„Holocaust und Krieg überlebt, allet janz horribile dictu“

„Dort hinten an der Tür stand Ernst Nolte.“ – „Soll er doch. Aber wenn er gedacht hat, ich würde mit der Erinnerung an den Armenier-Genozid den Holocaust irgendwie kleiner machen, hat er sich geschnitten.“ Frühling 1998, Raucherpause auf dem Balkon des Berliner Literaturhauses in der Fasanenstraße. Eben war Edgar Hilsenrath mit dem Hans-Sahl-Preis ausgezeichnet worden, doch im Gegensatz zum 1902 geborenen Namensgeber und Exilanten, der lebenslang immer wieder essayistisch in deutsche Debatten eingegriffen hatte, verspürte er selbst keinen Drang zu solchen Einsprüchen.

Eine Lesung aus seinem 1989 erschienenen Roman „Das Märchen vom letzten Gedanken“ würde nämlich genügen – einige Passagen aus jener alles andere als märchenhaft betulich erzählten Geschichte um den Völkermord von 1915 und jenen Wartan Khatisian, der dann 1943 im nazibesetzten Polen verhaftet wird und seinen polnisch-jüdischen Leidensgenossen im Todeszug nach Auschwitz nun seinerseits etwas erzählt. Und zwar „ein deutsches Märchen“, jenes von Wilhelm Busch über Max und Moritz, die schließlich im Ofen landen. „Diesem Wilhelm Busch sollten wir eines Tages ein Denkmal setzen, sagte einer der Juden, denn er hat uns überzeugt, dass so was bei den Deutschen nur im Märchen vorkommt. – Und die Juden hörten ihm zu, und als er geendet hatte, fingen sie herzlich an zu lachen. Sie hatten keine Angst mehr. Sie waren beruhigt. Dann wurden die Türen aufgerissen.“

Edgar Hilsenrath, geboren 1926 in Leipzig, säkularer Jude, 1938 Flüchtling aus Nazideutschland und 1941 im besetzten Rumänien ins Ghetto Moghilew-Podolsk deportiert, stand 1998 auf diesem Berliner Balkon, Schnauzbart und Baskenmütze, an seiner Zigarre ziehend. Weshalb also sollte er sich theoretisch mit einem Professor herumschlagen, der im Jahrzehnt zuvor Auschwitz forsch zur „asiatischen Tat“ erklärt und mit dem historisch zuerst entstandenen Gulag-System relativiert hatte? Und was Noltes damalige Debattengegner im „Historikerstreit“ betrifft, die wiederum vom Mord-Charakter des Sowjetsystems wenig bis nichts wussten – sollten die doch seinen bitterbösen Slapstick-Roman von 1979 lesen, der den sprechenden Titel „Gib acht, Genosse Mandelbaum“ trug.

Edgar Hilsenrath hatte sich damals mich, den 44 Jahre Jüngeren, als Laudator gewünscht – und dann noch einmal 2006, anlässlich einer Veranstaltung zu seinem 80. Geburtstag im Schöneberger Rathaus. Diesmal schlug Berlins Ex-Regierender Walter Momper auf, doch nicht hinten an der Tür, sondern als Begrüßender am Rednerpult, mit ein paar Hemdsärmel-Floskeln: „Holocaust und Krieg überlebt, allet janz furchtbar.“

Edgar Hilsenrath saß mit freundlichem Pokergesicht in der ersten Reihe, in jenem Frühjahr 2006 bereits im Rollstuhl, und ungebrochen auch der Wunsch „endlich draußen paffen zu können“. Nein, er mochte kein Intellektueller sein, und wenn man in Israel seinen Welterfolg „Der Nazi & der Friseur“ nur in einer übersetzten Kleinauflage herausgebracht hatte, aus mutmaßlicher Angst vor antizionistischen Lektüre-Missverständnissen, reichte ja auch das als Reaktion: „Wie blöd. Sollen sie den Roman über Täter-Opfer-Tausch erst mal richtig lesen. Oder meinem Cousin in Be’er Sheva zuhören. Oder am besten meine autobiografischen ‚Abenteuer des Ruben Jablonski‘ lesen, denn da steht alles drin über meine verrückte Zeit dort im Mandatsgebiet von 1945 bis 47. In Tel Aviv hatte mir damals übrigens Kafkas wackerer Freund Max Brod geraten, mir für kommende Romane stilistisch ein Beispiel an Gottfried Kellers gediegenem ‚Grünen Heinrich‘ zu nehmen. Na, super Tipp für einen, der in Osteuropa gerade das Ghetto überlebt hatte, ha!“

Zu Hause in Berlin-Friedenau

Wer Edgar Hilsenrath in seiner Wohnung in Berlin-Friedenau besuchte, wurde jedoch keineswegs mit einer Ego-Manie à la „Ich und mein Werk“ traktiert. Eher war er verwundert über den Lauf der Welt und seines Lebens, über seine Bücher, die gepriesen wurden – und dennoch seltsam unter dem Radar des um „Aufarbeitung“ doch so bedachten deutschen Literaturbetriebs verblieben. Da war jedoch auch die kartonierte Urkunde mit der Unterschrift des armenischen Staatspräsidenten, „In Anerkennung Ihres Beitrags zur Erinnerung an den Genozid am armenischen Volk“. „Schon seltsam“, sagte Hilsenrath: „Ausgerechnet zwei deutschsprachige Juden – Franz Werfel mit den ‚Vierzig Tagen des Musa Dagh‘ und meine Wenigkeit – werden von den Armeniern in solch Ehren gehalten.“ (Die heutigen, die Singularität der Shoah relativierenden akademischen Winkelzüge einer angeblich „multidirektionalen Erinnerung“ hätte er wahrscheinlich ebenso knapp kommentiert: Lest meine Romane, oder shut up.)

Im Bücherschrank hatte Hilsenrath all die internationalen Ausgaben von „Der Nazi & der Friseur“, der in größtmöglicher Präzision erzählten Irrsinns-Geschichte um den SS-Mann Max Schulz, der nach dem Krieg erfolgreich die Identität seines von ihm ermordeten Jugendfreundes Itzig Finkelstein annimmt und damit sogar durchkommt. 60 Absagen bundesdeutscher Verlage hatte es damals gegeben, ehe 1977 der engagierte kleine Kölner Literaturverlag Helmut Braun das Wagnis einging, diese Höllenfarce zu veröffentlichen. Geschrieben hatte Hilsenrath den Roman noch in New York, wo er bis zu seiner Rückkehr 1975 nach Deutschland als Hilfskellner gearbeitet hatte – ein Vierteljahrhundert.

Auf seiner alten Groma-Schreibmaschine hatte Hilsenrath 1950 den Ghetto-Roman „Nacht“ getippt, veröffentlicht in den USA, in Deutschland aber lediglich in einer Minimal-Auflage im Kindler Verlag erschienen und dazu vom Großkritiker Fritz J. Raddatz mit einem herrischen „So geht das nicht!“ verrissen. Heute längst als emblematisches Werk der Holocaust-Literatur anerkannt, hatte der Roman durch seine Drastik verstört und durch eine lakonische Sprache, die ebenso an Hemingway geschult war wie am räsonierenden Sprechen der jüdischen Tradition. Hat man in Deutschland je begriffen, was für ein (gänzlich unverdientes) Geschenk Hilsenraths Bücher sind?

Heute finden sich die im Dittrich Verlag erschienenen Romane und Erzählungen Hilsenraths nur noch antiquarisch. Die Rechte am Werk des 2018 in der Vulkaneifel gestorbenen Hilsenrath hat sich ein Verwandter seiner letzten Ehefrau gesichert, ein Sahra-Wagenknecht-Unterstützer, der auf seiner dubiosen Verlags-Website für einen Total-Boykott Israels wirbt. Eine Farce, doch farbleer und öde, und gewiss keine aus Edgar Hilsenraths literarischem Kosmos. Denn dort regiert ja nicht allein das Absurde, sondern auch etwas ganz anderes. Vom Wind befragt, was den aus dem Schtetl vertriebenen Juden denn noch geblieben sei, antwortet der Rebbe im Roman „Jossel Wassermanns Heimkehr“: „Unsere Geschichte. Die haben wir mitgenommen. Wir haben nur das Vergessen zurückgelassen, und was wir mitgenommen haben, ist das Erinnern.“ Lieber Edgar, möge Dein Andenken weiterhin ein Segen sein!

Der Schriftsteller Marko Martin hat Edgar Hilsenrath u.a. porträtiert in seinem Band „Dissidentisches Denken. Reisen zu den Zeugen eines Zeitalters“ (Die Andere Bibliothek, 2025).

Source: welt.de

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