Hitzewelle frisst Milliarden: Wie Extremtemperaturen Deutschlands Wirtschaft lähmen

Für viele Berufsgruppen wie Dachdecker oder Krankenhausangestellte sind Hitzewellen eine Herausforderung. Für die europäische Wirtschaft bedeutet die Klimaerwärmung in den kommenden Jahrzehnten: Milliarden Euro an wirtschaftlichen Einbußen


Arbeiten in der Hitzewelle: Klar, Wassertrinken hilft, noch besser wäre es, nicht zu arbeiten

Loic Venance/AFP/Getty Images


„Es ist leichter, sich vor Kälte zu schützen als vor Hitze“, sagt der Kölner Dachdeckermeister Martin Weihsweiler. In den Hitzesommern 2018 und 2019 musste er seine Angestellten schon mittags in den Feierabend schicken, weil es einfach zu heiß auf den Dächern wurde. Das Thermometer zeigte im Schatten 35 Grad, in der Sonne 38 Grad – die schwarzen Bitumen-Dachoberflächen heizen sich bis auf 70 Grad auf.

Anfang Juli wurden in Nordrhein-Westfalen sogar Spitzentemperaturen von 39 Grad gemessen. In Andernach, Rheinland-Pfalz, im bayerischen Kitzingen, in Mannheim und Genthin, Sachsen-Anhalt, kletterte das Thermometer über die 38-Grad-Marke. In Niedersachsen saßen 48 Bahnreisende zweieinhalb Stunden bei hohen Temperaturen in einem Zug fest, es gab einen technischen Defekt, der auch die Klimaanlage betraf.

Der ADAC warnte vor aufreißenden Straßen, vor sogenannten „Blow-Ups“: Bei hohen Temperaturen dehnt sich der gegossene Beton etwa auf der Autobahn weiter aus, als die Fugen aus Teer es hergeben. Unter diesen Spannungen bricht er dann eisschollenartig auf. Auf dem Flughafen Hannover-Langenhagen brach so im Juli 2018 unter anderem die Start-und-Lande-Bahn auf, Dutzende Flugzeuge mussten am Boden bleiben oder zu anderen Flughäfen umgeleitet werden, weil sie nicht landen konnten.

Schlechtwettergeld im Sommer

Längst ist die Hitze auch zu einem Wirtschaftsproblem geworden: Eine Studie im Auftrag der EU-Kommission kam 2018 zu dem Ergebnis, dass bei ungebremsten Emissionen die wirtschaftlichen Einbußen für die EU bis Ende des Jahrhunderts auf 240 Milliarden Euro jährlich steigen könnten, das wären rund 1,9 Prozent der Wirtschaftsleistung. „Während der heißen Zeit fangen wir möglichst früh an zu arbeiten“, sagt Dachdeckermeister Weihsweiler. Trotzdem schafft er mit seinem Team an solchen Tagen nicht das, was an normalen Arbeitstagen möglich ist: Viele Baumaterialien lassen sich bei hohen Temperaturen gar nicht mehr fachgerecht verarbeiten.

Traditionell waren für das Bauhandwerk die Wintermonate die schwierigsten, und es gab „Schlechtwettergeld“, wenn der Frost die Arbeiten lahmlegte. Jetzt steigt auch auf Baustellen die Zahl der Hitzetoten, die Fachgemeinschaft Bau Berlin und Brandenburg fordert, die Regelungen zur Schlechtwetterzeit anzupassen und das Saison-Kurzarbeitergeld auf die Sommermonate auszuweiten. Für ganze Berufsgruppen wird die Hitze zur Tortur: für Kranführer, Straßenarbeiter, aber auch für Polizisten oder Feuerwehrleute, die ihre isolierende Schutzkleidung ja schlecht ablegen können, wenn sie zum Einsatz müssen.

Gründlich erforscht ist, dass die Klimaerhitzung die Intensität und Häufigkeit sommerlicher Hitzewellen in Europa in den letzten Jahrzehnten erheblich verstärkt hat. Auch die weitere Entwicklung ist gut belegt: Klimamodelle, etwa das des Deutschen Wetterdienstes (DWD), sagen voraus, dass Hitzewellen wie dieser Tage in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts das neue „Normal“ in Deutschland werden. Hitze erhöht das Risiko von Frühgeburten, wie unter anderem Untersuchungen aus Belgien zeigen. Findet eine Krankenhaus-OP an einem warmen Tag statt, ist es deutlich wahrscheinlicher, dass sich hinterher die Operationswunde entzündet. Eine großangelegte Untersuchung von Daten aus Frankfurt/Main ergab: In heißen Sommern liegt die Zahl von Rettungswagen-Einsätzen um bis zu 17 Prozent über dem Normalwert.

Mit der Wasserflasche Leben retten

Die Diakonie fordert, einen besonderen Blick auf Wohnungslose zu haben. „Fragen Sie höflich, ob jemand etwas zu trinken braucht“, empfiehlt der evangelische Wohlfahrtsverband. Eine Flasche Wasser könne Leben retten: „Nicht wegsehen: Zeigen Sie Mitgefühl.“ Experten fordern seit den Hitzejahren 2018, 1019 und 2021 mehr für diese Bevölkerungsgruppe zu tun, etwa einen „Hitzebus“, der solche Menschen an einen kühlenden Ort bringt, „analog zum Kältebus im Winter“, wie es Henny Annette Grewe vom Public Health Zentrum Fulda formuliert. Die „Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe“ fordert vom Bund einen Hitzeschutzfonds, um Hilfe für die Betroffenen gezielt fördern zu können.

Unterdessen werden am Donnerstag erneut Temperaturen bis zu 39 Grad erwartet. Der Deutsche Wetterdienst warnt lokal im Norden davor, dass es in der Nacht zunehmend schwüler werden könnte. Das könne für eine weitere Belastung des Körpers bedeuten, so der DWD. Es werde ab Freitag allerdings zu lokalen Gewittern kommen und zu einer allgemeinen Abkühlung mit Temperaturabfällen von bis zu 20 Grad. Die ganz große Hitze zieht dann erst einmal ab. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis die nächste Hitzewelle kommt.

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