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Die Vereinten Nationen stehen finanziell unter Druck wie nie zuvor. Ausgerechnet jetzt, während im Nahen Osten Millionen Menschen auf der Flucht sind. Die Helfer werden zunehmend hilflos.
Auf den Geländern rund um den Schulhof im Zentrum von Beirut hängt die Wäsche zum Trocknen in der Sonne, auf dem Hof stehen Zelte. Hier und in den Unterrichtsräumen schlafen Familien, viele auf dem Boden. Denn dem Flüchtlingshilfswerk UNHCR gehen die Matratzen aus, und für neue fehlt das Geld.
Inmitten des Trubels steht Anastasia Succar mit einer blauen Weste des UNHCR und verteilt Windeln. Die 32-Jährige steht für eine unlösbaren Aufgabe: immer mehr Not zu bewältigen, mit immer weniger Mitteln – in einem bankrotten Staat.
Etwa eine halbe Million Kinder sind innerhalb des Libanon auf der Flucht.
Seit Anfang März greift die israelische Armee Ziele im Libanon an, nach eigenen Angaben allein am 8. April 100 Ziele innerhalb von nur zehn Minuten, mehr als 300 Menschen starben. Seit Freitag gilt offiziell eine zehntägige, von Beginn an fragile Waffenruhe. Rund 20 Prozent der Bevölkerung des Libanon sind inzwischen auf der Flucht im eigenen Land, mehr als eine Million Menschen. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sind fast die Hälfte von ihnen Kinder.
„Manche Menschen tragen seit zwei Wochen dieselbe Kleidung. Manche hatten nicht einmal Windeln für ihre Kinder oder für ältere Menschen“, schildert Anastasia Succar. Die Bedürfnisse überstiegen die Mittel um ein Vielfaches. Die Kriegsparteien haben die geflüchteten Menschen dazu aufgerufen, trotz der Waffenruhe weiter nicht in ihre Häuser zurückzukehren, viele wollten es trotzdem zumindest vorübergehend versuchen.
Anastasia Succar arbeitet für das UN-Flüchtlingshilfswerk im Libanon. Dabei gebe es nicht annähernd genug Geld.
Historische Finanzkrise wegen Streichungen
Das Flüchtlingshilfswerk steckt, so wie viele UN-Organisationen, in einer historischen Finanzkrise. Auslöser ist insbesondere die Entscheidung der US-Regierung unter Donald Trump, deutlich weniger Geld für die Vereinten Nationen zu geben. Mehr als eine Milliarde Dollar weniger waren es allein im letzten Jahr für das Flüchtlingshilfswerk, das 5.000 Stellen streichen musste, etwa 40 Prozent der Mitarbeiter weltweit.
Aber auch viele europäische Staaten, darunter Deutschland, kürzen ihre humanitäre Hilfe deutlich. Wenn man freiwillige Beiträge und Pflichtbeiträge zusammenrechnet, ist Deutschland derzeit der zweitgrößte Beitragszahler der UN. Die Bundesregierung hat dem Flüchtlingshilfswerk im vergangenen Jahr allerdings fast die Hälfte der Gelder gekürzt.
In einem Interview am Mittwoch bestätigte Außenminister Johann Wadephul dem Deutschlandfunk, dass die Kürzungen und Bedürfnisse nicht zusammenpassten. Das wolle er auch gar nicht schönreden.
„Ich habe erst gestern wieder mit dem Finanzminister, der natürlich den Haushalt zusammenbringen muss, ein Gespräch darüber geführt und ihn darauf aufmerksam gemacht, dass aus meiner Sicht die Mittel für die humanitäre Hilfe nicht ausreichen“, so Wadephul. Es sei auch im deutschen Interesse, zu verhindern, dass Menschen hungern, und damit potenzielle Fluchtbewegungen zu verhindern.
Im Libanon bedeuten die Kürzungen schon jetzt genau das: eine steigende Gefahr für Instabilität und Spannungen, „die langfristig wesentlich kostspieliger zu bewältigen sein werden“, so die UNHCR-Leiterin vor Ort, Karolina Lindholm Billing.
„Den Kriegen und Krisen nur noch zuschauen“
Auch am Hauptsitz des UNHCR in Genf ist ein Drittel der Belegschaft weggefallen, darunter der Job von Javed Khan. Der 48-jährige Pakistaner und seine Frau Stefanie, die aus Thüringen stammt, haben ihre gesamte berufliche Laufbahn in den Dienst der Vereinten Nationen gestellt.
Sie lebten in Nicaragua, Sudan, Liberia, und nun mit ihren drei Kindern in der Nähe von Genf. Stefanie Khan arbeitete etwa für UN Women sowie das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte, er war vor seiner Zeit beim Flüchtlingshilfswerk für das Welternährungsprogramm und OCHA, das UN-Nothilfebüro, tätig.
Jetzt können sie den Kriegen und Krisen nur noch zuschauen. „Man fühlt sich hilflos, weil man das Gefühl hat, dass man nichts mehr machen kann“, sagt Stefanie Khan. „Ausgerechnet jetzt“, sagt ihr Mann: „Obwohl der Krieg so viel mehr Arbeit produziert.“
Stefanie und Javed Khan arbeiteten jahrelang für die UN. Nun sind sie arbeitslos und fühlen sich hilflos.
Ehemalige UN-Mitarbeiter ohne Absicherung
Aber auch die Familie selbst hat jetzt ein Problem: Sie fällt durch alle sozialen Netze. Kein Anspruch auf Arbeitslosengeld, die Krankenversicherung ist weg, der Aufenthaltsstatus in Gefahr. Jetzt klappern sie Sozialämter und Arbeitsämter ab, bislang ohne Erfolg. Denn Hilfe für die ehemaligen Helfer ist nicht vorgesehen.
Die Gewerkschaft der UN-Mitarbeiter beunruhigt die Situation auf mehreren Ebenen. Der Vorsitzende Ian Richards stellt schon jetzt einen Braindrain fest, also eine Abwanderung von Talenten wie etwa die Familie Kahn.
Die Einsparungen werden aus seiner Sicht an den falschen Stellen vorgenommen – überwiegend „im Feld“ und auf den niedrigeren Rängen, nicht bei den hochbezahlten Top-Jobs: „Mitarbeitende, die wissen, wie man Lebensmittel in sehr schwer zugängliche Gebiete bringt, die wissen, wie man Migranten und Flüchtlinge unterstützt.“ Und nun versuche man, sich zunehmend mit Freiberuflern über Wasser zu halten.
„In den meisten Ländern wäre das illegal: Menschen sollen an den gefährlichsten Orten der Welt arbeiten – potenziell ohne Rente, Sozialversicherung und Krankenversicherung“, so Richards. „Sie sollen also ihren Kopf hinhalten, ohne jeden Schutz.“ Auch Stefanie und Javed Khan arbeiteten in ihrer UN-Karriere immer wieder in temporären Verträgen ohne eine Möglichkeit, in die Rentenversicherung einzuzahlen.
„Viele Folgen werden erst im Laufe des Jahres sichtbar“
Offiziell unterstützen viele UN-Mitgliedstaaten das unter dem Titel „UN80“ laufende Reformprogramm der Vereinten Nationen, zu dem die Finanzkrise die Organisation zwingt. Hinter vorgehaltener Hand ist die Kritik dagegen lauter und wird oft als „Kahlschlag“ bezeichnet.
Was bleibt nach diesen Reformen noch von den UN übrig? Experten wie Ronny Patz befürchten eine Abwärtsspirale. Er forscht seit Jahren zur finanziellen Situation der Vereinten Nationen, derzeit im Auftrag des Bonner Thinktanks IDOS.
Die aktuelle sei eine der weitreichendsten Krisen der UN-Geschichte, sagt Patz. „Und gerade die großen Geldgeber, inklusive Deutschlands, verlagern ihre Finanzen weg von multilateraler Hilfe hin zu militärischer Hilfe.“ Das Schrumpfen der Organisation sei bereits deutlich sichtbar, die Kürzungen hinterließen einen „Flickenteppich“.
Dabei sei die Talsohle noch nicht erreicht, viele Folgen der Kürzungen würden erst im Laufe des Jahres sichtbar, so Patz. Und dann beginne womöglich ein Teufelskreis, wenn „weniger Erfolge sichtbar werden, weniger Lösungen geschaffen werden und die Zweifel an dem System eher noch größer werden“. Das hieße dann: Die Krise der Finanzen führt zu einer Krise des Vertrauens.
Diese und weitere Reportagen sehen Sie im Weltspiegel – am Sonntag um 18:30 Uhr im Ersten.
Source: tagesschau.de