Die Verlegerin und Autorin Lina Muzur hat Frauen in ihrem Umfeld gebeten, ihr 15 Minuten lange Sprachnachrichten zu schicken, in denen sie die Frage beantworten, wie es ihnen geht. Für die meisten ist das nicht leicht, weil ständig die Zeit fehlt, darüber wirklich nachzudenken. Doch die Bitte von Lina Muzur ist ein Anlass, das permanente Multitasking zu unterbrechen. Aus unterschiedlichen Momenten ihres Alltags berichten die Frauen, deren Namen teilweise geändert wurden: aus Deutschland oder dem Ausland, aus dem Flugzeug, bei Tag oder Nacht. Wie akustische Vignetten geben diese 33 Sprachnachrichten Einblicke in die Lebenswege der Frauen, wie sie sie sonst wohl nur engen Freunden gewähren.
Nach und nach entsteht in dieser Komposition das vielschichtige Bild von Frauen, die sich in der Mitte des Lebens befinden – kinderlose Frauen und Mütter, Ehefrauen und Witwen, monogam und polyamor lebend. In mindestens einer Stimme oder einem Lebensentwurf wird sich jeder Zuhörer wiederfinden. Geboren zwischen 1972 und 1988, teilen die Frauen jene Lebensphase, in der sich Gewissheiten verschieben und sich das Verhältnis zum eigenen Körper verändert. Eine zweite Pubertät nennt es eine von ihnen. Auch das Bewusstsein für die eigene Sterblichkeit ist Teil davon, wie Stefanie de Velasco erzählt. Als Schriftstellerin beschäftigt sie vor allem die Frage, welche Geschichten eine Bedeutung hinterlassen.
Ein Gefühl der Zerrissenheit vereint die Monologe der Frauen ebenso wie die mühsame Suche nach einer Sprache für dieses Gefühl. Über Themen wie Care-Arbeit, Mental Load oder Schwangerschaft wurde lange kaum gesprochen und wenn, dann oft im Flüsterton. Viele Frauen haben gelernt, die erwarteten Antworten zu geben, Erschöpfung wegzulächeln und sich selbst zurückzustellen. Beim Zuhören ist das mitunter schmerzhaft: Viele Frauen rechtfertigen sich, können dysfunktionale Strukturen zwar benennen, stehen ihnen aber ohnmächtig gegenüber. Unweigerlich fragt man sich, welche Geschichten noch zwischen den Zeilen liegen, wie stark sie gefiltert sind durch das Verhältnis der Frauen zur Autorin. In manchen Sprachnachrichten vergehen Minuten, bis die Masken fallen.
Anna, eine von ihnen, hat das Gefühl, als Frau in der Gesellschaft zu verschwinden und ihr inneres Leuchten zu verlieren. Sie kann sich gar nicht mehr daran erinnern, wann sie etwas zum ersten Mal gemacht hat. Auch die Wut tritt dann hervor: auf strukturelle Benachteiligung, auf falsche Schönheitsideale und auf Widersprüche innerhalb feministischer Diskurse. Die Sprecherinnen Jana Kozewa, Tessa Mittelstaedt, Luise Georgi und Agnes Mann verleihen diesen unterdrückten Emotionen wechselnde, aber wiedererkennbare Klänge, sodass mit jeder Nachricht das Vertrauen wächst und die Frauen einem so nah kommen wie Freundinnen.
Berufliche Erfüllung und familiäre Verpflichtungen
Gemeinsame Erfahrungen formen wiederkehrende Muster, auch wenn jede Frau ihre eigene Perspektive einbringt. Als Mutter von vier Kindern fühlt sich die deutsche Schauspielerin Saralisa Volm gefangen zwischen dem Wunsch nach beruflicher Erfüllung und selbst auferlegten Verpflichtungen, denen sie nicht immer gerecht wird. Sie hat gelernt, ihre unterdrückten Aggressionen auszuhalten. So spiegelt der Blick der Frauen immer wieder die Gegenwart und richtet sich auf gesellschaftliche Veränderungen. Den dokumentarischen Charakter unterstreicht eine fragmentarische Sprache: Sätze stocken, Gedanken werden von Pausen unterbrochen, Unsicherheiten bleiben spürbar. Gerade als Hörbuch entfalten diese Selbstgespräche eine enorme Wirkung. Die entstehende Nähe verleiht den Stimmen Glaubwürdigkeit, fast ist es, als säße man den Frauen gegenüber.
Auch wenn diese Frauen sich nicht kennen und ihren Weg oft allein gehen, ist es beinahe tröstlich zu erkennen, dass ihre Sorgen und Herausforderungen keine Einzelfälle sind. In diesem polyphonen Chor gewinnen vermeintliche „Frauenprobleme“ allgemeine Gültigkeit. So plädiert das von Lina Muzur herausgegebene Buch dafür, Tabus zu brechen, einander zuzuhören und im Austausch mit anderen zu lernen, jenseits von Geschlechterrollen.
Lina Muzur: „Frauenprobleme“. 33 neue Nachrichten. Gelesen von Jana Kozewa u. a. Argon Verlag, Berlin 2026. Download, 361 Min., 15,95 €.
Source: faz.net