Horst Schlämmer im Kino: Hofft dieser Film gen die Boomer denn Zielgruppe?

Horst Schlämmer hat die Faxen dicke: Nicht nur ist mit der Corona-Pandemie das Lächeln der Grevenbroicher Bürger verschwunden, sondern seine Lieblingskneipe steht vor dem Bankrott. In Form eines Roadmovies reist die von Hape Kerkeling verkörperte Journalistenlegende durch halb Deutschland, mal mit dem Zug, mal mit dem Auto, und trifft dabei auf Promis, Psychologen und Politiker (Markus Söder hat einen Gastauftritt). Seine Mission: die Suche nach dem Glück.

Nach siebzehn Jahren ist der Titelheld zurück auf der großen Leinwand, damals holte der erste Schlämmer-Spielfilm „Isch kandidiere“ mehr als eine Million Besucher in die deutschen Kinos. „Horst Schlämmer sucht das Glück“ ist nun die Fortsetzung, die die Pandemie noch mal aufwärmt und dem Zeitgeist noch deutlicher hinterherhinkt. Schuld darin ist die Aneinanderreihung sämtlicher Klischees: Berliner sind drogenabhängig, Sylter sind reich, Münchner sind unfreundlich. Ähnlich wie die von ihm karikierten, aber untätigen Politiker bleibt auch Horst dem Zuschauer Antworten schuldig und trägt nichts zur Klärung der aufgeworfenen Fragen bei. Ein fragwürdiges Bild vom Journalismus.

In Horsts kleiner Welt ist eben nur Platz für ihn selbst

Nicht weniger abgedroschen sind eingeschobene Szenen, die deutsche Fernsehklischees von den Sechziger- bis zu den Neunzigerjahren parodieren: „Traumschiff“, „Elvis und der Kommissar“ oder „Inga Lindström“. Tahnee Schaffarczyk spielt in diesen Satireschnipseln die Schauspielerin Gaby Wampler, Horsts großen Schwarm, die in unterschiedliche Rollen schlüpft: mal als Vielfachmutter, mal als Safariärztin. Hape Kerkeling ist dabei immer das männliche Pendant und beweist hier seine Wandelbarkeit. Für Horst, der mit diesen Serien wohl groß geworden ist, bedeutet Fernsehen die Flucht in eine noch heile Welt voller leichter Themen, eindimensionalen Charakteren und einer vorhersehbaren Handlung. Will der Film einen ähnlich eskapistischen Moment erschaffen? Leider reiht er sich durch fehlende Komplexität und mit flachen Witzen genau in die Tradition der „schlechten“ deutschen Filme ein. Dabei wäre doch jetzt der Moment gewesen, es besser zu machen!

Schon die Hauptfigur Horst Schlämmer bestätigt alle Vorurteile und verkörpert den Prototyp eines alten weißen Mannes, der sich die goldenen Zeiten von früher herbeisehnt und die Augen vor Veränderungen verschließt: Influencer sind ihm ebenso fremd wie Gendern, Nonbinarität oder Veganismus. In Horsts kleiner Welt ist eben nur Platz für ihn selbst und sein Gejammer (der Rücken schmerzt und Technik ist konfus) – selbst neunzig Filmminuten fühlen sich so nach drei Stunden an.

Belehrend und besserwisserisch

Mit dem Blick des Boomers wiederholt der Film Bedenken einer alternden Generation: Wenn Horst sich mit einem Joint benebelt, fährt er high mit dem Auto und muss seinen Führerschein abgeben. Wenn Horst in ein Bordell geht, trifft er auf eine wilde Domina im Fetischkostüm. Viele dieser Szenen sind so albern und realitätsfern, dass sie höchstens für Schenkelklopfer sorgen. Hofft der Film auf die Boomer als Zielgruppe, die sich von Horst verstanden fühlen? Dabei legt Horsts überforderter Blick gerade die Inflexibilität des Charakters offen.

Das Verständnis fehlt nicht nur für die junge Generation, sondern generell für das weibliche Publikum, etwa wenn Horst ihre Hobbys (Lachyoga) verspottet und Frauen auf ihr Äußeres reduziert. Besonders problematisch ist die Szene, in der der Journalist auf sein großes Idol, Gaby Wambler, in einem Boulevardtheater trifft. Der erste Schock: Sie sieht nicht aus wie in den Serien. Der zweite: Sie hat zu Botox gegriffen. Die Schauspielerin mit einem derart aufgedunsenen Gesicht zu entstellen, zeigt nicht nur das Unverständnis für den Jugendwahn der Filmbranche, die Szene reproduziert obendrein jene Logik: Die Kamera idealisiert Frauen als makellos oder – sobald sie von diesem Bild abweichen – markiert sie als abstoßend.

Das Ganze ist im Stil einer Reportage gedreht, indem Horst einen Film über seine Glückssuche dreht und deswegen immer wieder direkt zur Kamera spricht. Diese Entscheidung ist wenig erhellend, weil sie der Titelfigur noch mehr Anlässe einräumt, plumpe Weisheiten in die Kamera zu posaunen. Die Idee, Schlämmer die 25 Jahre alte Kamerafrau Anna als woke Gegenspielerin zur Seite zu stellen, leuchtet zwar in der Theorie ein, scheitert aber in der Ausführung: Anna rückt Horsts Sprüche zwar ins rechte Licht, letztendlich klingen ihre Kommentare aber belehrend und besserwisserisch. Den Konflikt zwischen den Generationen vergrößert das nur noch.

Während Anna (und damit die junge Generation) hinter der Kamera unsichtbar bleibt, kommt man dem Protagonisten näher, als man möchte. Kerkelings Kunstfigur kommt mit schiefen Zähnen, verwuschelten Haaren, übergewichtig und unhygienisch daher. Diese Optik unterstreicht das unangenehme Gefühl, wenn Horst permanent die Grenzen anderer Leute überschreitet, etwa die der Arzthelferin, der Ticketschaffnerin und sogar von Kamerafrau Anna. Dass seine schlechten Avancen obendrein die Schaffnerin Mandy überzeugen, setzt genau die falsche Botschaft. Frauen bleiben passive Figuren, männliche Übertritte werden legitimiert. Das war früher nicht witzig, in heutigen Zeiten ist es das erst recht nicht. In solch grotesken Momenten wird die Komödie schnell zu einem Horrorfilm.

Source: faz.net