Als Ece Temelkuran 2016 ihrer Mutter am Telefon sagte, sie werde nicht in die Türkei zurückkehren, legte sie ihr Herz ins Gefrierfach und verwandelte sich „in ein gefühlloses, zähes Wesen, einen Überlebensautomaten“. Diese Szene steht am Anfang von „Nation of Strangers“, einem hochpolitischen Memoir des Exils in Form von Briefen: „Liebe Fremde, lieber Fremder“, Ece Temelkuran wendet sich an alle, „die sich in diesen Zeiten irgendwie heimatlos fühlen“.
In Form und Sprache ist dieses Buch einem Roman näher als einem Sachbuch. In der Türkei ist die 1973 geborene Ece Temelkuran als politische Kolumnistin bekannt, und mit ihrem Sachbuch „How to Lose a Country“ von 2019 (auf Deutsch mit dem sperrigen Titel „Wenn dein Land nicht mehr dein Land ist“) hat sie sich als Faschismus-Expertin profiliert, doch daneben hat sie auch mehrere Romane und einen Gedichtband veröffentlicht.
Flucht aus der Türkei, dann die Ankunft in einem fremden Land
„Nation of Strangers“ ist ein persönliches Buch: Ein körperlicher Zusammenbruch im Sommer 2022 führte dazu, dass die Autorin wieder begann, sich Gefühle zu erlauben und sich über drei Jahre hinweg in Briefen dazu zu äußern. Ece Temelkuran erzählt nicht nur von sich als intellektueller Exilantin – „Wir sind innerhalb der Gesellschaft der Heimatlosen die öde Schwafel-Aristokratie“ –, sondern ebenso von der „schmutzigen, chaotischen Seite“ des Asyls: „die Papiere, der Aufenthaltsstatus, die elendigen Wartebereiche, die endlose Bürokratie usw.“ Sie nimmt uns mit in die Schlange vor der Ausländerbehörde und lässt uns teilhaben an den sarkastischen Gesprächen unter den „Profis“.
Als sie, nach sechs Jahren in Zagreb, in Deutschland endlich die dreijährige Aufenthaltserlaubnis bekommt, hat sie das Gefühl, ein unfaires Spiel gewonnen zu haben. Der Mann aus dem Jemen, den sie im Warteraum trifft, sagte anfangs noch: „Ich bin aus dem Jemen – aber ich bin Gehirnchirurg“; mit der Zeit lässt er die Berufsbezeichnung weg. Fremde müssen „die Teile von sich wegmeißeln, für die sie im neuen Land nicht genug Platz bekommen“. Und der Satz eines Londoner Taxifahrers aus Eritrea wird zum Leitmotiv des Exils: „Ich bin ein normaler Mensch. Im echten Leben bin ich ein normaler Mensch.“
Ece Temelkuran erlaubt sich keine Larmoyanz. Ihre Waffe ist die Klarheit, so blitzt in der literarischen Verpackung immer wieder eine stringente politische Analyse auf. Die extreme Rechte „sabotiert die Politik“, während wir zusehen, „wie politische Schamlosigkeit normal wird“ und dabei in eine „mentale Katatonie“ verfallen. Uns drohe eine Zukunft, in der die Politik ohne den Menschen gemacht wird. An einer luxuriösen Konferenz in den Alpen erlebt die Autorin das moralische Vakuum des Neoliberalismus am eigenen Leib, und sie übersetzt ihr Entsetzen in ein Bild von paradoxer Kraft: Es sei, „als würde man in das tiefste Schwarz starren, bis man sich selbst geblendet hat“.
Den Menschen droht moralische und spirituelle Heimatlosigkeit
„Nation of Strangers“ – die Kernthese dieses Buchs steckt im Titel. Uns allen droht eine Zukunft als Fremde, und zwar nicht nur, wenn wir wegen Diktatur, Krieg oder Klimakrise unsere Heimat tatsächlich verlassen müssen. Es geht um eine politische, moralische und spirituelle Heimatlosigkeit. Die Wahl von Trump etwa habe über Nacht Millionen zu Fremden im eigenen Land gemacht: Sie müssten nun Entscheidungen treffen, „die das Abwägen von Angst einerseits und moralischen Werten andererseits erforderlich machen“.
Nicht nur der globale Rechtsruck bedrohe die Demokratie, sondern ebenso politische Parteien, „die unsere Empörung nicht ernst nehmen“. Ece Temelkuran prangert die normalisierte Unmenschlichkeit an, die sich in Gaza manifestiert: Der Gazastreifen sei „eine schon lange blutende schmale Wunde auf der Weltkarte“, die sich nun „zum tödlichen Gangrän“ vergrößert: „Das, was wir dort nicht stoppen konnten, kriecht jetzt in die westliche Welt.“
Doch Temelkuran belässt es nicht beim Läuten der Alarmglocken. Mit diesem Buch habe sie gegen das lähmende Gefühl der Hoffnungslosigkeit anschreiben wollen, so die Autorin in einem Interview. So eindringlich sie über die „Heimatlosenscham“ spricht – die Scham über Niederlage und Heimatverlust ebenso wie die politische Scham darüber, überhaupt weggegangen zu sein und nicht genug getan zu haben gegen die Diktatur im eigenen Land –, so deutlich fordert sie dazu auf, diese „stumm machende Scham“ zur Seite zu legen und zu handeln.
„Spüren Sie, dass wir bald die Mehrheit sein werden?“
Eine neue politische Heimat werde sich nur mit Begriffen wie Liebe, Freundlichkeit, Solidarität, Fürsorglichkeit schaffen lassen – Worte, die „im Scheinwerferlicht der Theorie“ nicht überleben könnten, wie ihr sehr wohl bewusst ist. Doch wieder greift die Autorin zur Poesie und rehabilitiert die Gutmenschen-Begriffe: „Sie kommen nur in der Überlebensverzweiflung zum Vorschein und sitzen dann in ihrer wahren Gestalt und Größe still wie sanfte Riesen bei den Fremden.“
Wie viel Hoffnung gibt es in diesem so verletzlichen wie kämpferischen Buch? In ihren apokalyptischen Prognosen geht Ece Temelkuran aufs Ganze: Wenn wir keinen Widerstand leisten, „wird nichts Menschliches überleben“. Widerstand sei nur möglich durch die globale Gemeinschaft derer, die sich dem neuen Faschismus entgegenstellen und damit riskieren, zu Fremden im eigenen Land zu werden. „Durch diese Briefe, die ich an Sie schreibe, halten Sie mich, während ich mich erinnere. Und wenn wir uns einmal persönlich begegnen, werde ich Ihnen zuhören und Sie halten.“ Es ist, als wollte sich Ece Temelkuran buchstäblich eine Community erschreiben.
Ein kühner Akt, der nicht ganz gelingen kann. Denn bei aller Kraft, die dem Text innewohnt, ist es doch eine verzweifelte Hoffnung, die sich hier Bahn bricht. „Spüren Sie, dass wir bald die Mehrheit sein werden?“, fragt die Autorin im letzten Brief. Wie gern möchte man zustimmen, und bangt zugleich um diese Mehrheit – gerade nach der Lektüre dieses Buchs.
Ece Temelkuran: „Nation of Strangers“. Unsere Heimat sind wir. Aus dem Englischen von Michaela Grabinger. Rowohlt Verlag, Hamburg 2026. 256 S., geb., 25,– €.
Source: faz.net