„Ich habe im Büro aufwärts welcher Toilette gesessen und geweint“: Food-Influencer Andy Zingler via seinen Zick-Zack-Weg zum Erfolg

Hat Hunger: Andy Zingler zeigt seinen Followern, was er so isst. Und es läuft.
Andy Zingler

Andy Zingler ist mit Restaurants, Nachtclubs und Steakmessern groß geworden. Essen war für ihn nie ein Mittel zum Zweck, sondern Lifestyle. Heute ist er mit fast 100.000 Followern auf Instagram einer der erfolgreichsten Food-Creator Deutschlands – und ringt mit Druck, Depressionen und der Frage, was Erfolg eigentlich bedeutet. Ein Gespräch über Herkunft, Hunger und das Gefühl, endlich gesehen werden zu wollen.

Gründerszene: Andy, du bist mit Food-Content berühmt geworden. Wann hast du zum ersten Mal gemerkt, dass Essen in deinem Leben eine so wichtige Rolle spielen wird?

Andy Zingler: Mein Papa war Gastronom. Ich bin eigentlich komplett in Restaurants groß geworden. Wenn er Termine hatte oder Caterings, habe ich die Wartezeiten immer im Restaurant verbracht. Ich hab da rumgehangen, genascht, Leute beobachtet. Das war mein Ort. Essen war immer da, Gastro war immer da.

Was für ein Restaurant hatte dein Vater?

Ganz unterschiedliche Sachen, aber hauptsächlich Steak. So ein kleines Steakhaus in der Vorstadt, in Schwarzenbek. Und er hatte auch Nachtclubs damals. Als ich etwa sechs Jahre alt war, bin ich morgens in die Clubs rein, bevor die Reinigungskräfte kamen, wenn alle Gäste weg waren, und hab Kleingeld gesammelt. So um sechs, sieben Uhr. Das war völlig normal für mich.

Vom Restaurant ins Schiff und wieder zurück

Wann war für dich klar: Ich will selbst in die Gastronomie?
Ich wollte Koch werden. Schon früh. Mein Papa wollte das nicht.

Warum nicht?
Weil er genau wusste, wie dieses Leben aussieht. Dass vielleicht 0,5 Prozent der Köche ein wirklich schönes Leben haben – und der Rest einfach nicht.

Hat er dich aufgehalten?
Nee, gar nicht. Er hat immer gesagt: Mach. Du schaffst das. Du hast bis jetzt alles alleine geschafft.

Und dennoch bist du erstmal nicht in die Gastro.
Aus Vernunft. Ich habe eine Ausbildung in der Schifffahrt gemacht, in einer Tramp-Reederei – Schiffe vermietet, Crew organisiert, Häfen, Liegeplätze. Sehr strukturiert.

Wie war das für dich?
Eigentlich richtig gut. Ich bin sogar noch zwei Monate mit auf See gefahren, das habe ich geliebt. Aber Bürojob war nie mein Ding. Das war immer eher das, was das System gesagt hat: Mach das mal. Und ich bin da immer wieder reingerutscht. Gastro, dann wieder Büro, dann wieder Gastro. Dann ist mein Vater plötzlich gestorben. Da war ich 19.

Was war das Schwerste daran?
Mein Vater ist nicht plötzlich gestorben. Er hatte zwei Jahre lang Krebs. Metastasen, die sich durch den Körper gefressen haben, am Ende war überall Krebs. Der Tod selbst war irgendwann fast greifbar – jemand ist weg. Punkt. Das Schwerste für mich war nicht Schuld oder das Gefühl, dass ich ihm etwas weggenommen habe. Sondern dass er heute nicht mehr da ist. Dass er nicht sieht, was ich mache. Dass er nicht neben mir sitzt, mich anguckt und stolz auf mich ist. Oder ich ihn fragen kann, wie er Dinge sieht oder gemacht hätte. Weil ich gerne vieles so machen würde wie er, der Typ war einfach heftig. Ich glaube, das ist eines der schönsten Gefühle überhaupt – und genau das fehlt mir jeden Tag.

Was glaubst du, würde er heute sagen, wenn er sehen würde, was du machst?
Der würde komplett durchdrehen. Wenn ich ihm erzähle, dass Lufthansa mich Business Class nach New York fliegt oder Edeka mich nach Valencia einlädt – der würde sich krank freuen.

Was für einen Stellenwert hatte Geld für ihn?
Einen hohen, weil er nichts hatte. Seine Mutter war Kriegsflüchtling. Die haben sich alles aufgebaut. Er hatte dieses eine Ding: Er wollte, dass ich irgendwann 10.000 Euro im Monat verdiene. Nicht als Glücksversprechen, sondern weil er wusste, wie sehr das entlastet. Diese Zahl war immer in meinem Kopf.

Sein Gehalt: 2000 bis 25.000 Euro im Monat

In der Gastro wäre das schwierig geworden.
Als Angestellter praktisch unmöglich. Und das war mein innerer Konflikt: Leidenschaft Gastro – und dieses Mantra.

Und heute?
Ich habe dieses Mantra mehr als erfüllt.

Wie kam das mit Social Media?

Ich habe schon immer Sachen gepostet. Aber ich wusste lange gar nicht, dass man damit Geld verdienen kann. Wir hatten diese Kochshow mit meinem Kumpel Felix Hartmann. Dann habe ich die “Brotdose” gestartet, wo ich einfach jeden Tag mein Essen gefilmt habe. Plötzlich ging das viral. Leute haben mich erkannt, ich wurde angesprochen. Wir haben ein Event gemacht, 300 Leute kamen. Da war Momentum.

Wann hast du gemerkt, dass es mehr als nur ein Hobby sein kann?
Bis die erste Werbeüberweisung kam. 2100 Euro. Plus 4000 ausstehend. Das war ungefähr mein Gastro-Gehalt. Ich habe mich gefragt: Was macht mir mehr Spaß? Am nächsten Tag habe ich gekündigt.

Ich nehme an, davon wurde dir abgeraten.
Alle. Meine Mutter auch. Mein Management hat drei Wochen versucht, mich zu bremsen. Aber ich bin Bauchgefühl-Typ. Und wenn mir jemand sagt, ich soll’s nicht machen, macht mich das eher heiß.

Hattest du Angst?
Ja. Ich habe mir Geld geliehen. Der erste Monat war schwach. Ich hatte 18.000, 20.000 Follower – eigentlich komplett irre, zu kündigen.

Wie viel verdienst du heute?
Von 2000 bis 25.000 Euro im Monat. Es gibt Monate, da zahlst du mehr, als du hast. Und Monate, da denkst du: What the fuck.

Wie die Depressionen sein Leben verändert haben

Kannst du stolz darauf sein?
Schwer. Mir fehlt dieser Schulterschlag von meinem Vater. Ich wünsche mir oft, dass seine Proudness in mich übergeht.

Du sprichst auf deiner Seite auch offen über Depressionen.
Weil sie mein Leben geprägt haben. Vor allem die Zeit im Bürojob. Ich hatte Panikattacken, mein Körper hat dichtgemacht.

Wie hat sich das gezeigt?
Ich konnte keine E-Mails mehr abschicken. Ich saß vor dem Rechner, wollte Enter drücken – und es ging nicht. Ich habe im Büro auf der Toilette gesessen und geweint. Ich lag bei meinem Mitbewohner im Bett, weil ich allein nicht klarkam.

Was war das Schwerste daran?
Die Scham. Dieses Gefühl: Alle anderen kriegen ihr Leben hin – nur du nicht.
Und der totale Mangel an Feedback. In der Gastro sagt dir jemand: ‚Danke, schöner Abend.‘ Im Büro wartest du Monate auf eine Mail.

Wie bist du da rausgekommen?
Erstmal gar nicht. Viel geweint. Dann Freunde. Medikamente. Und irgendwann die Entscheidung: Ich muss zurück zu Menschen. Gastro. Entertainen. ‚Ey, lasst uns heute einen geilen Abend haben.‘ Das hat mich gerettet.

Hast du dir eine Pause genommen?
Drei, vier Monate. Spazieren gehen. Kaffee trinken. System runterfahren.

Was würdest du Menschen raten, die sich ähnlich fühlen?
Nach außen gehen. Nicht alles mit sich selbst ausmachen. Und Dinge tun, die Spaß machen – auch wenn man denkt, nichts macht mehr Spaß. Deine Gedanken sind nicht immer deine. Das ist die Depression.

Gab es einen Schlüsselmoment?
Wegen Kurt Krömer bin ich zur Therapie gegangen. Als er mit Thomas Sträter gesprochen hat. Dieser Satz: ‚Glaub nicht alles, was du denkst.‘ Danach habe ich mir einen Therapieplatz gesucht.

Heute geht es dir besser.
Ja. Aber diese ‚You-made-it‘-Stories finde ich schwierig. Manche kämpfen zehn Jahre. Wenn jemand nach zwei Jahren raus ist und Glück hatte, kann das eher Druck machen.

Social Media ist heute eine neue Belastung.
Total. Ich bin 10 von 10 Handysüchtig. Neun, zehn Stunden Bildschirmzeit. Zahlen, Reaktionen, Kommentare. Mein Kopf kommt nie zur Ruhe. Und das Gemeine: Es ist mein Job.

Willst du manchmal komplett raus?
Nicht komplett. Ich sehe das Suchtverhalten und nehme es in Kauf. Aber ich brauche Auszeiten. Im Januar mache ich zwei Wochen komplett offline.

Hast du Angst davor?
Nein. Ich weiß nur: Die ersten Tage werde ich heulen. Und danach merken, dass es mir besser geht.

Source: businessinsider.de