Er wolle kein „einziges Wort gebrauchen, das nicht jeder kennt“, postulierte der 2023 verstorbene Philosoph und Romancier Pascal Mercier einst in seinem philosophischen Hauptwerk „Das Handwerk der Freiheit“. Unter seinem bürgerlichen Namen Peter Bieri forderte der gebürtige Schweizer die Rückbindung philosophischer Reflexionen an lebensweltliche Erfahrungen. Böse Zungen behaupteten, Bieri, der über „Zeit und Zeiterfahrung“ promovierte und sich später habilitierte, habe sich als Autor unter dem Pseudonym Pascal Mercier mit seinen bisweilen allzu menschelnden Romanen zum „Professor Kitsch“ entwickelt, der Wittgensteins Postulat vom Kopf auf die Füße stellte. Gerade wovon man nicht sprechen kann, darüber wollte der Romancier Mercier nicht schweigen.
Weltbetrachtung als Gefühl
In fünf postum erschienenen Erzählungen unter dem Titel „Der Fluss der Zeit“, die der Schauspieler und Sprecher Markus Hoffmann für das Hörbuch aufgenommen hat, geht es noch einmal um drei der Hauptthemen des Philosophen, um Würde, Freiheit und die subjektive Erfahrung der Zeit. Die Auftakterzählung „Die Übergabe“ etwa handelt von einem pensionierten Restaurator, der sein Haus an ein junges Käuferpaar übergibt, bevor er selbst ins Pflegeheim zieht. Dass Käufer und Verkäufer das Verrinnen der Zeit am Tag der Übergabe sehr unterschiedlich erleben, liegt auf der Hand. Das Unerwartete oder gar Disruptive spielte bereits in Merciers zu Lebzeiten erschienenen Romanen („Nachtzug nach Lissabon“, „Das Gewicht der Worte“) kaum eine Rolle, basierten sie doch auf einer Weltbetrachtung, in der nicht die Dynamik des Geschehens zählt, sondern vor allem, was der Mensch dabei empfindet.
Markus Hoffmann artikuliert Merciers Erzählungen über Menschen, die versuchen, inneres (Zeit-)Empfinden und äußere Realität in Einklang zu bringen, mit tiefem, bisweilen raunendem Timbre. Atempausen wurden weitgehend weggeschnitten. Hoffmann hat eine so exakte Artikulation, dass man sich manchmal etwas mehr natürliche Lebendigkeit wünscht. Dessen ungeachtet entführt sein ruhiger, rhythmischer Duktus unmerklich in Merciers literarische Parallelwelten in den (zumeist) privilegierten Kreisen. Die Geschichte „Die Wohnung“ erzählt von einem aufstrebenden Pianisten, der ein Paar kennenlernt, zu dem sich in unwahrscheinlich kurzer Zeitspanne eine intensive Verbindung entwickelt – so intensiv, dass die beiden bereits nach dem ersten gemeinsamen Treffen entscheiden, dem darbenden Künstler eine Wohnung zu schenken. Immerhin haben sie „viel Geld geerbt“, das ihnen „gar nicht richtig gehört, so wie einem verdientes Geld gehört“. Ihre Nächstenliebe geht gar so weit, dass die beiden dem Pianisten den „Zwang zur Dankbarkeit“ ersparen wollen, denn das wäre allzu „grausam“. Hier wird Großzügigkeit zur „Bedrohung von Freiheit“, und die Schenker werden zu „kleinlichen Buchhaltern der Dankbarkeit“. Diese Selbstreflexionen zu moralischer Integrität muss man sich natürlich leisten können.
Der Fluss der Zeit dümpelt doch ein wenig langsam in diesen Werken
Der Fluss der Zeit, so lernen wir in Merciers allzu behutsam mäandernden Szenarien, kann Kränkungen heilen, er kann auch zum Ereignisraum einer Eskalation zwischen Vater und Stiefsohn werden (wie in der düstersten und literarisch überzeugendsten Geschichte), oder sich in quälende Längen ziehen, wie beim „Warten auf den Befund“. Ein Lehrer im mittleren Alter lässt hier wegen eines hartnäckigen Hustenleidens eine Bronchoskopie anfertigen und wird in banger Erwartung der Ergebnisse mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert. Pascal Mercier umringt diesen panischen Ex-Raucher mit übernatürlich empathischen Figuren, darunter sein Sohn, „ein Kind von sprühender Intelligenz“, der ihm salbungsvoll bescheinigt: „Ja, doch, du warst ein guter Vater.“ Merciers literarische Anschauungsfälle verlieren dort an Überzeugungskraft, wo sie in allzu didaktischer Absicht konstruiert und die Dialoge so hölzern wirken, als stammten sie aus einer KI-Schablone.
Der bedeutungsschweren Grundstimmung begegnet Markus Hoffmann glücklicherweise mit einem nüchternen Erzählton, dem man intuitiv folgt. Wobei aufmerksamen Hörern auffallen dürfte, dass er manchen Satzbogen inkonsistent schließt, zuweilen irritierende Betonungen setzt und Stimmlagen aus direkter Rede in erzählende Passagen übernimmt. Ein Regisseur, der heute aus Kostengründen eingespart wird, hätte das leicht korrigieren können, und das gilt auch für Worte, die im Text stehen, in der Aufnahme aber fehlen. In Zeiten, in denen Sprecher nicht selten allein und mit starren Seitenkontingenten wie am Fließband arbeiten müssen, ist das leider keine Seltenheit.
Pascal Mercier: „Der Fluss der Zeit“. Gelesen von Markus Hoffmann. Hörbuch Hamburg, Hamburg 2026. Download, 183 Min., 11,19 €.
Source: faz.net