Kamera, Drehbuch, Regie – die werden in der Regel zuvorderst genannt, und das hätte auch bei diesem Schmuckstück von Serie seinen Sinn. Der wichtigste Kopf im Team vom „How to Kill Your Sister“, einem belgischen Trauerdrama, das mit befreiender Komik vom Schmerz des Weiterlebenmüssens erzählt, war jedoch der für die Besetzung verantwortliche Casting-Agent Sebastián Moradiellos. Er trommelte Schauspieler zusammen, die mit traumwandlerischer Sicherheit auf dem schmalen Grat zwischen existenzieller Verzweiflung und absurder Komik bewegen. Nie wird es kitschig und auch nicht klamaukig. Und wenn es doch mal gefährlich nah dran ist, zieht man sich gegenseitig mit helfenden Händen wieder in die Balance.
„How to Kill Your Sister“ ist keine Mördergeschichte, wie man annehmen könnte, sondern eine Liebesballade um das komplexe Gefühlsleben innerhalb einer Familie: Kat (Marjan De Schutter), eine ernste und leicht zum Maulen neigende Frau Ende zwanzig, bekommt eines Tages Besuch von ihrer Schwester Anna (Emma Rotsaert). Das Verhältnis der beiden war nie richtig eng. Nach dem Tod der Eltern blockte Kat den Kontakt sogar vollständig ab.
Lange Suche nach dem richtigen Satz
Doch jetzt bittet Anna um Hilfe. Sie sitzt in der klapprigen Familienkutsche von einst, hat einen leeren Sarg auf dem Dach festgeschnallt und erklärt Kat, in einigen Tagen aus freien Stücken sterben zu wollen. Sie leide unheilbar an Krebs und wolle dort ihre letzten Stunden verbringen, wo die Familie einst am glücklichsten war: in einem 2000 Kilometer von Belgien entfernt liegenden spanischen Dorf. In einem Einmachglas befindet sich die Asche der Eltern, mit der Anna nach ihrem eigenen Tod vermischt werden will.
Kat packt ihre Sachen und setzt sich schockiert, fast wortlos, auf den Beifahrersitz. Sie war schon vor diesem unerwarteten Besuch keine glückliche Frau. Ihre Villa wirkt unpassend neureich, ihr Mann Stefaan (Peter Gorissen) ist sehr viel älter, ihre Augen sind stumpf, und ihr Körper ist wohl schon immer viel schwerer als der mädchenhafte von Anna gewesen. Es ist nichts, was einen Menschen ausmachen darf, und doch trägt hier auch ihre Statur zum traumatisierten Erscheinungsbild bei.
„How to Kill Your Sister“ ist ein Roadmovie – wie viele Geschichten vom Tod, vom Leben und der Liebe oder Freundschaft. Die Fahrt führt über entlegene Straßen und durch einsame Orte, die der Kameramann Esmoreit Lutters in nostalgischen Kodakfarben fotografiert. Es gibt viel Zeit für Gespräche, lange Blicke durchs Fenster, langes Suchen nach dem richtigen Satz.
Und auch die obligatorische gute Musik. Die ist entweder retro-bombastisch oder minimalistisch, eingespielt mit Folk-Anklägen von Pieter Van Dessel und Meskerem Mees. Man fühlt sich sofort wie umarmt. Den Weg säumen mit einer Ausnahme eher einfache Leute: Menschen in Fußballtrikots, gestrandete Camper, ein Heizungsinstallateur, auf Kunden wartende Möbelhaushändler.
Die Lücke, die nach dem Tod der Eltern klafft
Die Eltern von Anna und Kat waren ebenfalls einfache Leute. Sie werden in den Rückblenden, die vom letzten Familienurlaub erzählen, ausgesprochen warmherzig gespielt von Nico Sturm und Sofie Declair. „Papa“ und „Mama“, die sich auch ständig so nennen, träumen seit jeher von einem biographischen Neustart im Süden, und sie haben ein Faible für Scherze, die immer auch etwas Melancholisches, ja Verzweifeltes haben. Aus einem Restaurant lassen sie ausgerechnet eine Buddhastatue mitgehen, an einer Tankstelle ziehen sie sich schräge Karnevalsmasken über den Kopf. Es ist keine Frage, dass dieses Paar das kleine Glück im Leben zu finden versteht. Umso größer ist für die Kinder die Lücke, die nach ihrem Tod klafft.
Diese Lücke ist das eigentliche Thema des Films – nicht Annas Krankheit, die sich nach einer gewagten Wendung als Notlüge erweist. Die Handlung wird nun von der Frage bestimmt, ob sich das dreiste Spiel mit den Gefühlen der Schwester noch schadlos enthüllen lässt. Und weshalb Kat nach dem Tod der Eltern den Kontakt zu ihr abbrach.
Die letzten Kapriolen des Drehbuchs von Evelien Broekaert, Pedro Elias, Tom Baetens, Youri Boone und Jonas Geirnaert, der auch Regie führt, sind wahrscheinlich zu viel. Aber egal, „How to Kill Your Sister“ bleibt eine glänzend gespielte, poetisch inszenierte Geschichte abseits des Mainstreams. In der bei Bedarf auch mal der spanische Schlagerstar von Papas altem Urlaubs-Mixtape unvermittelt auf dem Rücksitz Platz nehmen und mit dem Mikro in der Hand herumschmachten darf.
How to Kill Your Sister läuft in der ZDF-Mediathek und am 8. März ab 20.15 Uhr bei ZDFneo.
Source: faz.net