Ein Amerikaner in Paris: Richard Linklater stellt in stimmungsvollem Schwarz-Weiß und mit französischen Schauspielern nach, wie Jean-Luc Godard im Jahr 1959 sein Regiedebüt „Außer Atem“ herbeiimprovisierte
Nur ein Film: Aubry Dullin als Jean-Paul Belmondo. Im Hintergrund Guillaume Marbeck als Godard
Foto: Jean Louis Fernandez
Jean-Luc Godards Regiedebüt Außer Atem (1960), Master- und Modelpiece der französischen „Nouvelle Vague“, huldigte seinerseits mindestens zehn früheren Werken. Inspiriert wurde die Story von Richard Quines einflussreichem Film Noir Pushover aus dem Jahr 1954, der mit einer tödlichen Schießerei und einer mehr oder minder konsternierten Frau endet.
Die Außer-Atem-Hauptdarstellerin Jean Seberg alias Patricia hatte 1958 in Otto Premingers stilistischem Vorläufer der Nouvelle Vague Bonjour Tristesse bereits eine junge Frau mit ambivalenten Empfindungen dargestellt; Hauptdarsteller Jean-Paul Belmondo alias Michel paraphrasierte – neben anderen Bogart-Sprüchen – in einem Dialog angeblich eine Zeile aus John Hustons Die Spur des Falken. Im Film wird zudem auf weitere Otto-Preminger– und Film-Noir-Motive verwiesen.
Godard, der zunächst Filmkritiken schrieb und 2022 mit einem Œuvre von über 100 Produktionen starb, war eben ein echter Aficionado. Der US-amerikanische Independent-Regisseur Richard Linklater, geboren im Erscheinungsjahr von Außer Atem 1960, zeigt sich von Godards Leidenschaft bezaubert: Linklaters Film Nouvelle Vague ist kein „Making-of“, kein reines Porträt und auch keine sachliche Auseinandersetzung mit einer europäischen Kinorevolution. Sondern ein liebevolles, popkulturelles Konstrukt aus Spielfilm, Hommage – und deren ironischer Brechung.
Obligatorisch mit Zigarette
Als Film-über-Film steigt er dennoch tiefer in die Materie ein als manche zeitgenössische Kritik oder moderne Analyse. Denn Nouvelle Vague nutzt die Wirkung und Macht der Bilder auf ähnliche Weise wie sein Vorbild: In raschem Tempo und so kontrastreichem wie coolem Schwarz-Weiß stellt Linklater die Protagonist:innen seiner Handlung Schlag auf Schlag einzeln und in Gruppen vor, die Sonnenbrille nimmt kaum eine:r ab, die obligatorische Zigarette aus dem Mund erst recht nicht.
Mit ernstem Blick schauen die Held:innen jener „neuen Welle“ in die Kamera: Godard (Guillaume Marbeck), François Truffaut (Adrien Rouyard), Claude Chabrol (Antoine Besson), Jacques Rivette (Jonas Marmy) oder Éric Rohmer (Côme Thieulin) etwa. Dazu Jean Seberg und Jean-Paul Belmondo, die von Zoey Deutch und Aubry Dullin mit einer beeindruckenden Hingabe an die Originale interpretiert und aufs Detail genau imitiert werden.
Godard neidete Truffaut seinen Erfolg
Bekannte Anekdoten aus der Geschichte der damaligen Kamikaze-Produktion bilden die Rahmenhandlung für Linklater und seine Co-Drehbuchautorinnen Holly Gent und Laetitia Masson. Godard, latent eifersüchtig auf den Erfolg seines Kollegen Truffaut mit Sie küssten und sie schlugen ihn, hat zunächst nur rudimentäre Ideen für die von Truffaut skizzierte Story zu Außer Atem – das Rezept lautet Mädchen plus Revolver – und schreibt das Drehbuch in Pariser Cafés permanent um, während auch anderenorts Schreibmaschinen künstlerisch klappern und Zigaretten malerisch qualmen.
Der US-Star Seberg als Vertreterin einer neuen, unvoreingenommenen Pixie-Cut-Generation ist einerseits begeistert von der unkonventionellen Art zu filmen und lässt sich von Godards zuweilen charmanter, zuweilen toxischer Selbstsicherheit überzeugen, andererseits leidet die junge Amerikanerin unter fehlenden Absprachen, fürchtet wenig Verständnis für französische Filmanarchie in ihrer Heimat und ist von Godards Impulsivität irritiert.
Weil Godard auf Improvisation setzt, soll spontan und intuitiv gearbeitet werden; und weil Geld und Studios fehlen, wird die Stadt zur Kulisse – wie im Original-Film an den neugierigen Blicken der Fußgänger:innen sichtbar, verbannte Godard seinen wackeren Kameramann Raoul Coutard (Matthieu Penchinat) gar in eine Kiste, um eine Kamerafahrt über einen der Prachtboulevards hinzubekommen. Über all dem schweben künstlerische und wirtschaftliche Auseinandersetzungen zwischen Godard und seinem Produzenten.
An der Grenze zur Satire
Linklater bleibt bei seiner Laudatio für Godard an der Grenze zur Satire und erinnert – bewusst oder unbewusst – damit an frühere Parodien, die mit gröberen, aber ebenfalls hochkomischen Pinselstrichen malten, etwa der großartige Monty-Python-Sketch French Subtitled Film von 1970. Darin veräppelten die Mitglieder der britischen Comedian-Truppe Godards Werk (und das seiner Zeitgenossen), indem einer von ihnen mit Sonnenbrille, Zigarette, weißer Hose und keckem Halstuch vor einer unscharfen Wackelkamera auf einer Müllhalde herumstrolcht und in geradebrechtem Französisch eine dort sitzende Blondine belästigt.
Die Entscheidung, ob man Godard als einen bisweilen anstrengenden, selbstreferenziellen Gernegroß oder den bahnbrechenden Erneuerer des Kinos wahrnehmen möchte, überlässt Linklater dem Publikum – mit dem klaren Hinweis, dass er für ihn selbst wohl beides verkörperte.
Denn dass Linklaters Film so heißt wie die Bewegung, liegt nicht nur daran, dass die ästhetische Radikalität der französischen Nouvelle Vague auch in anderen Ländern wie Polen oder Italien neue Filmformen beeinflusste, sondern lässt sich als weiteres Zitat lesen: 1990 inszenierte Godard einen weitaus radikaleren (und weitaus anstrengenderen) Film gleichen Namens. Dieser Nouvelle Vague hielt sich noch viel weniger an übliche Dramaturgien als Außer Atem, stattdessen mäanderte er, getragen (und fast erdrückt) von literarischen Off-Zitaten, zwischen Liebes- und Klassismusdrama und Krimi, und zeigt einen angesichts Godards unkonventioneller Herangehensweise eher ratlosen Alain Delon in der Hauptrolle.
Neben Godards damit bewiesenem eigenen Willen zur Selbstdekonstruktion wirkt Linklaters Film umso zärtlicher. Nouvelle Vague ist der Film eines Filmfans über einen Filmfan. Und beide lieben das Kino.
Nouvelle Vague Richard Linklater Frankreich/USA 2025, 106 Min.