„Ich bin immer wieder erstaunt“ – Macron weist Meloni zum Tod eines Rechtsradikalen in die Schranken

Der Fall des in Lyon zu Tode geprügelten Quentin Deranque sorgt auch international für Aufregung. Italiens Ministerpräsidentin Meloni bezeichnet den Vorfall gar als „Wunde für Europa“. Frankreichs Präsident verbittet sich eine Einmischung.

Der gewaltsame Tod eines jungen Rechtsradikalen in Frankreich hat zu einem ungewöhnlichen französisch-italienischen Schlagabtausch geführt. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron warf der italienischen Regierungschefin Giorgia Meloni indirekt eine unerwünschte Einmischung vor: „Ich bin immer wieder erstaunt zu sehen, dass Leute, die nationalistisch sind und nicht wollen, dass man ihnen reinredet, immer die Ersten sind, die kommentieren, was bei den anderen passiert“, sagte Macron am Rande seiner Indien-Reise. Es wäre besser, jeder würde sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern, fügte er hinzu.

Meloni hatte nach dem Tod des 23-jährigen Quentin Deranque bei einer gewaltsamen Auseinandersetzung von rechts- und linksextremen Aktivisten in Lyon von einem „Klima des ideologischen Hasses“ gesprochen, das sich ihrer Ansicht nach in mehreren Nationen ausbreite. Der Fall sei „eine Wunde für Europa“, schrieb sie auf X.

Der italienische Außenminister Antonio Tajani bemühte sich später um versöhnliche Töne. Der Tod des jungen Mannes sei ein Ereignis, „das alle angeht“, bemerkte er auf X. „In Italien hat es auch viele Quentins gegeben“, schrieb Tajani. Die Verurteilung solcher Taten solle auch „verhindern, dass wir in Italien in eine schlimme Vergangenheit zurückfallen“, schrieb er.

Deranque war am vergangenen Donnerstag bei Auseinandersetzungen zwischen rechts- und linksextremen Gruppen niedergeschlagen worden und starb zwei Tage später an schweren Kopfverletzungen. Nach Informationen des Investigativmediums „Mediapart“ hatte er im Mai an einem Neonazi-Marsch in Paris teilgenommen und am Boxtraining einer rechtsextremen Gruppe mitgewirkt.

Die Staatsanwaltschaft hat mittlerweile Ermittlungen wegen „vorsätzlicher Tötung“ gegen sieben junge Männer eingeleitet. Für die Verdächtigen im Alter zwischen 20 und 26 Jahren wurde Untersuchungshaft beantragt, wie Staatsanwalt Thierry Dran mitteilte. Die Auswertung von Zeugenaussagen und Videos habe eine „sehr hohe Zahl von Tritten direkt in das Gesicht und auf den Kopf“ des 23-Jährigen ergeben. Einige Beschuldigte hätten Beteiligungen an Gewalttaten eingeräumt, den Vorwurf der vorsätzlichen Tötung jedoch zurückgewiesen. Teilweise sollen sie unerlaubt Waffen mit sich geführt haben.

Zwei der Verdächtigen sind vorbestraft, gegen einen weiteren laufen Vorermittlungen wegen Gewalt mit rassistischem oder antireligiösem Hintergrund. Mehrere sollen Verbindungen zu linksextremen Gruppen haben. Zudem wird gegen drei Frauen und einen Mann ermittelt, die den mutmaßlichen Tätern bei der Flucht geholfen haben sollen. Sie sind vorerst auf freiem Fuß.

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Für politische Brisanz sorgt die mutmaßliche Beteiligung eines parlamentarischen Mitarbeiters der linkspopulistischen Partei La France Insoumise (LFI). Jacques-Elie Favrot, Mitarbeiter des LFI-Abgeordneten Raphael Arnault, räumte seine Teilnahme an den gewaltsamen Zusammenstößen ein, bestritt jedoch, für die tödlichen Tritte verantwortlich zu sein. Ein weiterer Mitarbeiter Arnaults steht im Verdacht, einem Beschuldigten bei der Flucht geholfen zu haben. Justizminister Gérald Darmanin und weitere Politiker forderten den Rücktritt Arnaults, die LFI lehnte einen Fraktionsausschluss ab. Parteikoordinator Manuel Bompard erklärte, ein Abgeordneter könne nicht für mögliche Straftaten seiner Mitarbeiter verantwortlich gemacht werden.

Der Fall sorgt gut drei Wochen vor den Kommunalwahlen für erhebliche Spannungen. Rechte und rechtspopulistische Politiker werfen der LFI vor, ein Klima der Gewalt zu fördern, während die Partei von einer „Instrumentalisierung“ spricht. Mehrere gemäßigte Linksparteien schließen inzwischen Wahlbündnisse mit der LFI aus. Der Bürgermeister von Lyon, Grégory Doucet, sprach sich für ein Verbot eines geplanten Trauermarschs aus und verwies auf die Gefahr weiterer Ausschreitungen. Die Familie des Getöteten rief über ihren Anwalt zu Ruhe und Zurückhaltung auf.

afp/jf

Source: welt.de

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