Wenn es um Michel Houellebecq geht, ist vieles nicht ganz sicher. Zum Beispiel lässt sich nicht so genau sagen, ob heute sein siebzigster Geburtstag ist oder nicht. Das hat weniger etwas damit zu tun, dass der französische Schriftsteller auf vielen Fotos, die es von ihm gibt, schon sehr viel älter ausgesehen hat als siebzig, eher wie mindestens fünfundachtzig. Und dies nicht etwa vor Kurzem, sondern schon im Jahr 2014 in Spanien: Seine Haare sind dünn und zerzaust, die Wangen eingefallen, eine Zigarette steckt in seinem zahnlos wirkenden Mund, die Haut ist sehr blass, die dünnen Arme nackt, der Oberkörper mit Jeansweste und Unterhemd bedeckt. Sonst nichts. Er sieht wirklich aus wie ein Greis.
Er müsste es eigentlich wissen
Doch haben die Inszenierungen des eigenen Körpers immer schon zu den Auftritten gehört, mit denen Houellebecq jedem Schönheitsideal der Mediengesellschaft hohnzusprechen schien. Und sie waren immer auch nur temporär. Gerade hatten sich alle an den Clochard gewöhnt, da erschien dieser im Intellektuellen-Look: dunkles Sakko, halbe Brille, Haare frisiert – und Zähne drin. Oder der Kettenraucher trat bei der von dem Künstler Christian Jankowski kuratierten „Manifesta 11“ im Juli 2016 in Zürich mit einem Arzt auf, der den Körper des Schriftstellers vollständig durchcheckte. Und die Überraschung: Houellebecq war auf der Lunge vollkommen gesund, wie auf dem ausgestellten Röntgenbild des Organs zu besichtigen war.
Warum sein tatsächliches Alter nicht genau auszumachen ist, liegt aber an etwas anderem: Manche behaupten, er sei am 26. Februar 1956 geboren, also heute vor siebzig Jahren, andere nennen den 26. Februar 1958 als sein Geburtsdatum. Zum Letzteren tendiert der Schriftsteller selbst; er müsste es eigentlich wissen. Doch ist der Text, in dem er davon erzählt, eines seiner wenigen autobiographischen Fragmente, was uns schon wieder misstrauisch stimmen sollte. Denn Michel Houellebecq schreibt keine Geständnisliteratur. Der Antrieb seines Schaffens ist kein autobiographischer. Das heißt nicht, dass es in seinem Werk keine autobiographischen Bezüge gäbe. Es gibt sogar sehr viele – allen voran die Tatsache, dass viele Hauptfiguren seiner Romane Michel heißen und ihrem Erfinder sehr ähnlich sind. Doch achtet der Autor zugleich darauf, dass die Ähnlichkeiten nicht zu groß werden und immer genügend Spielraum für jene Ambiguität bleibt, die ihn an der Literatur interessiert.
Wenn er trotzdem etwas Tagebuchartiges über sein Leben festgehalten hat, könnte das eine Ausnahme sein. Oder doch wieder ein Spiel mit der Form. Ganz genau werden wir es nie wissen. Seine Aufzeichnungen jedenfalls stammen vom 26. Februar 2005 und ein paar aufeinanderfolgenden Augusttagen im selben Jahr: Houellebecq hat gerade das Manuskript seines Romans „Die Möglichkeit einer Insel“ abgeschlossen, ist überzeugt, damit ein „Meisterwerk“ geschaffen zu haben, und ebenso sicher, dass das, was er in diesem Moment zu schreiben beginnt, keinerlei Bedeutung hat.
„Ich bin im Jahr 1956 oder 1958 geboren, ich weiß es nicht. Wahrscheinlicher ist 1958“, hält er fest: „Meine Mutter hat mir immer erzählt, mein Geburtsjahr falsch angegeben zu haben, damit ich, anstatt mit sechs, schon mit vier Jahren zur Schule gehen konnte. Sie war überzeugt davon, dass ich hochbegabt sei – weil ich mir mit drei Jahren anscheinend selbst das Lesen beigebracht habe. Als sie eines Abends nach Hause kam, war ich zu ihrer großen Überraschung dabei, in aller Ruhe Zeitung zu lesen.“
Worauf beruht sein großer Erfolg?
Ob seine Mutter aber tatsächlich nur gute Absichten verfolgt habe, als sie das Datum fälschte, wisse er nicht. Sie sei immer eine Expertin darin gewesen, die Dinge rückblickend so zu erzählen, dass sie für sie nützlich waren. Es sei also gut möglich, dass sie ihn zwei Jahre älter gemacht habe, um ihn einfach schneller loszuwerden. Fragt man sicherheitshalber bei Dumont nach, dem Verlag, in dem seit „Elementarteilchen“ Houellebecqs Romane auf Deutsch erscheinen (sein Roman „Ausweitung der Kampfzone“ erschien noch bei Wagenbach), heißt die Antwort auch von dort: „Wir haben mit mehreren Leuten telefoniert. Aber am Ende müssen wir sagen: Es soll wohl ein Geheimnis bleiben, wann Houellebecq wirklich geboren wurde.“
Worauf beruht der immense Erfolg von Houellebecqs Büchern? Es sind die immer neuen Entwürfe einer Gesellschaft am Abgrund. Visionen, die die Gegenwart verhandeln und Entwicklungen antizipieren: Humangentechnik in „Elementarteilchen“, Pornographie in „Plattform“, islamistischer Terror in „Unterwerfung“ oder die Proteste der Gelbwesten in „Serotonin“. Dabei haben Houellebecqs Reizthemen einen widersprüchlichen Twist. Die sexuelle Befreiung etwa, ursprünglich als Triumph über die Entfremdung in der autoritären Gesellschaft gefeiert, entpuppt sich als letzte Strategie des freien Marktes zur Zerstörung des Paares und der Familie. Trotzdem kostet Houellebecq sie in den Sexszenen, die ihn berühmt gemacht haben, erzählerisch voll aus. Der politische Grundtenor ist antimodern, die Art des Erzählens ist es nicht. Das ist der effektvolle Clash, der seine Romane so widersprüchlich, streitbar und immer interessant macht.
Er versuche, keinen Stil zu haben, hat Houellebecq einmal erklärt, was ein Paradox ist: Die angestrebte Abwesenheit von Stil, der Nichtstil, ist selbst ein Stilphänomen, nämlich das des „unprivilegierten Blicks“, wie Rainald Goetz das genannt hat: „Weil Houellebecq auf die Beiläufigkeit und Alltäglichkeit seiner Sprache genauso viel Wert legt wie auf die mittlere Durchschnittlichkeit seiner Helden“, so Goetz, „entsteht ein zugleich traditioneller und hochmoderner Realo-Stil des Erzählens.“
Nach dem renommierten Prix Goncourt für seinen wohl am wenigsten provokativen Roman, „Karte und Gebiet“, im Jahr 2010, markierte „Unterwerfung“ fünf Jahre später den Höhepunkt kontroverser Diskussionen um den Autor, dem Islamophobie vorgeworfen wurde. „Unterwerfung“ erzählt von der Machtübernahme einer gemäßigt islamischen Partei und ihres Präsidentschaftskandidaten Mohammed Ben Abbes im Jahr 2022, woraufhin in Frankreich Polygamie, ein öffentliches Alkoholverbot, das Verbot freizügiger Frauenkleidung sowie ein muslimisches Schul- und Hochschulsystem eingeführt werden. Das Buch erschien am 7. Januar 2015. Das war der Tag, an dem in Paris das islamistische Attentat auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ verübt wurde und am Kiosk die neue Ausgabe von „Charlie Hebdo“ gelegen hatte. Auf deren Cover: eine Karikatur des Zeichners Luz von Houellebecq. Der Schriftsteller war mit der Redaktion eng verbunden und verlor bei dem Attentat einen Freund, den Ökonomen Bernard Maris.
Der Vorwurf der Islamophobie kam hier nicht zum ersten Mal auf. Schon im Jahr 2002, als Houellebecq anlässlich seines Romans „Plattform“ in einem Interview mit der Zeitschrift „Lire“ behauptet hatte, „der Islam“ sei „die dümmste Religion von allen“, hatten muslimische Verbände sich zusammengetan und Anzeige wegen „rassistischer Beschimpfung“ sowie „Aufstachelung zum Hass gegen die muslimische Gemeinschaft“ erstattet. Houellebecq beharrte damals darauf, seine Äußerungen hätten sich lediglich gegen den Islam als Ideologie gerichtet, nicht gegen Muslime, und wurde vom Vorwurf der rassistischen Beleidigung und Beihilfe zur Anstiftung zum Rassenhass freigesprochen.
Lange blieb es allerdings nicht ruhig. Nach einem Gespräch mit dem Philosophen Michel Onfray in der Zeitschrift „Front Populaire“ flammte die Kritik im Dezember 2022 völlig zu Recht wieder auf. Unter dem Titel „Ende des Abendlandes?“ bedienten beide das rechtsextreme Narrativ vom „großen Bevölkerungsaustausch“. Als der Autor in seinem Buch „Einige Monate in meinem Leben“ beteuerte, es tue ihm alles leid, er sei nicht islamfeindlich und bedauere, dass er das Gespräch mit Onfray vor dessen Veröffentlichung nicht gegengelesen habe, hatten viele längst das Interesse an seinen irrlichternden Manövern verloren und sich von Houellebecq abgewandt.
Vor ein paar Wochen ist der Schriftsteller nach drei Jahren Funkstille wiederaufgetaucht. Anlass war der erste Song eines neuen Albums, das zusammen mit dem Komponisten Frédéric Lo entstanden ist: „Souvenez-vous de l’homme“ („Erinnert euch an den Menschen“). Das Lied, ein Sprechgesang des Schriftstellers, ist sehr schön und offenbart den Romantiker Michel Houellebecq, den man aus seinen Gedichten kennt. In Frankreich wird das Album, wie auch ein neuer Gedichtband, Anfang März erscheinen. Die Geburtstagsparty, falls es eine geben wird, ist dann vorbei. Wir sagen deshalb sicherheitshalber doch schon jetzt: Glückwunsch – zu welchem Geburtstag auch immer.
Source: faz.net