch mit Blick auf die Industrie sollten wie in den 1970er-Jahren Lehren aus der Krise gezogen werden. „Der Benzinverbrauch von Autos hat sich als Reaktion auf die Ölkrise halbiert“, sagte er. Die Autos seien viel effizienter geworden. Auf einen solchen Effizienzschub und einen Schub für Elektroautos hofft Birol auch jetzt.

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