Herbert Grönemeyer wird 70: Der macht die Regenbiege

„Du Blume im Revier!“ Hunderte Male angehört, aufgefasst, mitgenommen, ausgekostet, nachgebetet und mitgeschmettert, in zweiundvierzig Jahren: der letzte Vers der ersten Lobgesangsstrophe vor dem Refrainbekenntnis „ich komm aus dir“ in Herbert Grönemeyers Hymne auf seine Heimatstadt Bochum. Aber nie erkannt, worauf Michael Lentz in einer langen Beispielliste seiner 2024 bei S. Fischer erschienenen Lebenswerkbiographie „Grönemeyer“ hinweist: dass das letzte Wort ein Wortspiel ist. Und also auch nie darüber nachgedacht. Blume im Revier – statt Blume im Revers.

Im Kapitel „Zur Poetik der Songs“ legt der gelehrte Dichter Lentz im Unterkapitel „Instantsprache und Irritation“ dar, dass Grönemeyer oft reihenweise „Anverwandlungen von Redewendungen“ benutzt, das heißt Liedtexte aus abgewandelten Versatzstücken von Sprichwörtlichem montiert, die durch Irritation des Hörers mehr oder weniger sofort selbst etwas Eingängiges bekommen. Der Hinweis, dass auch „Du Blume im Revier“, längst als Markenname für lokale Gartenschauen von der Bochumer Tourismuswerbung adaptiert, ein Fall dieses Verfahrens ist, regt zunächst zum Stöbern auf dem Dachboden des zeithistorischen Gedächtnisses an.

Weiße Kreideschrift auf grauem Grund

Grönemeyers Bochum-Lied von der gleichnamigen, legendär erfolgreichen Platte mit der vorangestellten vierstelligen Postleitzahl in weißer Kreideschrift auf grauem Grund feierte die Bergbaustadt zu einem Zeitpunkt, da der Strukturwandel als sozialkatastrophisches Urgeschehen schon vollzogen und als Projekt des Umbaus zur Industriedenkmallandschaft noch ein Gegenstand kulturpolitischen Daumendrückens war. Wie viele Kumpel mit Nelke in der Ritze des Anzugaufschlags wird man 1984 in den Kneipen zur vorletzten Chance noch angetroffen haben?

Fairerweise müsste man die Stichproben für den hypothetischen Überschlag an Sonntagen machen und bei den Aufstiegsfeiern des VfL, denn wir sprechen von einem Detail des Festtagsstaats. Die große Geste von „Bochum“ ist die Vertikalität des Aufschwungs, der in der Bergbauwirtschaft, als griffen Riesenroboter ins Erdinnere, das Unterste zuoberst kehrt. Kulturgut wird in der Gegenrichtung weitergegeben, von oben nach unten, das gilt auch für das Zubehör des Lebensstils.

Die Blüte im Knopfloch ist ursprünglich ein Abzeichen aristokratischer Würde, und gerade deshalb wird sie im Zuge des gesellschaftlichen Wandels irgendwann einmal auf der Bochumer Königsallee eher am Platz gewesen sein als auf der weltbekannten Luxuseinkaufsstraße von Düsseldorf, obwohl unter den Straßenschildern der armen Cousine bekanntlich nie Modenschauen stattfanden. Und doch vermuten wir: Den Knopflochblütenaufschlag über der Staublunge sah man auch anno 1984 öfter im Fotoalbum als am Tresen. Das von Lentz freigelegte Bild unter dem Bild ist ein Erinnerungsmotiv – Grönemeyers Technik der umfrisierenden Zitatassemblage macht aus der Nostalgie eine Methode der kritischen Selbstvergewisserung.

An den Philologen Lentz muss indes noch eine Nachfrage gerichtet werden. Man sagt doch nicht „im Revers“, sondern „am Revers“, denn das Revers ist schließlich nicht das Loch. Was bedeutet es für die Erkennbarkeit der angenommenen Anspielung, wenn Grönemeyers Verballhornung schon bei der Präposition ansetzt? Mit Sicherheit dürfte die Gegenprobe aufgehen: Sollte das Ruhrmuseum in einer Ausstellung über Festbräuche aus dem Gruppenfoto einer Bochumer Knappschaft das florale Schmuckstückchen herausvergrößern und mit der Legende „Du Blume am Revers“ versehen, würden die allermeisten Besucher das Liedzitat identifizieren. Das Verhältnis von Original und Kopie hat sich umgekehrt: Grönemeyers zusammengebastelte Kunstwortspielereien und Phrasenelemente ergeben ein Inventar des Erfinderischen, das nach dem Open-Source-Prinzip der Volksmusik jedermann anzapfen darf, den geträllerten Büchmann der Begleitmotive des Alltags.

Den Habitus lässt er aus der Stimme entstehen

Jenseits von Konzerthallen ist das routinierte Herumschneiden am Flügelapparat geflügelter Worte eine Marotte, die den Adressaten der Kunststücke atomblitzschnell auf die Nerven gehen kann. Etwas Subalternes wird mit Witzen nach dieser Masche assoziiert, die verzweifelte Gegenwehr der Mechanik des Angestelltenhumors. Im Fernsehen gab es einen Weihnachtsfilm, der Uwe Ochsenknecht als unsäglich rührende Figur charakterisierte, indem er statt „zum Beispiel“ immer „zum Bleistift“ sagte. Es zeichnet den Künstler Herbert Grönemeyer aus, dass er in seinem gesamten Habitus, den er aus der Stimme entstehen lässt, durch das Verschleifen, Pressen, Zerhacken, Kneten, Zusammenquetschen, Ausdünnen und Hochdrehen aller Variablen von Dynamik und Agogik den Tick, den Exhibitionismus des Verdrucksten, nobilitiert und verklärt.

Liegen wirklich keine verfassungsschutzrelevanten Erkenntnisse über ihn vor? Am 18. Dezember 2025 begrüßte Kulturstaatsminister Wolfram Weimer im Bundeskanzleramt Herbert Grönemeyer als Teilnehmer einer Gesprächsrunde mit vielgestreamten Musikschaffenden.dpa

Eine solche Laufbahn – allein die ersten vier Songs von „4630 Bochum“ sind absolute Meisterwerke, die für jede Karriere genügt hätten, doch als Malocher macht er weiter – aus festlichem Anlass auf Formeln zu bringen hat zwangsläufig ebenfalls etwas Gewolltes. Aber falls Grönemeyer tatsächlich typisch für ein Land und eine Zeit ist, in deren Ohren es nicht nach einer schrägen Fügung klang, wenn die Demokratie als Lebensform beschrieben wurde, dann ist als sein Beitrag zur angewandten Philosophie die Umkehrung oder Ergänzung des Privatsprachenarguments von Ludwig Wittgenstein zu würdigen. Privatsprachen, Zeichensysteme, die, wenn überhaupt, nur ein einziger Sprecher versteht und beherrscht, sind unentbehrlich. Aufmerksamkeit verdienen nur Mitteilungen, denen etwas Unaufgelöstes beigemischt ist, eine Chiffre für das, womit der Autor der Mitteilung noch nicht fertig geworden ist.

Im Lied „Der Weg“ auf Grönemeyers Traueralbum „Mensch“ sagt der Sänger über das lyrische Wir: „haben den Regen gebogen“. Grönemeyer überbietet Rio Reisers „Und ich bieg’ dir den Regenbogen“ von 1986, als könnte das jeder. Dagegen den Regen selbst zu biegen: Aus dem Niederschlag wird durch reine Willkür das biblische Symbol der Hoffnung fabriziert – das ist das perfekte poetologische Symbol für Grönemeyers Umgang mit dem Sprachmaterial. Die Machart des Notbehelfs zum vollkommenen Zweierglück bewahrt gleichzeitig etwas von kindlichem Trotz.

Zum Raum wird hier der Song

Michael Lentz erklärt mit einer Geduld, die das schönste Zeugnis kollegialer Bewunderung ist, das Gemachte an Grönemeyers poetischem Werk, unter besonderer Berücksichtigung der aleatorischen Zwischenstufen von Nonsens, Blindtext und hoffnungsloser Überproduktion von Varianten. Aber er findet auch treffende Wendungen für die Dimension des Gemachten, die mit dem Macher nichts mehr zu tun hat, für die Objektivität des Vorgefundenen, an dem man als Grönemeyers Zeitgenosse und Mitbürger nicht vorbeikommt. Lentz vergleicht die Lieder mit Orten. „Ich höre diese Musik auch, wenn sie nicht gespielt wird.“ Sie umgibt uns, nimmt einen räumlichen Charakter an, ist dauerhafter als die meiste Kunst am Bau und manches Rathaus.

„Du Blume im Revier!“ Ist ja klar, wie das gemeint ist, sagen sich alle Ortsfremden und stimmen ein: Blume, weil dort sonst nichts wächst. Und mit dem Sänger ziehen sie den letzten Laut in die Länge: Revier wie wir – die wir Herbert Grönemeyer zum siebzigsten Geburtstag am 12. April 2026 gratulieren.

Source: faz.net