„Bochum“, „Männer“ und „Flugzeuge im Bauch“ machen Grönemeyer berühmt. Dann stirbt sein Bruder, kurz darauf seine Frau. Jahre später gelingt ihm das Comeback. In einer ARD-Doku spricht der Musiker über sein Werk.
Eigentlich wollte er Profifußballer werden. Oder Gebrauchtwagenhändler. Aber dann wurde Herbert Grönemeyer zum kommerziell erfolgreichsten Musiker Deutschlands. Dabei lief es anfangs gar nicht gut: „Der Erfolg hielt sich massiv in Grenzen“, bilanziert der 1956 geborene Grönemeyer. Zwar arbeitete er bereits seit den 1970er-Jahren als Schauspieler, beispielsweise in dem Film „Das Boot“ von Wolfgang Petersen. Und auch als Musiker war er früh aktiv – sein erstes Geld verdiente er als Pianist am Schauspielhaus Bochum. Doch erst Mitte der 1980er-Jahre gelingt ihm der Durchbruch.
1984 erscheint das Album „4630 Bochum“, benannt nach der damaligen Postleitzahl der Ruhrgebietsstadt. Die Platte wird zu einem Ereignis. Seine direkte, oft kantige Sprache prägt ein neues Selbstverständnis deutscher Popmusik, vorgetragen mit dieser Grönemeyer-typischen „Knödelstimme“. Songs wie „Männer“, „Flugzeuge im Bauch“ oder „Bochum“ treffen den Nerv der Zeit. In „Männer“ hinterfragt er, auch selbstkritisch, das damalige Männerbild – und stößt eine gesellschaftliche Diskussion über Klischees und Rollenverständnisse an.
Die Jahre nach „Bochum“ sind geprägt von enormem Erfolg. Rückblickend beschreibt er die Zeit zwischen 1984 und 1990 als „Dauerrausch“. Zugleich wächst der Druck: „Dieser Erfolg hat ja einen unheimlichen Zug und da ist es schon extrem kompliziert, die Bodenhaftung zu bewahren. Kaum möglich.“
Rückzug nach schweren Verlusten
Das Leben des Künstlers verändert sich in den späten 1990er-Jahren sehr plötzlich durch zwei einschneidende Ereignisse: Innerhalb kurzer Zeit verliert Grönemeyer seinen Bruder Wilhelm und seine Ehefrau Anna. Eine geplante Tournee sagt er ab, er zieht sich zurück. Vier Jahre lang verschwindet er aus der Öffentlichkeit.
Seine Trauer, seinen Verlust und seine Zweifel verarbeitet er in seinem Album „Mensch“. Es markiert einen Wendepunkt, persönlich wie künstlerisch. Mit bis zu 3,8 Millionen verkauften Exemplaren ist das Album von 2002 bis heute das erfolgreichste deutschsprachige Album eines Künstlers. „Genauso wie das Drama zuschlägt, schlägt auch das Glück zu“, sagt Grönemeyer. Und ergänzt: „Wenn man Verluste erlitten hat, wird man mutiger.“
„Kein Millimeter nach rechts“
Grönemeyer sieht sich selbst weniger als Dichter, denn als Musiker. „Wo ich mich am tiefsten zu Hause fühle ist meine Musik, ist nicht der Text, ist immer nur die Musik, sind diese Harmonien. Und in denen verstecke ich mich.“ Dennoch gelten seine Texte vielen Menschen als präzise Momentaufnahmen gesellschaftlicher Stimmungen. Musikalisch ist er mit der deutschen Sprache neue Wege gegangen, betont der Musiker Wolfgang Niedecken. „Er hat auch wirklich eine Art und Weise gefunden mit dieser harten deutschen Sprache so umzugehen, dass man damit Musik machen kann.“
Mit den Jahren wird Grönemeyer zunehmend politischer. Er äußert sich zu Migration, gesellschaftlichem Zusammenhalt und dem Erstarken rechter Positionen. „Die ganzen Menschen, die zu uns kommen, stemmen dieses Land mit uns gemeinsam“, sagt er. Sein mittlerweile oft zitierter Satz „Kein Millimeter nach rechts“ wird zu einem klaren politischen Bekenntnis. Sein Engagement für eine demokratische Gesellschaft ehrte die Deutsche Nationalstiftung Anfang April mit dem Deutschen Nationalpreis.
Authentisch – und sprachlich eigenständig
Für Grönemeyer ist Kultur eine verbindende Kraft. „Das ist die Faszination für mich von Kultur, von Kunst oder auch Musik: Wie schafft man es, diese Menschen zusammenzuhalten und immer wieder zusammenzubringen“, sagt er. „Ich glaube, es geht darum, einer Gesellschaft Mut zu machen. Zusammenzustehen und sich gemeinsam der Gegenwart zu stellen.“
Seine Musik wird von gesellschaftliche Entwicklungen beeinflusst. „Die Auseinandersetzung mit der Zeit diktiert einem die Texte und die Themen“, sagt Grönemeyer. „Was ist elementar, was schwebt so in der Luft gerade, was interessiert dich.“
Grönemeyers Bedeutung reicht längst über seine eigene Generation hinaus. Er ist ein Singer-Songwriter, der seine Musik überwiegend selbst schreibt. Schauspielerin Nina Hoss sagt: „Seine Musik war in den 80ern allgegenwärtig, wir haben’s auch alle gehört.“ Auch jüngere Künstler beziehen sich auf ihn. Rapper Chapo 102 nennt Grönemeyer „in der Hip-Hop-Szene eine absolute Legende“.
Sein generationsübergreifender Erfolg beruht darauf, dass er glaubwürdig mit seinem Publikum gewachsen ist, ohne Trends nachzulaufen oder sich anzubiedern. Er ist authentisch, sprachlich eigenständig und steht für eine gesellschaftliche Haltung. Zentrale Werte, die auch im Hip‑Hop eine große Rolle spielen.
„Ansonsten guck ich mal, was das Leben sonst noch zu bieten hat“
Mit 70 Jahren blickt Herbert Grönemeyer auf ein außergewöhnliches Werk zurück, emotional berührend, kommerziell einzigartig, kulturell prägend, politisch klar positioniert. Und er bleibt neugierig und experimentierfreudig. Denn „Alles bleibt anders“ ist nicht nur der Titel einer ARD-Dokumentation, sondern auch seine Überzeugung. Herbert Grönemeyer erfindet sich immer wieder neu: Er komponiert für Film und Theater, arbeitet mit Chören, steht selbst am Dirigentenpult und sucht die Zusammenarbeit mit jungen Kunstschaffenden, auch genreübergreifend, etwa im Rap und Hip-Hop. Oder, wie er selbst sagt: „Und ansonsten guck ich mal, was das Leben sonst noch zu bieten hat.“
Die ARD-Doku „Grönemeyer – Alles bleibt anders“ zeichnet zum 70. Geburtstag von Herbert Grönemeyer seine Musik-Karriere nach. Die Doku ist in der ARD-Mediathek abrufbar.
Source: tagesschau.de