Ich schau dir in die Hirnrinde, Kleines!

Wer attraktiv ist und sich präsentieren kann, ist bei Bewerbungen im Vorteil. Damit könnte bald Schluss sein, glaubt Neurowissenschaftler Simon Eickhoff. Er arbeitet an Gehirnscans, die mithilfe von KI die Persönlichkeit und ihr Potenzial erkennen können.

Stellen Sie sich vor, Sie bewerben sich für einen neuen Job. Sie kommen in die engere Auswahl und werden eingeladen. Doch es gibt kein Assessment Center, keinen standardisierten Test und auch kein Auswahlgespräch. Stattdessen schiebt man Sie und Ihre Mitbewerber in ein MRT-Gerät, erstellt einen Gehirnscan und lässt am Ende die KI entscheiden, wer eingestellt wird. Science-Fiction? Vielleicht. Undenkbar? Nein.

Der Mann, der daran arbeitet, aus Science-Fiction Wirklichkeit zu machen, sitzt in einem simplen Büro mit weißen Wänden, ziemlich leeren Regalen, Schreibtisch und Sitzecke. Simon Eickhoff ist Direktor für Neurowissenschaften und Medizin am Forschungszentrum Jülich, einem weitläufigen und gut bewachten Gelände voller wissenschaftlicher Institute. Für die Daten, mit denen er hier arbeitet, braucht es nicht mehr als seinen Computer. Doch sie könnten unsere Gesellschaft nachhaltig verändern.

Die Rechenpower explodiert – die Forschung auch

Eickhoffs Weg beginnt in der Medizin. Im Zivildienst arbeitet er im OP, später promoviert er in Neuroanatomie. Immer intensiver beschäftigt er sich damit, wie unser Gehirn aufgebaut ist und wie sich das auf unser Verhalten auswirkt. Noch heute arbeitet er auch als Institutsleiter an der Uniklinik Düsseldorf. Als der 46-Jährige mit seinem Schwerpunkt beginnt, forscht er auf Grundlage klinischer Studien an vielleicht 15 oder 20 Probanden. Heute gibt es riesige Datensätze aus 50.000 Personen. Methoden und Rechenpower seien „explodiert“, wie Eickhoff das nennt. Wo er früher Daten einfach nur beschrieben hat, trainiert er damit jetzt Modelle, die sich auf jeden neuen Einzelfall übertragen lassen sollen. „Das gibt uns endlich die Möglichkeiten, mehr oder weniger populationsbasiert zu arbeiten.“

Darauf, dass sich die Arbeit in diesem Büro dem komplexesten Organ des menschlichen Körpers widmet, deutet nur das äußerst analoge Gehirnmodell hinter seinem Schreibtisch hin. Eickhoff nimmt in einem Sessel der blau gepolsterten Sitzecke Platz und erklärt, was sich daraus digital schon ablesen lässt: kognitive Fähigkeiten, medizinische Diagnosen mit Genauigkeiten von 80 bis 85 Prozent, Alter mit Abweichung von bis zu vier Jahren. Das sind die aktuellen Erfolgswerte der Künstlichen Intelligenz (KI), die Eickhoff weiter nach oben treiben und in Algorithmen pressen will. Er sagt aber auch: „Wenn die methodischen und technischen Fragen geklärt sind, ist es möglich, quasi jede Eigenschaft vorherzusagen.“

KI als Frühwarnsystem für Depression und Demenz

Vereinfacht ist das Prinzip dahinter recht simpel. Es braucht nur sehr viele Gehirnscans und sehr viele herausgearbeitete Eigenschaften der jeweiligen Probanden. Die KI kann daraus lernen, was im Gehirn worauf hindeutet und es dann auf neue Fälle übertragen. In der Medizin klappt das schon heute ziemlich gut. Dort ist die KI zuverlässig genug, dass sie vielleicht bald als eine Art Frühwarnsystem fungieren kann, das erste Anzeichen für einen Depressionsschub oder eine Demenz besser erkennen kann als der Arzt. Der wiederum bleibt wichtig, um die „blinde“ KI mit seinen Eindrücken zu ergänzen und um Vertrauen zu stiften. „Was ihnen ein Arzt empfiehlt, würden die meisten Menschen eher nehmen“, sagt Eickhoff. Brücken bauen, um Akzeptanz zu schaffen, nennt er das.

Seine Forschung führt ihn immer wieder über die Grenzen seiner eigenen Wissenschafts-Bubble hinaus. Im vergangenen Jahr trat Eickhoff unter dem Titel „Die Gedanken sind frei? – Wenn KI das Gehirn lesen kann“ auf der Digital-Konferenz Re:publica in Berlin auf. Dabei sprach er vor allem über die Möglichkeiten, die seine Forschung fernab der Medizin bietet. Helfen könnte sie beispielsweise gegen die „Pretty Privilege“, den über zahlreiche Studien hinweg nachgewiesenen Vorteil von schönen Menschen bei Lebenschancen, Gehalt und in konkreten Situationen wie dem Vorstellungsgespräch.

Die ganze Persönlichkeit vorhersagen?

„Im Assessment Center geht es weniger darum, was kann ich, sondern wie gut kann ich präsentieren, dass ich etwas könnte“, sagt Eickhoff. Menschen treffen darin ein soziales Urteil, lassen sich von Aussehen, Ausstrahlung und Sympathie blenden. Einstellungstests wiederum bietet Objektivität, messen aber kaum die Eigenschaften, die über einen guten Mitarbeiter entscheiden. Hier fehlen Zuverlässigkeit und Brauchbarkeit. „Immer geht es darum, eine innere Eigenschaft zu bewerten, auf die ich keinen direkten Zugriff habe.“ Direkt in den Kopf zu schauen, könnte ein Schritt zu mehr Fairness sein.

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Damit das gelingt, muss die KI ganze Persönlichkeiten vorhersagen. Das aus den komplexen Gehirnmustern abzulesen, sei prinzipiell denkbar, sagt Eickhoff. In der Tendenz gehe es schon heute, „aber noch mit viel Grundrauschen drumherum.“ Das liegt vor allem am Problem des doppelten Modellsprungs. Anders als bei medizinischen Fragen lasse sich die Diagnose nicht einfach durch den weiteren Krankheitsverlauf überprüfen. Ob jemand gewissenhaft oder ehrlich ist, muss sich zunächst in einem Modell abbilden lassen. Erst im zweiten Schritt geht es dann um das passende Testverfahren.

Werden die Träume von Diktatoren wahr?

Sollte das irgendwann zuverlässig möglich sein, könnten Gehirnscans über Lebenschancen entscheiden. Es ist ein Satz, der unweigerlich nach Orwells „1984“ und dem Traum moderner Diktaturen klingt. „Die Auswirkungen von dem, was da kommen wird, sollten wir besser jetzt als später diskutieren“, hatte Eickhoff schon vor seinen Re:publica-Zuschauern in Berlin gemahnt. In seinem Büro in Jülich spricht er über Versicherer in den USA, die sich schon heute für die medizinischen Voraussagen der KI interessieren. Wenn die bald Menschen früher über Gesundheitsrisiken aufklären, könnten sie ihnen auch dabei helfen, eben diese Menschen frühzeitig als Risiko auszuschließen.

Andere, eher politische, Schreckensszenarien hält Eickhoff hingegen für weiter hergeholt. „Natürlich kann man sich vorstellen, dass das in nicht-demokratischen Gesellschaften zur internen Kontrolle genutzt werden soll.“ Doch die Operationalisierung, die schon den Fortschritt beim Persönlichkeitsscan bremst, sei hier noch viel schwieriger. „Um eine gute Prognose für Systemkritik oder Aufruhr zu erschaffen, brauchen sie Tausende Personen, von denen Sie zuverlässig wissen, wie gerne sie unser System stürzen würden.“ Es ist nicht gerade die Art von Information, die Menschen ehrlich preisgeben. Hinzu kommt, dass das Gehirn als plastisches Organ ständigem Wandel unterzogen ist. Ist der Scan nicht aktuell, ist er ziemlich unbrauchbar.

Zu einem totalitären Lügendetektor tauge seine Forschung nicht, versichert Eickhoff. Ebenso nicht als Partnervermittlung. Es sei unmöglich, bei der Liebe zu operationalisieren, was der Einzelne wirklich will.

„Die Science-Fiction, die wir anstreben“

Heute arbeitet ein kleines Feld der Spitzenforschung daran, dass die neue Technologie überhaupt einen Nutzen bringt. Eickhoff hat Kollegen in Europa, Asien und den USA, die alle vor denselben Problemen stehen und dabei untereinander deutlich weniger vernetzt sind als noch vor Corona und der weltpolitischen Entwicklung der jüngsten Vergangenheit. Sie versuchen die Algorithmen, die häufig noch aus sehr regionalisierten Daten bestehen, „menschheitsfest“ zu machen und suchen nach den besten Wegen, um genau das zu messen, was sie messen wollen. Das Ziel sind Gehirnscans, die sich möglichst simpel erstellen und analysieren lassen. Denn, solange sie nur in großen Wissenschaftszentren wie Jülich umsetzbar sind, bleiben sie ein rein theoretisches Konstrukt.

Niemand weiß, wo diese Entwicklung einmal endet. 15 Jahre, maximal. Weiter kann auch jemand wie Simon Eickhoff die technische Zukunft nicht antizipieren. Bis dahin sieht er deutlich mehr Nutzen als Schaden. Eine KI, die Ärzten hilft, Krankheiten ihrer Patienten besser vorzubeugen, Gutachtern vor Gericht gerechtere Urteile zu fällen und Personalern die fähigsten den sich am besten präsentierenden Bewerbern vorzuziehen. „Das ist die Science-Fiction, die wir anstreben“, sagt Eickhoff im Sessel seines Büros, in dessen Hintergrund sich der Blick in ein kleines Waldstück abzeichnet. Es wäre der Sieg der Utopie über die Dystopie.

Marc Latsch

Source: welt.de

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