Hape Kerkeling verwandelt sich wieder in seine Kultfigur. Ob die Kinogänger bei „Horst Schlämmer sucht das Glück“ die Glückseligkeit finden?
Die große Nostalgie-Welle rollt weiter. Ob Christoph Maria Herbst als Stromberg oder Bully Herbig mit „Kanu des Manitu“ – jeder fühlt sich aktuell wohl beflissen, sich wieder in seine erfolgreichste Rolle zu verwandeln. So auch Hape Kerkeling, der 17 Jahre nach dem ersten Kinofilm in „Horst Schlämmer sucht das Glück“ (Kinostart: 26. März) seine gleichnamige Kultfigur zurück auf die Leinwand bringt. Dazwischen hatte er sich jahrelang ganz von der Figur verabschiedet, diesem Prototypen alter weißer Mann, unverhohlen übergriffig, schamlos egoistisch, aber eben auch furchtbar lustig und liebenswert – zumindest damals. Über die Zeitgemäßheit einer solchen Figur lässt sich natürlich wieder einmal streiten.
Auf der Mission der guten Laune
Horst Schlämmer hat die Nase voll: „Deutschland hat Rücken“. Wegen der Corona-Pandemie hat seine Lieblingskneipe geschlossen und überhaupt hat er in Grevenbroich nur noch wenige freudige Begegnungen. Alle wirken miesepetrig und verderben ihm die Stimmung. Deswegen macht sich der stellvertretende Chefredakteur des „Grevenbroicher Tagblatts“, begleitet von einer unsichtbar hinter der Kamera agierenden Begleitung, im Mockumentary-Style auf einen Roadtrip durch Deutschland zu den verschiedensten Menschen, um angesichts der weltpolitischen Lage das Glück zurückzubringen.
Seine Reise führt ihn unter anderem zu Drogendealern nach Berlin, auf einen Krabbenkutter, nach Köln zu Kardinal Woelki und der Hoffnung auf göttlichen Beistand sowie nach Bayern zu Ministerpräsident Markus Söder. Immerhin lobt der sein Bundesland immer über den grünen Klee – und dann ist da auch noch diese eine Frau.
Miefiger Trenchcoat und angestaubter Humor
Die große Suche nach dem Glück an verschiedenen Orten wirkt so weit so banal und auch schon dagewesen. Nicht ohne Absicht erinnert der Titel an den Film „Herr Rossi sucht das Glück“ von 1976, basierend auf der italienischen Zeichentrickserie, die vor allem Hape Kerkelings Generation beim Aufwachsen begleitete. Während Herr Rossi noch durch verschiedene Zeitzonen und Länder reiste, sind es bei Schlämmer eben Orte in der Bundesrepublik. Und an diese begibt er sich wie in einem schlecht geschnittenen YouTube-Video.
Der Look ist zwar Absicht, aber darauf muss man sich trotzdem erst mal einlassen, genau so wie auf Horsts Art. Viele seiner Gags zünden nicht, sind übertrieben und wirken zuweilen auch „cringe“, wie es die Gen Z sagen würde. Irgendwie ist alles aus der Zeit gefallen und etwas eingestaubt, was Trenchcoat und Perücke ja im Endeffekt auch tatsächlich sind. Denn die Zeiten – und der Humor – haben sich seit Schlämmers letztem Kinoauftritt einfach geändert. Ein großer Aufreger ist die Persiflage eines distanzlosen Lokaljournalisten mit latentem Sexismus in Zeiten eines realen Donald Trump an der Macht auch schon lange nicht mehr. Und wo die Grenzen zwischen witzig und befremdlich verschwimmen, wenn Schlämmer sich von einer Domina auspeitschen lässt, muss jeder selbst entscheiden. So muss man sich vor allem auf die Nostalgie besinnen, wenn man über Schlämmer lachen will. Zumal der auch nicht mehr das ist, was er mal war, weil er sogar auf seinen geliebten Doornkaat verzichtet. Weisse Bescheid.
Aber Schlämmer wird eben immer noch von Hape Kerkeling gespielt, einem begnadeten Schauspieler und Comedian. Und zum Glück ist die Schlämmer-Suche nach dem Glück nur die Rahmenhandlung für noch viel mehr Kerkeling. Denn im Laufe des Films schlüpft er in weitere Rollen, für die man sich auf die Meta-Ebene begeben muss: Schlämmer ist großer Fan der Schauspielerin Gabi Wampel, gespielt von Tahnee Schaffarczyk (33), und schaut sich immer wieder Filme der 50er bis 90er-Jahre mit ihr an. In diesen spielt Tahnee als Gabi wiederum diverse Rollen in realen Filmproduktionen.
Als Mitspieler in den Persiflagen von etwa „Tierärztin Dr. Mertens“, „Das Traumschiff“ oder dem „Tatort“ wird Hape Kerkeling chamäleonartig mal zur strengen Lehrerin, mal zur mondänen Kreuzfahrerin oder zum adretten Stallknecht. Der Film im Film und der Hape im Horst quasi. Das ruft Erinnerungen an seinen legendären Auftritt als Königin Beatrix wach und die Sketche funktionieren in all ihrer Überspitztheit tatsächlich ausgesprochen gut, hier stimmt der Nostalgiefaktor. Komikerin Tahnee in ihrer ersten großen Kinorolle passt zudem auch wunderbar zur Kerkeling.
Am besten ist Hape ohne Horst
Der tritt übrigens auch als er selbst in Erscheinung, der fiktive Hape Kerkeling im Film hat ein Buch und ein Lied über das Glücklichsein geschrieben und wird deshalb natürlich auch von Schlämmer interviewt. Sich selbst spielt Kerkeling arrogant und durchweg unsympathisch. „Glücklichsein bedeutet für mich nicht, einer grunzenden Witzfigur gegenüberzusitzen“, teilt er gegen Schlämmer aus – und bringt damit das Auftreten des Grevenbroichers wiederum sehr selbstironisch auf den Punkt.
Die witzigsten Szenen sind also gerade die, in denen Kerkeling gar nicht den Schlämmer spielt, sondern die ganze Bandbreite seines Könnens abrufen kann. Ausgenommen ist vielleicht das improvisierte Interview mit Markus Söder. Denn das zeigt Horst Schlämmer noch mal zu seinen besten Zeiten und bleibt die Glanzstunde des Films.
Fazit
Passt der Film nun in die heutige Zeit oder nicht? Irgendwie schon, zeigt er doch in einer immer extremer werdenden Welt die Besinnung auf das Wesentliche und stellt die simpelsten Fragen. Warum sind wir so zueinander, wie wir eben sind? Simple Fragen heißt aber nicht zwangsläufig, dass die Schlämmer-Gags derart simpel sein müssten. Und Antworten hat der Film natürlich auch nicht parat. Dafür holt Hape Kerkeling gemeinsam mit Tahnee in den Filmen im Film alles raus, was möglich ist.
Ob es dieses Horst-Schlämmer-Comeback von Regisseur Sven Unterwaldt also gebraucht hat, lässt sich schwer beantworten. Denn was braucht es schon auf dieser Welt. „Ich such‘ die Glücklichkeit, mehr braucht ein Mensch nicht zum Leben“, besingen Hape und Horst – übrigens mit sehr viel Ohrwurmcharakter – im Film. Auf jeden Fall braucht es mehr Lachen. Und wenn Schlämmer dafür bei ein paar Zuschauern sorgen kann, hat er sein Soll doch schon erfüllt.
SpotOnNews
Source: stern.de