Ja, das „Audi-Gate“ um die Linke-Fraktionschefin ist eine Kampagne der Rechten. Und klar: Im Detail war die Sache etwas anders, als das inoffizielle Bild mir sagen soll. Aber trotzdem trifft das auf viele ungute Gefühle in mir
„Wie soll man mit der Macht der Bilder umgehen?“ fragt sich unsere Autorin nach dem Audi-Gate von Heidi Reichinnek
Foto: Maja Hitij/Getty Images
Bilder machen Gefühle. Und wer mit dicken Autos durch die Gegend fährt, aber Klimaschutz fordert und gern andere hochmoralisch für deren Fehlverhalten anprangert, sorgt für Gefühle der unguten Art. „Erwischt“, frohlockt da der politische Gegner, und Ottilie Normalverbraucherin muss keine Rechtsaußen-Anhängerin sein, um dem unwillkürlich ein Stück weit zuzustimmen.
Heidi Reichinnek weiß das natürlich alles. Und erregt jetzt dennoch ähnliche „Störgefühle“ wie auch die muntere Unterbringung von AfD-Familienmitgliedern in gut bezahlten Jobs bei Parteichef Tino Chrupalla. Klar, dass sich Rechtspopulisten auf den Audi stürzen und die leicht erregbare Social-Media-Blase „Doppelmoral“ juchzt.
Wo es um die Macht der Bilder geht, sind die Details egal
Die Fraktionsvorsitzende der Linkspartei im Bundestag, die sich ansonsten gekonnt emotionalisierender Bilder und Sprache bedient, um den politischen Gegner zu attackieren, vor einem dicken Audi A8 – einem Auto, von dem Ottilie Normalverbraucherin bislang noch nie gehört hat. Sie selbst benutzt stoisch die Öffentlichen, vielleicht wegen des Klimas und ganz sicher wegen des Geldbeutels.
Offenbar sah Reichinnek sich so weit weg von Anfechtungen, dass sie es nicht für möglich hielt, selbst das berüchtigte „Geschmäckle“ auszulösen, das ein solcher umweltfeindlicher Protz nun mal auslöst, wenn Ottilie Normalverbraucherin davon erfährt. Gerade Reichinnek müsste auch wissen, dass es ziemlich genau gar nichts hilft, wenn übertriebene Vorwürfe sich als sachlich falsch erweisen – das Auto gehöre ja gar nicht ihr, sondern der Fraktion, oder ähnliche Feinheiten.
Wo es nicht um Fakten geht, sondern um die Macht der Bilder, sind die Details egal. Aber warum eigentlich? Muss man sich als Politikerin solchem inhaltsfernen Relevanz-Management unterwerfen? Oder wie soll man mit der Macht der Bilder umgehen? Geht es womöglich viel zu häufig um Moral – auch aufgrund der Macht der Bilder? Die Gefühle sind schneller als der Verstand, deshalb fahren ja so viele Menschen Auto und so viele Männer gern schnelle, dicke Autos. Deshalb wollen sie auch so ungern vom Verbrenner lassen – fühlt sich einfach besser an als so ein fremdbestimmtes Elektroding. Herr der Lage zu sein. Schnell tanken. Und losfahren.
Nein, Überdruss, Ohnmacht
Oder hätte Heidi Reichinnek sich als Automobilmaskottchen in die Offensive wagen sollen? Alle sind damit beschäftigt, die Fahrzeugindustrie zu retten, nur Linke dürfen nicht in den für die Rettung vorgeblich nötigen Limousinen sitzen? Muss sich vernünftige Politik an strukturell unvernünftig verlaufende bildgetriebene Debatten anpassen?
Auch Ottilie Normalverbraucherin weiß keine Antwort auf all diese Fragen. Dafür spürt sie umso mehr: Neid, Überdruss, Ohnmacht. Und das fühlt sich gar nicht gut an.