Sein Großvater war Grubenarbeiter, er spielte bei Olympia in Paris auf einem brennenden Flügel. Sofiane Pamart hat sich aus dem Kohlerevier an die Spitze gespielt, zunächst mit Rap, heute mit Klassik. Hier verrät der französische Superstar seine Erfolgsformel.
Seinen Bösendorfer nimmt er mit, egal, wohin es geht. Sofiane Pamarts Instrument reist um die Welt. Es wird in Los Angeles aufgeladen, aus der Villa mit dem sagenhaften Blick über West Hollywood, wo Pamart seit bald zwei Jahren lebt, durch den Panamakanal transportiert, über den Atlantik bis in die französische Hafenstadt Le Havre. Ein Flügel auf hoher See, vielleicht auch zwei, man weiß ja nie.
Gut verpackt irgendwo im Bauch eines Containerschiffs, so muss man sich das wohl vorstellen. Aber man kann sich auch ein anderes Bild machen und vor dem inneren Auge Pamarts Bösendorfer auf dem Deck eines Kreuzfahrtschiffes sehen, in dunkler Nacht, man kann sich vorstellen, wie er sich über die Tasten beugt und mit seiner Musik zu erzählen und zu malen beginnt. Denn er ist ein Impressionist, Bewunderer von Frédéric Chopin, Claude Debussy, Maurice Ravel, Pamart ist ein Poet, der Claude Monet des Flügels, der die klassische Klaviermusik massentauglich gemacht hat.
An diesem Abend im Januar steht sein Bösendorfer auf der Bühne der Pariser Opéra Garnier, ein zweiter im spektakulären Grand Foyer des Opernhauses, wo sich ein auserwählter Kreis zum „After“ nach dem Konzert zusammenfindet, junge Frauen in Abendkleidern, spanische Mannequins in Roben wie Skulpturen, Champagner ohne Ende, Männer mit Capes, Hüten und Spazierstöcken, als hätte der Fürst Salina, Don Fabrizio, persönlich zum Ball geladen, eine Szene wie aus „Der Leopard“.
Pamart selbst trägt das siebente Outfit an diesem Tag, das dritte des Abends, ein schwarzes, transparentes Spitzenhemd, mit Strass besetzte Stiefeletten. Die dunklen Augen hat er mit schwarzem Kajal betont. Auch sein Publikum hat er gebeten, sich in Schale zu werfen. „Es freut mich, dass die Leute mitgespielt haben“, sagt er, er sei etwas nostalgisch und sehne sich nach Zeiten zurück, als man sich für besondere Gelegenheiten noch zurechtgemacht habe.
Das Gespräch mit dem Komponisten und Pianisten findet statt im „Hôtel Alfred Sommier“, einem ehemaligen Stadtpalast des gleichnamigen Zuckerbarons, heute ein Luxushotel. Das Dekor erinnert an den Élysée-Palast. Hier, in einem dieser mit Stuck geschmückten Säle, hat er vor wenigen Monaten den Ritterorden der französischen Ehrenlegion erhalten, ein Moment großen Stolzes, die Belohnung für „die Bemühungen mehrerer Generationen, eine große Ehre für meine ganze Familie“.
Es wirkt, als habe sich Pamart nach seiner Rap-Phase neu erfunden, als träume er jetzt vom Leben in einer vergangenen Epoche, dem Second Empire vielleicht, als man das Äußere pflegte, ambitioniert nach Höherem strebte und Paris komplett umgebaut wurde.
Selbst ernannter „Piano King“
Man war von ihm gewohnt, dass er oft seine Haarfarbe änderte, die Augen hinter den kleinen, bunten Gläsern seiner Brille von Gouverneur Audigier verbarg. Wie die Rapper trug er manchmal Grillz auf den Zähnen. Nach knapp zwei Jahren in Hollywood sieht Pamart wie ein anderer Mensch aus. Er hat stark abgenommen, trägt das dunkle Haar lang und lockig. Seine Villa liegt über dem berühmten Hotel Château Marmont, gleich neben einem Canyon. Jeden Morgen geht er mindestens eine Stunde spazieren. Er hat die Lebenshygiene eines Hollywoodstars, macht Sport, ernährt sich gesund, trinkt keinen Alkohol. „Ich habe irgendwann begriffen, dass der Druck enorm ist und mein Ehrgeiz mich zwingt, wie ein Hochleistungssportler zu leben“, sagt Pamart.
Bald führt ihn seine Tournee nach Deutschland, in die Elbphilharmonie nach Hamburg, nach München und nach Berlin, eine Stadt, die viel in ihm zum Klingen bringt. Dort spüre man, wie die junge deutsche Generation die schreckliche Last der Geschichte akzeptiert und daraus etwas Positives gemacht hat. Überhaupt fasziniert ihn Deutschland, die „wahnsinnige Kreativität gepaart mit Strenge und Disziplin, absolute Ernsthaftigkeit gepaart mit totaler Freiheit“.
Pamart weiß inzwischen, dass eine Flugreise seinem Instrument weniger schaden würde als die feucht-salzige Meeresluft, aber er findet die Vorstellung des Flügels, der den Atlantik langsam überquert, poetischer. Ähnlich poetisch wie das Bild des brennenden Flügels auf der Seine, einer der Höhepunkte der ebenso verregneten wie atemberaubenden Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2024, das sich in das kollektive Gedächtnis eingebrannt hat. „Imagine“, sang Juliette Armanet, das alte Lied über Liebe und Frieden. Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin. Das lodernde Piano Pamarts sorgte für einen Moment der Rührung. „You may say I’m a dreamer“, du magst behaupten, ich sei ein Träumer, sang John Lennon, bevor er ermordet wurde.
Sofiane Pamart, 35, ist ein Musiker der Superlative: einer der meistgestreamten Pianisten weltweit, selbst ernannter „Piano King“, der Mann, der mit seiner Musik die Herzen erreicht. Vor allem ist er der erste Pianist, der in der 20.000 Plätze zählenden Pariser Accor Arena vor ausverkauftem Haus spielte. Der erste wird er sein, so hofft er, der nächstes Jahr im April das Stade de France füllt. Ein Stadion, ernsthaft?
Pamart hat seine Pianistenkarriere sehr genau geplant, sie folgt einem Businessplan. Mit seinem Manager Guillaume Héritier hat er ein Modell ohne Zwischenhändler entwickelt. „Ich will enorm viel Geld verdienen“, sagt er ohne Umschweife, „aber Geld ist nur ein Werkzeug“, versichert Pamart, eine unsichtbare Hand, die alles möglich mache. Das hat er früh begriffen. Nach der Ausbildung am Konservatorium hat er noch einen Master in Management für kreative Industrien drangehängt. „Der Ehrgeiz ist wie Feuer, das in mir lodert“, sagt Pamart, „erlernen kann man ihn nicht, er ist da oder nicht, aber er kann einen auch von innen zerfressen und zerstören. Ich habe beschlossen, aus diesem Ehrgeiz etwas Positives zu machen.“ Sein Rat lautet, nie aufzugeben. Es sei nicht schlimm, wenn man beim ersten Mal scheitert. „Aber Aufgeben geht nicht.“
Alles begann mit zwölf Tasten, in einem Vorort von Lille. Der Großvater mütterlicherseits war aus Marokko eingewandert und hatte in den Kohlegruben des französischen Nordens gearbeitet, bis ihn schlagende Wetter umhauten, wie die Kumpel das tödliche Gas nannten, das der Berg manchmal ausspuckte. Seine Mutter hatte sich aus den Verhältnissen befreit, hatte studiert, unterrichtete Französisch am Gymnasium. Der Vater leitete eine Sprachschule für „Französisch für Ausländer“. Kultur gab es im Überfluss, Geld weniger. Aber ihm eine Unterschicht- oder Banlieue-Biografie anzudichten, wie es deutsche Medien getan haben, ist falsch.
Als der kleine Sofiane sein Spielzeugklavier geschenkt bekam, das mit den zwölf Tasten, entging seiner ehrgeizigen Mutter nicht, dass er fast jede Melodie einfach nachspielen konnte. Sie meldete den Siebenjährigen in der Musikschule an. 16 Jahre später verließ er das Konservatorium von Lille mit der Goldmedaille. Dazwischen lagen viele Stunden einsamen Übens. „Natürlich braucht es Disziplin und Leidensbereitschaft. Man muss sich das wie einen Hochleistungssportler vorstellen, der beim Training auch leidet, wir haben dasselbe Verhältnis zum Schmerz“, sagt Pamart. Inzwischen hat er drei Solo-Alben rausgebracht, „Planet“ (2019), „Letter“ (2022) und „Noche“ (2023) und mit fast allen großen Rappern zusammengearbeitet, mit Scylla, SCH, Maes. Seine Goldenen Schallplatten kann er kaum zählen.
Was ist eine übellaunige Kritik?
Aber was macht Pamart künstlerisch so besonders, was erklärt seinen Erfolg? Ist es die Mischung aus klassischer Ausbildung und eigener Komposition? Ist es das Einreißen von Mauern, das Übertreten von Grenzen, das Brechen der Codes, was ihn so erfolgreich macht? Seine Kompositionen fallen bei den Streamingdiensten unter die Kategorie „Neoklassik“. Pamart kann mit solchen Kategorien nichts anfangen. „Man kann eigentlich alles und jeden in diese Schublade stecken, niemand eckt an“, sagt er. „Für mich kommt es nur auf eine Frage an: Löst die Musik Emotionen aus, berührt sie?“ Dafür brauche es Aufrichtigkeit, Authentizität. „Die Ausführung muss nicht perfekt sein, solange die Ausführung aufrichtig ist.“
Den Vorwurf, er mache Fahrstuhlmusik, lässt er an sich abprallen. Über sein jüngstes, in Südamerika komponiertes Album, „Noche“, schrieb eine französische Musikkritikerin, Pamart serviere in allen Stücken dieselbe Suppe, drei harmonische Klischees, die er bei Astor Piazzolla abgekupfert habe, „mit denen unser Genie, anstatt sich mit Komponieren abzumühen, ebenso bravourös improvisiert wie jeder dahergelaufene Kokser“, der den Walzer aus „Die fabelhafte Welt der Amélie“ auf einem Bahnhofs-Klavier runterleiere. Pamart und sein Manager können über solchen Kritiken vermutlich nur lachen. Was zählt eine übellaunige Kritik angesichts über 600 Millionen Streams auf Spotify?
Bei seinem Pariser Konzert ist Pamart zum ersten Mal mit dem Mädchenchor des Prager Sinfonieorchesters aufgetreten. Sie sangen düstere Texte auf Lateinisch. „2025 war ein hartes Jahr für mich“, erzählt er. Drei Freunde habe er in einem Jahr verloren, aber eine Geburt gefeiert. Das Stück „Berlin“ spiegelt die düstere Weltlage wider: Bellum per terram diffunditur. „Der Krieg breitet sich auf der Erde aus“. Wie er das Leben in den USA empfindet? Themen wie Donald Trump meidet er. „Ich habe beschlossen, mich von nichts Negativen um mich herum beeinflussen zu lassen, und will etwas Positives in den Herzen der Menschen aussäen. Meine Mission ist die Musik.“
Source: welt.de