Hollywood | Das FBI jagt Hitlerfeinde: Jan Jekal beschreibt die damalige „Paranoia in Hollywood“

Jeder kennt den Spruch vom „Beginn einer wunderbaren Freundschaft“. Überhaupt gehört Casablanca zu den Filmen, dessen Motive sich tief eingegraben haben in die Kulturgeschichte. Vom heuchlerischen „Ich bin schockiert!“, mit dem Captain Renault (Claude Rains) die Glücksspielgewinne annimmt, über „We’ll always have Paris“ bis zu „Spiel’s noch mal, Sam“, dem wohl berühmtesten „falschen Zitat“ der Filmgeschichte, weil es in diesem Wortlaut gar nicht vorkommt. Dann gibt es natürlich noch den für unsere deutschen Ohren so witzigen Wortwechsel unter den englisch übenden Emigranten: „What watch?“ – „Ten watch.“– „Such much?“

Kein Wunder also, dass Casablanca bei der 16. Oscarverleihung im Jahr 1944 für sein Drehbuch ausgezeichnet wurde. Die Statuette für bester Film und beste Regie kamen noch hinzu. Dann gibt es da noch die Szene mit der Marseillaise. Sie sticht mit ihrem ehrlichen Pathos aus der ironisch-melancholischen Lässigkeit des Films auf eine Weise heraus, die selbst Uneingeweihte aufmerken lässt. Ihre emotionale Wucht leitet sich unmittelbar daraus ab, dass ein Großteil der mitsingenden Schauspieler und Komparsen dieser im Jahr 1942 gedrehten Produktion selbst vor den Nazis in die USA geflüchtet waren.

Für Jan Jekals Buch Paranoia in Hollywood – nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 – ist es eine Schlüsselszene. Film und Wirklichkeit überlagern sich in mehreren Schichten. Da ist die offensichtliche: Europäische Schauspieler fanden Beschäftigung in Hollywood, wie kurzfristig auch immer, was ihnen das Leben rettete. Für nicht wenige, wie etwa Conrad Veidt, der in Casablanca Nazi-Major Strasser spielt, ging das mit dem Preis einher, in die Rolle jener Gegner schlüpfen zu müssen, vor denen er geflohen war.

Adorno irritierte es besonders, zu den Verdächtigen gezählt zu werden

Dass ihm gegenüber Paul Henreid den Widerstandskämpfer Victor Laszlo gibt, hat wiederum seine eigene historische Ironie: Veidt war bereits 1933 aus Deutschland nach Großbritannien geflohen und hatte dort 1938 die britische Staatsbürgerschaft angenommen. Das machte es ihm möglich, sich für den später eingereisten Henreid einzusetzen, dem bei Kriegsbeginn in London die Deportation als „feindlicher Ausländer“ drohte.

Beide wiederum, so erzählt es Jekal in seinem Buch, genossen bei den Dreharbeiten zu Casablanca das Privileg, sich nicht an die Ausgangssperre halten zu müssen, die für andere deutsche Emigranten als „enemy aliens“ von 20 Uhr bis 6 Uhr galt. Jekal zitiert Adorno, den es besonders irritierte, als Flüchtling zu den Verdächtigen gezählt zu werden: „Daß diese Bestimmungen gerade die Emigranten, die zuverlässigsten Hitlerfeinde, die es in Amerika gibt, zusammen mit den Japanern treffen, ist besonders unbegreiflich.“

Und wie bitter, dass wenige Jahre später ebendiese Hitlerfeinde in den USA erneut unter verschärften Verdacht gestellt werden, dann aber unter den entgegengesetzten politischen Vorzeichen. Wehe dem, der als „premature antifascist“, als „verfrühter Antifaschist“, ab 1947 ins Visier von FBI und HUAC (kurz für House Committee on Un-American Activities, Ausschuss für unamerikanische Umtriebe) geraten sollte.

Unzählige Anekdoten setzt Jekal zu einer großen Erzählung zusammen

Jekals Buchtitel Paranoia in Hollywood bezieht sich auf diese letzte Wende, obwohl sie weder Mittelpunkt noch Ziel seiner Schilderungen darstellt. Als bedrohliche Entwicklung reiht sich der McCarthyismus für viele seiner Protagonisten sowieso in eine ganze Reihe von Niederlagen und Enttäuschungen ein, die sie in der doch mit so viel Hoffnung herbeigesehnten Nachkriegszeit erleben.

Völlig neu ist nichts, was Jekal hier aus dem Alltag von deutsch-österreichischen Emigranten im Los Angeles der 1920er bis 50er berichtet. Einzigartig aber erscheint die Flüssigkeit, mit der er unzählige Anekdoten zusammensetzt zu einer großen Erzählung über eine Seite der amerikanischen Filmindustrie, die ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Wer wüsste heute noch, dass bei ebenjener Oscar-Verleihung im März 1944, als Casablanca zum besten Film gekrönt wurde, in fast jeder Kategorie jemand nominiert war, „der noch vor wenigen Jahren in Berlin oder Wien gelebt hat“.

Unter anderem eben Hanns Eisler für die beste Musik in Auch Henker sterben (Hangmen Also Die!), bei dem Fritz Lang Regie geführt und kein Geringerer als Bertolt Brecht das Drehbuch geschrieben hatte. Anders als Brecht, für den Hollywood einer einzigen Enttäuschung gleichkam, der aber der kalifornischen Sonne sowieso von Anfang an misstraute („fast an keinem ort war mir das leben schwerer als hier in diesem schauhaus des easy going“, zitiert ihn Jekal), erlebte Eisler einige erfolgreiche Jahre voll Anerkennung in Los Angeles.

Das Buch richte seine Geschichten nicht nur an den ganz großen Namen aus

Trotzdem beziehungsweise gerade deshalb blieb ihm die Vorladung vor den Ausschuss für unamerikanische Umtriebe nicht erspart. Aus keiner anderen Anhörung zitiert Jekal so ausführlich wie aus der zu Eisler, den Chefermittler Robert E. Stripling im September 1947 als einen der ersten großen Namen in die Zange nahm. Es liest sich stellenweise wie ein Kabarett mit grandioser Schlusspointe. Stripling erklärt an einer Stelle, es sei sein Anliegen, nachzuweisen, dass „Mr. Eisler der Karl Marx des Kommunismus auf musikalischem Gebiet“ und sich dessen sehr wohl bewusst sei. Eislers Antwort: „Sie schmeicheln mir.“ Weder Thomas Mann noch Albert Einstein oder Pablo Picasso konnten mit Einsprüchen verhindern, dass Eisler zusammen mit seiner Frau Lou ausgewiesen wurde.

Lesenswert ist Jan Jekals Buch umso mehr, da er seine Geschichten nicht nur an den ganz großen Namen ausrichtet. Sicher, sie kommen fast alle vor, sowohl die, die wie Ernst Lubitsch schon in den 1920ern ihren Weg nach Hollywood gefunden hatten, als auch die, die später nachkamen. Er beschränkt sich auch nicht auf die Filmbranche im engen Sinn, sondern erläutert ebenso ausführlich, wie unterschiedlich es etwa Thomas Mann und Heinrich Mann mit ihren Frauen und Familien im Exil erging.

Überhaupt erstaunt es, mit welcher Dichte und Prägnanz Jekal eine riesige Anzahl von Schicksalen jongliert. Billy Wilder, Peter Lorre, Marlene Dietrich, William Wyler – von allen weiß Jekal ein konkretes Bild ihrer Lebenswege, ihrer Werke und ihrer Haltungen zu jener Zeit zu skizzieren, mit so vielen markanten Details, dass die Figuren wie auf neue Weise lebendig erscheinen.

Es gibt viele aktuelle Bezüge in die Gegenwart

Als organisierendes Zentrum seiner Erzählung wählt Jekal die 1889 in Sambor, Österreich-Ungarn, geborene Salka Viertel. Die Schauspielerin, die schon vor dem Ersten Weltkrieg unter anderem bei Max Reinhardt in Berlin gespielt hatte, war mit ihrem Mann Berthold 1928 nach Los Angeles gekommen, wo sie als Drehbuchautorin Arbeit bekam. Ihr „claim to fame“ wurde ihre lebenslange Freundschaft zu Greta Garbo, eine Verbindung, deren Auf und Ab Jekal aber nur im Hintergrund abhandelt. Viel wichtiger ist für ihn die Rolle, die Viertel mit ihrem Haus in Santa Monica als gesellschaftliches Zentrum der deutschsprachigen Exilgemeinschaft in Los Angeles einnimmt.

Denn ganz anders als noch in Wien oder Berlin mit ihren Stadtzentren gab es im sich weit verstreuenden Los Angeles keine Kaffeehäuser, in denen man sich treffen konnte. Wer „netzwerken“ wollte, was für das Zustandekommen eines Films unabdingbar ist, musste sich Zutritt verschaffen zu den Privatclubs, in denen die Hollywood-Elite zusammenkam. Salka Viertel betrieb mit Einladungen in ihr Haus eine Art Salon und stellte damit wichtige Verbindungen her. Ihr Beitrag als Drehbuchautorin mag klein erscheinen, was sie für die Film- und Kulturgeschichte allein durch Gastfreundschaft geleistet hat, ist unermesslich.

Als Buch über das wechselvolle und prekäre Schicksal von Exilanten, über Nazi-Widerstand und die unsäglichen Verdrehungen des Ausschusses für unamerikanische Umtriebe lassen sich von Paranoia in Hollywood natürlich auch viele aktuelle Bezüge in die Gegenwart herstellen. Aber ein solches Kurzschließen mit Vorgängen von heute könnte fast zu schnell ablenken von dem großartigen Material, das Jekal hier ausbreitet. Dazu gehört unter anderem der Blick darauf, wie viel Wien und Berlin doch im klassischen Hollywood mit drin stecken. „Such much!“

Paranoia in Hollywood Jan Jekal Matthes & Seitz 2026, 400 S., 28 €

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