„Hier sollen wir denn Stadt zeigen: Wir kriegen dasjenige richtig gut hin“

In kaum einem anderen Hamburger Bezirk ist der Druck auf Flächen so groß wie in Altona. Sebastian Kloth ist hier Bezirkschef. Wie ist einer gestrickt, bei dem zwar alle Fäden zusammenlaufen, der aber dennoch selten das letzte Wort hat?

Wie ein dunkler Schmuckkasten aus Holz mutet das Bürgermeisterzimmer im Altonaer Rathaus an. Üppige Intarsien in den Wandvertäfelungen atmen Geschichte. Wären da nicht eine Reihe an zusammenhanglos herumstehenden Gegenständen, weder richtig hübsch, noch richtig hässlich, die dem Raum das Pathos nehmen. Etwa eine Schaufel aus Messing, die in einem Regal an die Wand gelehnt steht.

„Ja, wobei, auf diese Schaufel bin ich wirklich sehr stolz!“, ruft Sebastian Kloth von der Eingangstür des Zimmers herein, als der Fotograf schon zu einem alternativen Foto-Hintergrund eilt. Stolz auf eine Schaufel? Eine Urkunde macht klar, worum es sich handelt. Beim Wettbewerb Abpflastern 2025 mit dem Motto „Gemeinsam entsiegeln wir die Stadt“ hat der Bezirk Altona mit 4206 Quadratmetern entsiegelter Fläche gewonnen.

In einem hallenartigen Eckzimmer nimmt der 45-Jährige am Kopf einer mächtigen Holztafel Platz. Während er spricht, gleitet sein rechter Mittelfinger über das Trackpad seines Laptops. Der Bildschirmschoner soll nicht anspringen. Will der Bezirksamtsleiter, dessen Terminplan eng getaktet ist, so diskret die Uhrzeit im Blick behalten? Gleich mehrere Großprojekte, die für die gesamte Stadt entscheidend sind, stapeln sich in Form von Anträgen auf seinem Schreibtisch, ein schräg im Raum platziertes schmuckloses Möbel.

Lesen Sie auch

Für Kloth, der zuvor Baudezernent im Bezirk war und nun seit Herbst vergangenen Jahres im Amt ist, geht es in den nächsten Jahren um Großes. Sechs Jahre dauert seine Amtszeit. Sein Bezirk reicht von der vibrierenden Schanze über das alternative, mittlerweile aber ins neureiche tendierende Ottensen bis ins gutbürgerliche Sülldorf und nach Rissen an die Stadtgrenze. Nirgendwo anders ist der Druck auf freie Flächen derart hoch wie in diesem Bezirk, nirgendwo sind die Bedürfnisse an Stadtraum so komplex. Und nirgendwo sonst trifft man auf eine derart engagierte Nachbarschaft. Altona ist von Hamburgs sieben Bezirken derjenige, der die meisten Initiativen hervorgebracht hat.

Sebastian Kloth muss für möglichst alle ein Ohr haben. Er muss moderieren, vermitteln, aushandeln, erzielte Schnittmengen fixieren. Die Sache ist nur die: Er eilt von Ausschuss zu Ausschuss, muss die vertrackten Punkte kennen, am Ende aber sind es nicht selten andere, die das letzte Wort haben oder beim offiziellen Spatenstich ihr Gesicht in die Kamera halten. Bei der Planung des Fernbahnhofs Diebsteich gibt die Bahn den Takt vor, in diesem Fall ist eher von Schleichen die Rede. Und aufgrund der übergeordneten Bedeutung hat die Stadtentwicklungsbehörde das letzte Wort. Den Umbau der Elbchaussee wiederum hat der Senat vollständig an sich gezogen. Wegen der gesamtstädtischen Bedeutung, so lautet die offizielle Begründung.

Wer in Altona lebt, wehrt sich

Man könnte die Entscheidung auch als Signal verstehen: Wenn hier jemand eine Klage einreicht, dann muss er es mit dem Bürgermeister aufnehmen. Hinzu kommt: Wer in Altona lebt, will mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren, aber auch den Wocheneinkauf bis vor die Haustür abladen. Kinder großziehen, demonstrieren, und bis spät in die Nacht mit einem Bio-Riesling an Straßen mit Kopfsteinpflaster sitzen. Klingt nach einer anstrengenden Klientel. Kloth sieht es positiv. „Die Bürger hier sind wehrhaft, sie wollen mitbestimmen. Mir sind solche Leute ehrlich gesagt lieber als Zaungäste, die am Ende alles blöd finden, aber selbst keine besseren Vorschläge gemacht haben.“

Ein Spagat, den ihm an vielen Orten gelingen muss: Wie schafft man Quartiere mit hoher Aufenthaltsqualität, wenn diese vor allem bezahlbaren Wohnraum bieten müssen? „Und die dann auch noch breite Fahrradwege, breite Fußwege und und und haben sollen“, ergänzt Kloth. „Wir überfrachten oft unsere Ideen eines guten Ortes. Meine Rolle ist zu sagen: Das geht nicht alles. Aber vielleicht geht dies und das.“

Lesen Sie auch

In Zukunft will er ausprobieren, ob Bürgerbeteiligung auch andersherum funktionieren kann. Ein Pilotprojekt läuft gerade in Blankenese an. Ein Mobilitätskonzept soll es geben, man ahnt schon, wer sich da alles berufen fühlt, eine Initiative für oder gegen etwas zu gründen. Stattdessen hat das Amt 1500 Bewohner angeschrieben, interessierte Laien, quer durch alle Alters- und Einkommensschichten, die ihre Ideen für ihren Stadtteil skizzieren sollen. Kloth sagt: „Ich finde den Ansatz gut zu sagen: Die Menschen, die hier leben, sind die Experten. Nicht Stadtraumplaner, die irgendwo etwas gesehen haben, das ihrer Meinung nach vielleicht auch ganz gut zu Blankenese passen könnte.“

Wie er andere Großprojekte angehen will, dazu wird Kloth, der einst persönlicher Referent der Zweiten Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) war, wenig konkret. Bis auf eines: Auf dem ehemaligen Gelände des Selgros Großmarktes in Bahrenfeld unweit der neuen S-Bahnhaltestelle Ottensen wird das Halbleiterunternehmen NXP mit mehreren hundert Mitarbeitern eine neue Firmenzentrale beziehen. Auf dem Areal will Kloth in die Höhe gehen. Siebenstöckige Häuser mit 450 Wohnungen, ein grüner Innenhof, eine Kita, Läden und Gewerbeflächen fürs Handwerk sollen entstehen, bei dem die Parkplätze in einer Tiefgarage verschwinden.

Der neue Chef will Bäume pflanzen

Bei der geplanten neuen Mega-Sternbrücke will er dafür sorgen, dass die Clubs, die hier weichen mussten, sich in der Nähe wieder ansiedeln. Und Bäume sollen irgendwann wieder Schatten spenden. Wenn schon jene 90, die noch an der Max-Brauer-Allee Spalier stehen, gefällt werden müssen, weil selbst die Einzelteile der Brücke beim Transport zu breit für die Straße sein werden. Der Haken: Noch weiß Kloth nicht genau, wie viele Flächen sein Bezirk genau von der Bahn zurückbekommt.

Das Projekt, das ihm am meisten am Herzen liegt, ist das Holsten Quartier im Stadtteil Altona. Hier ist der Bezirk Plangeber. Sebastian Kloth macht sich gerade, streckt den Rücken durch. Nicht, weil er es hier mit Heuschrecken-Investoren zu tun hat. Sondern weil es für ihn dabei um mehr geht. „Hier müssen wir als Stadt zeigen: Wir kriegen das nicht nur hin, wir kriegen das sogar richtig gut hin.“ Der Vorwurf gegen den Senat wiegt schwer. Dass das zwölf Fußballfelder große Areal seit mehr als zehn Jahren brach liegt und zum Spekulationsobjekt sondergleichen mutierte, ist auch ein Politik-Verschulden. Kloth findet: Die Stadt hat hier was gutzumachen. Der Hamburger Immobilienentwickler Quantum will sich des Areals annehmen, zusammen mit der städtischen Saga, ein Verbund, der sicher auch Geld verdienen will, aber für attraktive und nachhaltige Quartiersentwicklung steht. 2000 Einheiten sind geplant, die Hälfte davon Sozialwohnungen, der Rest ein Mix aus frei finanzierten Miet- und Eigentumswohnungen sowie Genossenschaftsbauten und Azubi-Wohnen.

Lesen Sie auch

Die Frage, die sich alle stellen: Wie kann das gelingen, wenn man die bestehenden Bauten mit einbeziehen will? So könnte dieses Quartier nicht bloß eins von vielen ganz netten in der Stadt sein. Sondern ein Ort, der es als Geheimtipp in die Touristenführer schafft. Die alte Schankhalle und das Sudhaus existieren noch, ebenso industrielle Backsteinstrukturen, die den historischen Charakter des Bezirks prägen. „Ach, das geht schon“, sagt Kloth selbstbewusst. Er glaubt, dass die Investoren wissen, wie sie das meiste aus dem Ort herausholen können. In Kopenhagen, wo Quantum ein Büro hat, wurde – ebenfalls auf einem alten Brauereiareal – die Carlsberg City entwickelt. Wer hier den Ny Carlsberg Vej entlang spaziert, wo alter Backstein auf kühnen, neuen trifft, fragt man sich: Warum sollte sowas nicht auch in Hamburg möglich sein? Da könnte es helfen, ein Verwaltungs-Ass wie Kloth an der Spitze des Amts zu haben. Er will jedenfalls aufs Gas drückt, wenn Dinge ins Stocken geraten.

Eva Eusterhus berichtet seit 2006 für WELT und WELT AM SONNTAG aus Hamburg.

Source: welt.de

AltonaätBahrenfeldBebauungspläne (ks)Bezirke (ks)BlankeneseBüGBürgerinitiativen (ks)ElbeGentrifizierung (ks)HamburgHamburg-MitteHolsten-BrauereiMobilitNeubauten (ks)Parkraum-InboxPeterPolitikQuartiere (kSSchanzenviertelSozialwohnungen (ks)Stadtentwicklung (ks)StadtplanungStadtumbau (ks)SülldorfTschentscherVerkehr