Auf der ganzen Welt gibt es heute noch rund 220.000 Überlebende des Holocaust. Etwa die Hälfte lebt in Israel. Aber die Stadt mit den meisten Holocaustüberlebenden ist New York. Hier leben etwa 13.000 von ihnen. Ein ganzes Netzwerk von Organisationen kümmert sich um sie, sowohl medizinisch als auch finanziell. Das Geld kommt zum großen Teil als Wiedergutmachungsleistung von der deutschen Regierung.
Doch die Zahl der Überlebenden schrumpft rapide. Nach Schätzung der Claims Conference, die Entschädigungsansprüche von Naziopfern vertritt, wird von den heutigen Überlebenden in sechs Jahren nur noch die Hälfte übrig sein, in 15 Jahren nur noch zehn Prozent. „Das wird ein großer Verlust für die Welt sein,“ sagt Hanan Simhon, der für Selfhelp, eine der New Yorker Hilfsorganisationen, das Programm für Holocaustüberlebende verantwortet. Das Durchschnittsalter der von ihm betreuten Menschen liegt heute bei 89 Jahren.
Simhon denkt mit Sorge an eine Zeit, in der man über die damaligen Gräuel nur noch aus zweiter Hand hört. Ohne Menschen, die ihre Tätowierungen aus Konzentrationslagern herzeigen können, werde es künftig leichter sein, den Holocaust zu leugnen. „Wir spüren heute zunehmenden Antisemitismus, und diejenigen, die uns am besten erzählen können, wohin das führen kann, werden nicht mehr da sein.“ Zu den Holocaustüberlebenden werden nicht nur Menschen gezählt, die in Konzentrationslagern waren, sondern auch solche, die vor den Nazis fliehen konnten. Gerade viele der Überlebenden in New York kamen erst Jahrzehnte nach dem Krieg aus der früheren Sowjetunion, wohin sie geflohen waren. New York hat seit langem eine große jüdische Gemeinde und war nicht zuletzt deshalb ein bevorzugtes Ziel für Holocaustüberlebende.
Bis heute leiden viele Überlebende unter körperlichen Gebrechen, die direkt auf den Holocaust zurückzuführen sind. Bei manchen hat jahrelange Unterernährung das Wachstum beeinträchtigt, andere sind für Menschenversuche missbraucht worden. „Denen hat man Knochen gebrochen, und sie haben bis heute Schmerzen,“ sagt Simhon. Viele bräuchten außerdem zahnärztliche Hilfe, weil sie jahrelang ihre Zähne nicht gepflegt hätten.
Noch schwieriger umzugehen sei aber mit den seelischen Leiden dieser Menschen. „Manche waren in Todesmärschen, andere mussten um ihr Leben rennen. Und es vergeht kein Tag, an dem sie nicht daran denken“, sagt Simhon.
Dies könne mit zunehmendem Alter umso schlimmer werden, gerade wenn sie nicht mehr aus dem Haus könnten. „Dann starren sie ihre vier Wände an, und die Erinnerungen kommen zurück.“ Viele Überlebende litten zudem unter Schuldgefühlen. Weil sie dem Holocaust entkommen konnten, während es Familienmitglieder nicht schafften. „Das kann eine unerträgliche Last sein,“ sagt Masha Pearl von der Hilfsorganisation „The Blue Card“. „Auch wenn sie froh sind, am Leben zu sein, fragen sie sich: Warum ich und nicht die anderen?“ Manche hätten sich deshalb selbst das Leben genommen.
Angst, zum Zahnarzt zu gehen
Trauma ist Pearl zufolge in einigen Fällen auch eine Erklärung dafür, wenn Holocaustüberlebende schlechte Zähne haben. Manche von ihnen hätten Angst, zum Zahnarzt zu gehen. Das Gefühl, in einem Stuhl zu sitzen und unter hellem Licht einer Person im weißen Kittel ausgeliefert zu sein, könne böse Erinnerungen wecken, zumal vielen Juden in Konzentrationslagern ihre goldenen Kronen gezogen worden seien.
So groß diese Herausforderungen sind: Simhon von Selfhelp beoachtet bei vielen der Menschen, die er betreut, eine besondere Widerstandskraft. „Die haben nicht nur überlebt, weil sie Glück hatten.“ Sie verfügten auch über eine außergewöhnliche körperliche oder geistige Stärke. Viele von ihnen hätten auch schwere Krankheiten wie Krebs überlebt.
Ein nicht unerheblicher Anteil der Holocaustüberlebenden in New York fällt unter die Armutsgrenze und ist auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Pearl sagt, körperliche und seelische Folgen des Krieges hätten viele von ihnen in ihrer beruflichen Karriere gebremst. Besonders bedürftig seien die Überlebenden, die erst später aus der Sowjetunion gekommen seien.
Manche von ihnen seien einst in ihrer Heimat Ingenieure oder Anwälte gewesen, in den USA hätten sie dann aber nur einfache Jobs als Taxifahrer oder in Restaurants gefunden, unter anderem wegen Sprachbarrieren. Pearl sagt, viele Menschen stellten sich Holocaustüberlebende als eine wohlhabende Gruppe vor. „Die denken an prominente Beispiele wie den Investor George Soros und meinen, das ist die Regel. Aber das ist die Ausnahme.“ Pearl sieht darin auch unterschwelligen Antisemitismus: „Manche Leute denken: Na klar, die Juden wissen schon, wie man Geld verdient.“
Deutschland hat 2024 rund 1,5 Milliarden Euro an Holocaustüberlebende bezahlt. Etwa die Hälfte entfällt auf das „Homecare-Programm“, das häusliche Pflege finanziert und das mit steigendem Alter der Überlebenden ausgeweitet worden ist. Pearl meint, Deutschland verdiene Anerkennung dafür, könnte aber noch mehr tun. „Dies ist eine aussterbende Gruppe. Die Zeit, um diesen Menschen zu helfen, ist jetzt.“
Wir haben drei Holocaustüberlebende in New York besucht. Eugene Ginter, Hedy Page und Rachel Epstein.
Eugene Ginter: „Wir waren auf halbem Weg in die Gaskammer“
Auf meinem Arm steht die Nummer B14431. Das „B“ ist etwas blasser, weil ich darauf geweint habe, als die Tätowierung frisch war. Mein Vater war direkt vor mir dran, er hatte B14430. Die Nummern haben wir im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau bekommen, kurz nachdem wir fast vergast worden wären. Als wir dort im Herbst 1944 mit einem Viehwaggon ankamen, dachte ich erst, das ist ein hübscher Ort. Durch die Ritzen habe ich Bäume gesehen, und es lag ein süßlicher Geruch in der Luft. Erst später ist mir klar geworden, dass das der Geruch von verbrannten Leichen war. Josef Mengele, der berüchtigte Lagerarzt, hat uns nach unserer Ankunft direkt in die Gaskammer geschickt. Ich habe gehört, wie er gesagt hat: „Weg mit dem Haufen!“
Aber als wir schon auf halbem Weg dort waren, kam auf einmal ein Offizier mit einem Brief aus Berlin. Darin stand, die Russen seien schon zu nahe, deshalb sollten nur noch die Toten verbrannt, aber niemand mehr vergast werden. Mengele schrie „Halt“, und wir drehten uns wieder um. Kurz danach wurden wir tätowiert. Ich bin im Februar 1939 in Krakau geboren. Als die Nazis in Polen einmarschierten, war ich sechs Monate alt. Mein Vater war ein erfolgreicher Bauunternehmer, wir hatten eine schöne Wohnung. 1941 stand auf einmal ein deutscher Offizier vor der Tür und sagte: „Die Wohnung gehört jetzt mir, ihr geht ins Ghetto.“ Also haben wir gepackt und sind ins Krakauer Ghetto gezogen.
Meine erste persönliche Erinnerung ist eine Gefängniszelle, in der ich mit meinen Eltern und mindestens 50 anderen Leuten war. Mein Vater war verhaftet worden, weil er versucht hatte, sich falsche Ausweise zu beschaffen, um das Land zu verlassen. Die Nazis haben gesehen, dass mein Vater ein begabter Handwerker war, und ließen ihn für sich arbeiten. Er bekam die Verantwortung für Fabriken, was aber am Ende auch nicht verhinderte, dass er und ich in Birkenau landeten. Ich weiß noch, wie durstig ich auf dem Transport dorthin war, wir haben tagelang nichts zu trinken bekommen. Bis heute ist Durst für mich viel schlimmer als Hunger. Ich brauche ständig einen Schluck Wasser.
Unsere Befreiung in Auschwitz-Birkenau war am 27. Januar 1945. Wir hatten schon vorher gespürt, wie nervös die Deutschen waren. Ich kam danach erst in ein Krankenhaus, dann in ein Waisenhaus in Krakau. Auch meine Eltern haben überlebt, meine Mutter hat mich in dem Waisenhaus gefunden. Wir sind nach Deutschland gezogen und haben in Regensburg und in der Nähe von Schweinfurt gewohnt. 1950 sind wir nach New York ausgewandert, wo vorher schon meine Tante hingezogen war. Mein Vater hatte hier alle möglichen Jobs. Ich konnte studieren und bin Ingenieur geworden. Und ich habe meine Frau Rachelle kennengelernt. Auch sie ist eine Holocaustüberlebende.
Ihre Eltern sind mit ihr vor den Nazis geflohen, als sie ein Baby war. Rachelle und ich haben uns ein schönes Leben aufgebaut. Wir haben eine Tochter und zwei Enkelinnen, und wir sind finanziell unabhängig. Aber ich denke auch heute noch ständig an die damalige Zeit zurück. Manchmal wache ich nachts schreiend auf. Ich habe oft von Männern in schwarzen Uniformen geträumt, die mir hinterherrennen. Am schlimmsten sind Gerüche, die mich an verbrennende Leichen erinnern, zum Beispiel wenn ich mir Haare auf meiner Hand ansenge. In meinem Bekanntenkreis spreche ich kaum darüber, was ich damals erlebt habe. Die Leute stellen oft naive Fragen. Manchmal lenke ich bei solchen Fragen einfach ab, indem ich sage, die Tätowierung auf meinem Arm ist meine Sozialversicherungsnummer.
Hedy Page: „Der Holocaust holt mich unter Trump ein“
Ich gehe oft mit meinen Kindern Kenny und Joanie zu Demonstrationen. Zum Beispiel zu einem „No Kings“-Protest gegen Donald Trump. Ich hatte ein Schild mit der Aufschrift: „96 Jahre alte Holocaustüberlebende: Hört auf damit, Familien zu trennen!!!“ Das hat einen direkten Bezug zu meiner Zeit unter den Nazis in Wien. Meine größte Angst war es damals, von meinen Eltern und meinem Bruder getrennt zu werden. Heute holt mich das ein, wenn ich sehe, wie in Trumps Amerika mit der Abschiebung von Einwanderern Familien auseinandergerissen werden.
Was Trump macht, tut mir im Herzen weh. Vielleicht liegt es in der Natur von Menschen, Feinde zu brauchen. Wenn es keine gibt, dann denkt man sich eben welche aus. Ich bin 1929 in Wien geboren. Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 hat sich mein Leben über Nacht verändert. Es begann eine Hetzjagd auf Juden. Mein acht Jahre alter Kopf wollte das nicht verstehen. Ich hatte immer gedacht, die Menschen da draußen sind wundervoll. In Geschäften bekam ich einen Extrakeks. Aber nun mussten mein Bruder Richie und ich uns in unserer Wäschekammer verstecken und ganz leise sein.
Einmal habe ich mich ans Fenster gewagt, weil ich draußen Lärm gehört hatte. Auf der Straße bewarfen Kinder eine Frau mit Steinen, der sie eine Tafel umgehängt hatten. Darauf stand: „Arisches Schwein kauft bei Judensau ein.“ Fast hätten wir damals meinen Vater verloren. Eines Tages standen Nazis vor der Tür und führten ihn ab. Wir hatten es unserer Nachbarin, der Richie und ich immer zuwinkten, zu verdanken, dass er wiederkam. Sie überredete ihren Freund, einen Nazisoldaten, meinen Vater zu finden und zurückzubringen. Danach war klar, dass wir nicht in Wien bleiben konnten.
Wir wanderten nach Panama aus, per Schiff von Bremen. Mein Vater war danach nie wieder der Gleiche. Er hat Wien so geliebt. Nach neun Jahren in Panama ging ich in die USA, um Kunst zu studieren. Dort habe ich meinen Mann Eric kennengelernt, der im Konzentrationslager in Dachau war. Eric hat fast seine gesamte Familie im Holocaust verloren. Bevor er mich geheiratet hat, hat er mich gewarnt, er werde über manche seiner Erlebnisse niemals mit mir sprechen können. Später hat er gesagt, er habe mich geheiratet, weil ich Lebensfreude ausstrahle. Genau das habe er gebraucht.
Ich habe mir einen Namen als Malerin in den New Yorker Straßenszenen gemacht. Irgendwann fing ich damit an, mich mit meiner Staffelei an Straßenecken zu setzen, besonders gerne an der Lower East Side, die als Viertel für Einwanderer bekannt ist. Auf meinen Bildern sind viele Menschen, und ich kenne sie alle, wenn auch teils nur von Gesprächen im Vorbeigehen. Ich sehe das als Zeichen gegen Hass. Man hasst nur Menschen, die man nicht kennt. Ich dachte mir, wenn ich Menschen male, die ich kenne, dann wird man sie nicht hassen. Meine Bilder hängen in Museen und wurden auch von Unternehmen gekauft. Das hat uns ein Zusatzeinkommen gebracht, und wir waren immer sparsam. Eric ist vor zehn Jahren gestorben, aber ich kann noch immer in unserem Haus leben. Ein Programm für Holocaustüberlebende, das zum großen Teil von Deutschland finanziert wird, bezahlt mir eine Pflegekraft. Ich wache heute jeden Morgen mit einem Gefühl von Dankbarkeit auf.
Rachel Epstein: „Ich kann das nicht verzeihen“
Es war am 19. Juli 1942, morgens um fünf Uhr. Zwei bewaffnete Gendarmen klopften an unserer Tür in Compiègne in der Nähe von Paris. Die Gestapo hatte sie angewiesen, meine Eltern zu verhaften. Sie brüllten meinen Vater an, er werde auf der Polizeistation erwartet und solle sich umziehen. Mein Bruder Léon und ich wachten von dem Lärm auf. Wir weinten und klammerten uns an die Kleider unserer Eltern, wir wollten sie nicht loslassen. Es war das letzte Mal, dass wir sie sahen. Zehn Tage später waren sie in einem Zug nach Auschwitz. Wie wir nach dem Krieg erfahren haben, ist meine Mutter noch im Zug gestorben, mein Vater kurz vor Kriegsende.
Mein Bruder und ich waren die Einzigen aus Compiègne, die den Holocaust überlebten. 30 meiner Familienmitglieder sind umgekommen. Dass Léon und ich noch leben, haben wir unseren damaligen Nachbarn zu verdanken. Es war eine Familie von Christen, Suzanne und Henri Ribouleau mit ihren Söhnen René und Marcel. Sie haben uns fast drei Jahre Unterschlupf gewährt. Damit haben sie ihr Leben riskiert, und das knappe Essen musste nun für sechs Personen reichen. Wir haben in ständiger Angst gelebt, einmal wären wir fast entdeckt worden. Aber wir haben es zur Befreiung 1945 geschafft.
Als ich den ersten amerikanischen Jeep gesehen habe, bin ich auf ihn zugerannt und habe dem Fahrer die Füße geküsst. Mit den Ribouleaus sind wir in engem Kontakt geblieben. 1979 sind wir mit ihnen nach Jerusalem gereist und haben einen Baum an der „Allee der Gerechten unter den Völkern“ gepflanzt. Dort werden nichtjüdische Personen geehrt, die während des Holocaust Juden gerettet haben. 1949 kam ich in die USA, im Jahr danach habe ich Isidore geheiratet, einen Amerikaner. Wir hatten damals keinen Cent, aber Izzy machte eine erfolgreiche Ingenieursfirma auf. Wir bekamen zwei Töchter, und es war uns immer wichtig, jeden schönen Anlass groß zu feiern.
Izzy und ich waren 74 Jahre verheiratet, vor einem Jahr ist er gestorben. Mein Bruder lebt heute auch in den USA. Den gelben Stern mit dem Wort „Juif“ für „Jude“, den ich damals in Compiègne tragen musste, habe ich noch immer. Ich habe ihn eingerahmt und bringe ihn für Vorträge mit, die ich in Schulen halte. Wenn ich das tue, fühlt es sich für mich so an, als wäre ich wieder in Compiègne. Aber es ist wichtig, die Geschichten der Überlebenden zu erzählen, unsere Zahl schrumpft. Vielleicht werde ich einmal die Letzte sein, die übrig bleibt. Ich tanze heute mit meinen 93 Jahren noch Tango und habe öffentliche Auftritte.
Ich kann den Deutschen nicht verzeihen, was sie getan haben. Ich kann keinem Deutschen verzeihen, der damals gelebt hat, auch wenn sie nicht aktiv am Holocaust beteiligt waren. Gegen die Nachfahren hege ich keinen Groll. Nach dem Krieg war ich ein einziges Mal in Deutschland, das war vor 40 Jahren, und es war schwer zu ertragen. Ich habe meinen Mann auf eine Messe begleitet. Wir wollten damals in Frankfurt mit einem Zug fahren, aber als ich am Bahnhof die Zuggeräusche gehört habe, wäre ich fast wahnsinnig geworden. Ich musste an meine Mutter denken, die im Zug nach Auschwitz gestorben ist. Wir haben stattdessen einen Bus genommen.
In den USA lässt das Bewusstsein für den Holocaust schon heute nach. In einer Studie der Claims Conference konnten 48 Prozent der befragten Amerikaner kein einziges Konzentrationslager benennen.
Source: faz.net