„Ich möchte Trump wirklich keine Szene verschenken, ich finde dasjenige gefährlich“

Von der Manosphere-Ballade bis zum „Trump-Selenskyj-Chor“: Wie bringt man das Buch, das den heutigen Präsidenten der USA 1987 zum Bestseller-Autor machte, auf die Theaterbühne? Antworten gab es jetzt in Bochum, man folgt hier Donald Trumps drei goldenen Regeln.

Audioplayer wird geladen

„Ich meine, ein Buch von Donald Trump mit Cello und Gitarre, hä?“ Als Zuschauer kann man die Verwirrung der Schauspielerin Abenaa Prempeh sehr gut nachvollziehen. Denn es ist ein ungewöhnlicher Theaterabend, den man in den Kammerspielen des Bochumer Schauspielhauses zu sehen bekommt. Da stehen acht Stühle mit Mikrofon auf der Bühne, auf denen das Ensemble – sechs Schauspieler und zwei Musiker mit Gitarre und Cello – Platz nehmen wird. Sie haben sich vorgenommen, einen Kassenschlager aus dem Jahr 1987 auf die Bühne zu bringen: „The Art of the Deal“ von Donald J. Trump und seinem Ghostwriter Tony Schwartz. Fast ein Jahr hielt sich das Buch, eine Mischung aus Tagebuch und Ratgeber, damals in den Bestsellerlisten. Glaubt man dem Mann, der mit erfolgversprechendem Lächeln auf dem Titelblatt prangt, ist es das beliebteste Buch der Welt. Nach der Bibel. Das ist eine seiner großen Weisheiten: keine Angst vor Übertreibungen! Menschen wollen glauben, dass etwas das Größte, das Beste und das Spektakulärste ist, so Trump in „Die Kunst des Erfolgs“, wie das Buch auf Deutsch heißt.

Die Kunst der Übertreibung kultiviert Trump inzwischen bereits in zweiter Amtszeit als Präsident der USA. „Make America Great Again“ ist seine Parole für das Imperium im Niedergang. Das hatte bereits Ronald Reagan 1980 in seinem erfolgreichen Wahlkampf versprochen, der einen großen nationalen Kreuzzug beschwor, den sein Nachfolger im Geiste heute in Wort und Krieg weiterführt. Was also verrät uns „The Art of the Deal“ über den heutigen US-Präsidenten? Das rätselt auch das Ensemble. Und lädt sich für die authentische Expertise mit Mona Vojacek Koper eine „echte“ Amerikanerin ein, die kurz erzählt, was von Reagan über Bush sen. und jun. bis Trump passiert ist. Wobei sich Lukas von der Lühe als politisch korrekter Bedenkenträger der Truppe beschwert, dass man nicht immer Amerika sagen soll, wo die USA gemeint sind. Und überhaupt: „Ich möchte Trump wirklich keine Bühne geben, ich finde das gefährlich.“ Was nun?

Lesen Sie auch

Der Abend beginnt als charmantes Metatheater, wie man es von dem niederländischen Kollektiv Wunderbaum und dem Regisseur Walter Bart kennt. Vor drei Jahren wurde Wunderbaum, die damals noch das Theaterhaus in Jena leiteten, mit dem Stück „Die Hundekotattacke“ zum Berliner Theatertreffen eingeladen und spielte sich dort in die Herzen des Hauptstadtpublikums. In Bochum greift Bart auf die Schablone seines größten Hits zurück. Indem die Schauspieler ihren E-Mail-Wechsel aus dem chaotischen Probenprozess – die Regie glänzt durch Abwesenheit, das Theater hat sich nicht um die Rechte für das Buch gekümmert und plötzlich stehen da zwei Musiker mit ihren Instrumenten auf der Probebühne – vorlesen, wird eine Scheinprivatheit inszeniert, die dem Publikum Einblicke hinter den Kulissen verspricht, inklusive kleiner Liebschaft zwischen Prempeh und Puk Brouwers, die aber noch vor der Premiere beendet wird.

Trump als Musical?

Natürlich dreht sich alles um die eine Frage: Wie soll man dieses Buch eigentlich auf die Bühne bringen, falls überhaupt? Vielleicht als Musical? Ein gemeinsamer Besuch beim Bochum-Klassiker „Starlight Express“ bestärkt das Ensemble in diesem Vorhaben. Es gibt viele musikalische Ideen, von einer Manosphere-Ballade über eine Dancehall-Einlage in Pidgin-Englisch („Kill dem wid Kindness“) bis zum an Philip Glass angelehnten Minimal-Music-Song, dem „Trump-Selenskyj-Chor“ mit dem eingängigen Text „You don’t have the cards“. Und wie wäre es mit einer riesigen Banane als Bühnenbild? Wird es eine Rollschuh-Nummer geben? Und könnte man mit dem Musical nicht gleich zur großen Wiedereröffnung des frisch umbenannten Trump-Kennedy-Arts-Center in Washington, D.C. auftreten? Die Mail-Anfrage geht am Morgen nach einer feuchtfröhlichen Feier raus.

Zur großen Freude des Publikums darf man nach knapp 80 Minuten eher spröde inszenierten Stuhlkreistheaters all diese Einfälle, so verrückt sie auch klingen mögen, tatsächlich noch auf der Bühne bestaunen: von der begehbaren und sogar schälbaren Riesenbanane (Bühne von Maarten van Otterdijk) bis zum Trump-Selenskyj-Chor. Die Musiker, Moritz Bossmann und Kristina Koropecki, spielen groß auf, ebenso das mit wundervollen 80er-Anzügen und Toupet-Frisuren geschmückte Ensemble (Kostüme von Bettina Kirmair). Stacyian Jackson holt sich für ihren Rap ebenso Szenenapplaus ab wie Koper im goldglitzernden Anzug für ihre Runden auf Inline-Skates (mit Beinahe-Crash nach unbeabsichtigtem Zusammenstoß mit dem Bühnenrand). Man folgt im Tanzschritt mit „The Art of the Deal“-Ausgaben in der Hand den drei Regeln, die Trump laut „The Apprentice“ von dem zwielichtigen Anwalt Roy Cohn lernte: 1. Attackieren, attackieren, attackieren. 2. Nichts zugeben, alles leugnen. 3. Immer den Sieg beanspruchen.

Lesen Sie auch

Das Bochumer Premierenpublikum, das sich kürzlich bei „Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten“ zur Attacke – allerdings auf einen Schauspieler – hinreißen ließ, ist begeistert und spendet stürmischen Applaus. Die Mischung aus Selbstironie, Unverzagtheit und Albernheit begeistert. Das ist vor allem kurzweilige Unterhaltung, jedoch weit weniger politische Aufklärung mit künstlerischen Mitteln als beispielsweise der Kinofilm „The Apprentice“. Und was bei „Die Hundekotattacke“ so großartig geklappt hat, nämlich aus dem Angriff des Tanzregisseurs Marco Goecke auf eine Kritikerin der „FAZ“ eine größere Geschichte über Shitstorm-Mentalität, mediale Erregung und Theater in der Provinz zu machen, gelingt mit „Die Kunst des Deals“ nicht wirklich, obwohl das erzählerische Gerüst fast eins zu eins übernommen wurde. Hits lassen sich – das haben sie wohl mit Deals gemeinsam – nicht einfach so wiederholen.

„Die Kunst des Deals“ läuft am Schauspielhaus Bochum.

Source: welt.de

BochumDonald (geb.1946)TheaterkunstTrump