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Ermittler haben wichtige Hintermänner von russischen Sabotage-Aktionen in Europa identifiziert. Ein zentraler Koordinator aber bleibt ein Phantom. WDR, NDR und SZ konnten rekonstruieren, wie „Lucky Strike“ agierte.
„Hast Du irgendwelche Informationen über Lagerhäuser, die der Ukraine helfen?“, fragte der Telegram-Nutzer „Lucky Strike“. „Ja“, antwortete ihm der Brite Dylan E. „Ich kann eine lange Liste mit Standorten erstellen. Es, gibt viele“, schrieb der junge Mann aus London. Und „Lucky Strike“ hatte noch mehr Wünsche. Eine Liste mit solchen Standorten brauche er nicht nur für England. Sondern für ganz Europa.
Wenige Tage später, am 20. März 2024, brannte in London ein Lagerhaus. Darin: unter anderem Starlink-Komponenten für die Ukraine. Dylan E. wurde kurz darauf verhaftet. Sein Chatpartner „Lucky Strike“ aber blieb ein Phantom. Bis heute.
Keine Infos zu „Lucky Strike“
Bei mehreren der Russland zugeschriebenen Sabotage-Aktionen und Brandstiftungen ist mittlerweile öffentlich bekannt, wer die Taten per Telegram koordiniert haben soll. Der Russe Mikhail M. etwa hat laut Staatsanwaltschaft in Warschau rund 30 Personen zum Ausspionieren von Flughäfen und Eisenbahnrouten in Polen angeleitet. Aleksey K. wiederum, der wie M. in Russland vermutet wird, soll gleich mehrere Operationen wie den sogenannten DHL-Plot mit Brandsätzen in Luftfracht-Paketen koordiniert haben.
Bei „Lucky Strike“ hingegen ist nichts über seine Identität bekannt. Dabei sollen seine Aktionen gleich mehrere europäische Länder betroffen haben: Sicherheitsbehörden sehen ihn involviert bei mindestens zwei der spektakulärsten Fälle: jenen Brand eines Lagerhauses in London. Dazu kommt ein versuchter Anschlag auf eine Raffinerie in Polen.
Aus den Ermittlungsakten, die WDR, NDR und Süddeutsche Zeitung einsehen konnten, lässt sich jetzt nachzeichnen, wie das System der sogenannten „Wegwerf-Agenten“ funktioniert – wie ein Telegram-Account nach Mitstreitern fischt, seine Agenten eng über verschlüsselte Chats führt – und schon nach kurzer Zeit konkrete Taten folgen.
4.000 Dollar für einen Brandanschlag
In Breslau ging es um einen Anschlag auf eine Farbenfabrik. Der in Deutschland lebende Ukrainer Serhij S. hatte sich bei Telegram mit einem Mann ausgetauscht, der sich Aleksey nannte und mit dem Pseudonym „Lucky Strike“ registriert war. Dieser hatte sich als Betreiber einer Baufirma in Kiew ausgegeben. Serhij solle gegen einen seiner Wettbewerber vorgehen.
Für 4000 US-Dollar erklärte sich Serhij S. bereit, Feuer zu legen – aber angeblich beschlich ihn irgendwann eine Ahnung, dass dies eine Geheimdienstoperation sei. Deshalb, so sagte Serhij S. aus, täuschte er die Tat vor und schickte Fotos von verkohltem Holz aus seiner hessischen Heimat. Fast schon penetrant fragte „Lucky Strike“ nach Belegfotos: „Es ist dringend, damit wir es beweisen können!“ Sonst gebe es kein Geld. Dann, nach Serhijs Festnahme Ende Januar 2024, fragte er bei Serhijs Frau nach: Was ist denn passiert?
In jenen Monaten war „Lucky Strike“ in mehreren Telegram-Gruppen aktiv. Im Kanal „Anti-NATO/Anti-NAZI“ wurde zu „Protest-Organisatoren in Europa und in den USA“ aufgerufen: „Wir suchen außerdem nach Partisanen, die bereit sind, Brandstiftung zu begehen.“ In einer Gruppe namens „Hooligans NS/WP“ fanden sich rassistische Slogans, Hitler-Fotos und Aufrufe wie „We are looking for comrads who make arson to the store of black migrants“. Honorar: 5000 Dollar. Bedingung auch hier: Belegfotos.
Moskau geht bei Spionage neue Wege
Westliche Sicherheitsbehörden interpretieren das als Reaktion auf die Ausweisung Hunderter Spione, die an russischen Botschaften akkreditiert waren. Um parallel zum Krieg in der Ukraine Aktionen im Westen auszuführen, gehe man in Russland neue Wege. Das Fischen bei Telegram sei einer gewesen. Der Vorteil: Diese Männer haben keine offizielle Verbindung zu Russland. Und Moskau kann jede Beteiligung leugnen. Wird jemand festgenommen, geht es mit anderen Personen weiter. Die russische Botschaft in Berlin erklärte auf Anfrage, man habe keine Kenntnis zu dem Sachverhalt.
Die Verhaftung von Serhij S. jedenfalls war für „Lucky Strike“ kein Einschnitt. Nur wenige Tage später bot er bei Telegram 5.000 US-Dollar an – für einen Brandanschlag auf exakt dasselbe Ziel in Breslau.
Zur selben Zeit, als Serhij S. rekrutiert wurde, soll „Lucky Strike“ mit Dylan E. in Austausch getreten sein. „Ich brauche einen Neustart, Bro“, hatte der Londoner Drogendealer zuvor dem Nutzer „Minsk KGB” geschrieben. Er stieß dann auf Werbung für bereitwillige Saboteure und schrieb, dass er über ein ganzes „Umfeld“ von Gleichgesinnten verfüge. „Hallo Freund, wie geht es Dir?“, meldete sich daraufhin ein Nutzer mit dem Namen „Privet Bot”.
Chaotische Anschläge ohne Absprache
Schon einen Tag später ging es für E. los. „Wir haben die erste Aufgabe für Dich.“ E. sollte Gebäude im Nordosten der Stadt ausspähen. Er bekam auch gleich eine Empfehlung, wie er sich unauffällig verhalte. Dafür solle er die US-Serie „The Americans“ über ein russisches Spione-Paar gucken. Dann sollte E. noch einen anderen Account kontaktieren. „Schreib mich hier an“, forderte Privet Bot. Sein anderer Nutzername, an den sich E. wenden sollte, war „Lucky Strike“. Dann aber wurde es chaotisch.
Ohne Absprache schickte E. Männer los, die ein Warenhaus in Brand setzten. „Diese Aktion war nicht abgesprochen!“, reagierte sein Telegram-Kontakt erkennbar sauer. Doch die Empörung war schnell vorbei: E. wurde mit Lob überhäuft: Er sei ein „wahrhaftiger Saboteur“. Weise und clever. Ein „Krieger“. Viele „glorreiche Jobs“ würden noch vor ihm liegen.
Dylan E. entwickelte brisante Pläne: Er wollte einen britischen Soldaten als Quelle anzapfen. E. überlegte, wie man einen russischen Regime-Gegner kidnappen könnte. Und auch von weiteren Brandstiftungen war die Rede – etwa in Tschechien. Doch am 18. April 2024 wurde E. dann festgenommen. Er bekam ebenso wie Serhij S. eine harte Strafe: Dylan E. wurde zu 17 Jahren Haft verurteilt. Serhij S. erhielt in Polen acht Jahre Gefängnis – obwohl die Brandstiftung nur vorgetäuscht war.
Selen: Russland hat „mehr Risikoappetit“
Was dagegen aus „Lucky Strike“ wurde, ist nicht öffentlich bekannt – wer er in Wirklichkeit ist, und ob es eine Person ist oder mehrere sind. Sicherheitsbehörden wollen zu den Ermittlungen rund um die Telegram-Accounts nichts sagen. Was bekannt ist: Die verdächtigen Accounts und Gruppen sind stillgelegt.
Nichts deutet jedoch darauf hin, dass die russischen Nachrichtendienste zurückhaltender agieren. Verfassungsschutzchef Sinan Selen warnte kürzlich vor „mehr Risikoappetit“. Und auch Litauens Geheimdienste erklärten, Moskau wolle gefährlichere Operationen ausführen. Ein Ziel dabei: weniger chaotisch sein.
Source: tagesschau.de