Momentan ist im komplizierten Genre namens Weltdeutung
Überraschungsmanagement gefragt. Jener Bruch mit dem zeitlebens Gewohnten, den
der ins Weiße Haus gewählte Immobilientycoon veranstaltet, der muss verarbeitet
werden. Denn plötzlich steht der freie Westen zur Disposition, immer noch
Versprechen, Hoffnung und Ziel für Millionen Menschen. Der Berliner
Politikwissenschaftler Herfried Münkler ist ein Profi im
Überraschungsmanagement, sein neues Buch Macht im Umbruch will folglich „Deutschlands
Rolle in Europa und die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts“ klären, wie
es im Untertitel heißt. Seit vielen Jahren liefert der 73-Jährige verlässlich
seine kühlen Lagedeutungen, die verlässlich ungewöhnlich ausfallen, was
Münklers starke Präsenz in der deutschen Öffentlichkeit erklärt – er hat stets
zumindest eine eher selten gehörte Idee parat.
Das ist in diesem Buch nicht anders. 2023
hatte er in Welt in Aufruhr eine künftige globale Mächteordnung
skizziert, in der die USA, China, Russland, Indien und die EU fallweise
kooperieren und konkurrieren, eine Art Wiederauflage eines Politikmodus aus
Allianzen und Gegnern, wie man sie als Pentarchie im 19. Jahrhundert kannte –
nur jetzt mit anderen Beteiligten. Jetzt schaut Münkler darauf, was die Rolle
Deutschlands in dieser Konstellation sein könnte. Geschrieben ist das Buch vor
dem Amtsantritt Trumps, aber im Wissen um dessen bevorstehende Präsidentschaft,
deren disruptiven Stil und Agenda. Der Autor weiß also, dass Trump die
Nato-Garantie infrage stellt, aber nichts von seiner jüngsten Annäherung an
Putin auf Kosten der Ukraine.
Münkler stellt die für Deutschland zentrale
Frage: „Ist ein auf sich allein gestelltes Europa sicherheitspolitisch und
wirtschaftlich überlebensfähig?“ Ganz ähnlich hat das jetzt der 95-jährige
Jürgen Habermas in der Süddeutschen Zeitung im Blick, wenn er wieder
einmal die Stärkung Europas als Antwort auf die Krise des Westens fordert.
Münkler betont nun, dass Deutschland für die Überlebensfähigkeit in Europa
endlich „von vorne“ führen muss, was der bisherigen, aus dem kompromiss- und konsensorientierten
deutschen Modell stammenden Praxis widerspräche. Europas wichtigste
Wirtschaftsmacht hat keine Alternative zum neuen Führungszwang – nur leider
auch nicht das trainierte Personal wie Frankreich.
Münkler beklagt den „Mangel an strategischen
Köpfen“ in Taktik-fixierten Politniederungen (wobei „strategisch“ von jeher
eine allzeit bereite Lieblingsvokabel des Autors ist). Die EU brauche eine
Hierarchie der starken Zentren, die dominierten, und „abgeflachten Ränder“, um
künftig handlungsfähig zu sein – und genau für solch eine Reform sei
Deutschland entscheidend.
Typisch für Münkler, der bis 2018 Politische
Theorie an der Berliner Humboldt-Universität lehrte, ist die Zusammenschau
ganz verschiedener Phänomene und Ebenen, gewürzt mit überraschenden Beobachtungen.
Ideengeschichte und politische Theorie, Außenpolitik und Demokratielehre
verbindet er unkonventionell zu einer anregenden Universal-Erzählung. Auch zur
Erklärung der demokratischen Überforderung und der autokratischen Renaissance
führt er immer wieder in die Geschichte des geopolitischen Denkens: „Ausflüge“
dorthin seien keine „Luxusspaziergänge“, sondern man bekomme dabei „Brillen“,
durch die man die Lage besser sehe. Die hat Münkler schon in diversen Büchern
zuvor aufgestöbert, über Kriegstheorien, über „Maß und Mitte“, über Imperien
sowie den Raum als politische Kategorie. Münklers gleichsam immerwährende Lehre
bei alledem: Ohne Thukydides-Lektüre versteht man heute ohnehin nicht viel von
der Welt. Der griechische Geschichtsschreiber des 5. Jahrhunderts v. Chr. hatte
hellsichtig für alle Zeit den Peloponnesischen Krieg zwischen Athen und Sparta
analysiert.
Jetzt wären da also Europas geopolitische
Grundkonstanten: die Mitte und die Ränder, die Grenzen, die „Zwischenposition“
des Kontinents, der daher umkämpft zwischen Ost und West sei. Lehrreich ist
seine Analyse der viel diskutierten Einkreisung, seit dem späten 19.
Jahrhundert lange eine deutsche Obsession. Im Fall Russlands hingegen sei das
eine obsessive Fiktion: eine räumlich derart weit ausgreifende Macht lasse sich
überhaupt nicht einkreisen. Allerdings nutze Putin genau diese Fiktion
ideologisch und propagandistisch gegen den Westen, für besseren Zugang zu
Ostsee und Schwarzem Meer, beides jahrhundertealte russische Fixierungen.
Immer wieder lässt Münkler lehrreiche
Details einfließen: Aufmerksam registriert er, wie genau Putin Hitlers
Eskalation Ende der 1930er-Jahre studiert hat und seine Kenntnisse im
TV-Interview mit Tucker Carlson aufblitzen lässt. Münkler liest noch einmal den
Ex-Sicherheitsberater und Harvard-Professor Zbigniew Brzeziński, der 1997 auf
eine antirussische Allianz zwischen den USA und China setzte. Und schaut
illusionslos auf Viktor Orbáns Ziele in Europa, der vor allem die ungarischen
Grenzen revidieren wolle, die dem Land 1920 aufgezwungen wurden. Auch für die
wuchernde Brüsseler Bürokratie hat Münkler eine originelle Erklärung: eine
„Kompensation des Fehlens einer politischen Führung“; ohne deren
Integrationskraft setze man notgedrungen auf Bürokratie und rechtliche
Regelungen.
Ein Manko fällt allerdings irgendwann ins
Auge: Zu wenig ist von der dramatischen technologischen Revolution der
vergangenen Jahre die Rede, die Ökonomie, Handel, Militär und Kommunikation
tiefgreifend verändert, so wie wahrscheinlich KI die Form menschlichen
Zusammenlebens. Man liest hier zwar etwas über Lieferkettenprobleme, Autarkie
und das Ende der liberalen Globalisierungsträume, aber kaum etwas über die
technologisch-ökonomische Seite der künftigen Geopolitik und ihre riskanten
Innovationen, mit denen beispielsweise nicht nur Elon Musk den Weltraum ins
Visier nimmt. Gerade bei Ökonomie und Technik kann es in Zukunft massive
Verschiebungen geben, das Unvorhersehbare passieren.
Münklers in dieser Hinsicht traditionell
alteuropäische Draufsicht auf Außen- und Geopolitik nutzt die Vorteile der
Position des Nichtspezialisten, verknüpft verschiedene Blickwinkel und
scheinbar Entlegenes zu einem stimmigen Panorama. Man kann sich gut vorstellen,
wie mancher Experte in den entsprechenden außenpolitischen Denkschmieden des
Landes daher mit den Augen rollt, wenn Münkler in Essays und Interviews mal
wieder die Welt erklärt. Genüsslich hat der Osteuropa-Historiker (und ehemalige
Lektor in Münklers Verlag Rowohlt Berlin) Bert Hoppe jüngst in der FAZ
die ignorierten oder camouflierten Widersprüchlichkeiten des Gelehrten
vorgeführt, die dieser im Laufe der Jahre zum Ukraine/Russland-Komplex
öffentlich vertreten hat. Tatsächlich vermisst man bei der Lektüre an manchen
Stellen leise selbstkritische Töne. Wenn Münkler heute beispielsweise völlig zu
Recht den „heroischen Widerstand“ und den „Durchhaltewillen der ukrainischen
Streitkräfte und der ukrainischen Gesellschaft“ benennt – beides sei entscheidender
als westliche Waffenlieferungen –, so wäre eine Fußnote zur eigenen Prognose
auf ZEIT ONLINE zwei Tage nach dem Überfall 2022 passend gewesen: Da gab er
„die Ukraine verloren“, denn „militärisch dürfte die Sache in ein paar Tagen
gelaufen sein“. Auch große Geister können schon mal groß irren.
Doch sind das Peanuts im Vergleich zu
Münklers jahrzehntelanger Aufklärungsarbeit, mit der er als oft einsamer
Prophet ein breites Publikum für geopolitische Fragen sensibilisiert und die
politische Klasse hierzulande ermahnt hat, endlich das entsprechende
Bewusstsein zu entwickeln, so wie es für die drittgrößte Volkswirtschaft der
Welt lebensnotwendig wäre. Die Sorge allerdings, dass der Weckruf durch Putin
und Trump zu spät kommt, die wird man durch dieses kluge Buch leider nicht los.
Herfried Münkler: Macht im Umbruch, 431 S., Rowohlt
Berlin, Berlin 2025; 30,– €