Heidi Klums gefährliches Framing

Heidi Klum nennt ADHS ihre „Superpower“, weil sie „tausend Sachen auf einmal“ könne. Das klingt nach Zeitgeist. Doch Multitasking ist kein Diagnosekriterium. Warum der Hype um „Produktivitäts-ADHS“ problematisch ist.

Vor einigen Tagen erzählte Unternehmerin und Supermodel Heidi Klum in einem Interview etwas, das sofort Schlagzeilen machte. Auf die Frage im Magazin „Glamour“, „Was ist eine Wahrheit über dich, die man vielleicht noch nicht kennt?“ antwortet sie: „Dass ich eine Form von ADHS habe.“ Dann ergänzte sie: „Ich sehe ADHS als etwas Positives, weil ich damit mehr Sachen gleichzeitig machen kann. Es ist meine Superpower.“

Und weiter: „Ich bin wegen meines ADHS sehr hyperaktiv. Ich kann tausend unterschiedliche Sachen auf einmal machen. Ich mache viele Projekte gleichzeitig und lade mir immer noch mehr auf“, so Klum.

Das klingt erst mal nach dem perfekten Zeitgeist-Satz: Diagnose als Label, Belastung als Asset, „zu viel“ als Karrierekompetenz. Und natürlich hat die 52-jährige Klum eine Biografie, die zu diesem Narrativ passt: Sie ist überall gleichzeitig, immer medial sichtbar, immer „on“. Genau deshalb lohnt sich die saubere Abgrenzung – nicht gegen sie, sondern gegen eine verbreitete Verwechslung: Multitasking ist kein ADHS-Kriterium. Und „viel schaffen“ ist kein Beweis für eine Störung.

ADHS ist kein „Ich kann tausend Sachen auf einmal“.

Medizinisch ist ADHS keine Beschreibung von Fleiß, Tempo oder Ehrgeiz, sondern eine neuroentwicklungsbedingte Störung, die dann diagnostisch relevant wird, wenn Symptome über längere Zeit bestehen, in mehreren Lebensbereichen auftreten und zu klinisch relevanter Beeinträchtigung führen – auch in zwischenmenschlichen Beziehungen, etwa in Freundschaften, Partnerschaften oder im Umgang mit Arbeitskollegen.

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Der entscheidende Punkt ist dabei oft nicht „zu viel Energie“, sondern Probleme der Selbststeuerung: Aufmerksamkeit halten, anfangen, priorisieren, zu Ende bringen, Reize filtern, Impulse bremsen. Gerade das, was viele Menschen Multitasking nennen, ist in Wirklichkeit ständiges Umschalten – und genau dieses Task-Switching ist bei ADHS häufig nicht die Superdisziplin, sondern die Baustelle und Ursache des Leidens.

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Mit ADHS werden unter anderem Besonderheiten in der Belohnungsverarbeitung und Selbststeuerung in Verbindung gebracht. ADHS geht häufiger mit problematischem Substanzkonsum einher: Alkohol, Nikotin oder Cannabis. Kurzfristig kann das entlastend wirken, langfristig kann es abhängig machen. Dazu kommt: Menschen mit ADHS haben ein deutlich erhöhtes Risiko für depressive Symptome und depressive Störungen.

Multitasking ist ein Mythos – und erst recht keine „Superpower“. Was im Alltag als Multitasking gefeiert wird, ist meist Aufgabenwechsel unter Zeitdruck. Psychologisch ist gut belegt: Geteilte Aufmerksamkeit hat Grenzen, und „gleichzeitig“ bedeutet häufig „schnell hintereinander“ – mit Kosten für Fehlerquote, Tiefe und Erholung.

Wenn jemand sehr leistungsfähig ist, viele Projekte stemmt, schnell entscheidet und den Kalender vollpackt, kann das zig Ursachen haben: Temperament, Training, Teamstrukturen, Rollenstatus, externe Entlastung, Perfektionismus – oder schlicht: Ambition und Arbeitsdisziplin.

Und hier wird es bei Klums Zitaten interessant. Denn das, was sie beschreibt – „viele Projekte“, „ich lade mir immer noch mehr auf“, lässt sich auch als Teil einer öffentlich gepflegten High-Performance-Erzählung lesen: hohes Aktivierungsniveau, hoher Output, hohe Toleranz für Dauerbetrieb. Das ist nicht automatisch krankhaft. Krankhaft wird es dort, wo es kippt: wenn Beziehungen leiden, der Schlaf chronisch entgleist, Finanzen und Impulsentscheidungen eskalieren. Wenn das „Mehr“ nicht mehr steuerbar ist, vor allem dann, wenn das Muster nicht nur im Rampenlicht, sondern überall gilt.

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Warum die Einordnung wichtig ist? Wenn Prominente ADHS als „Superpower“ rahmen, hat das zwei Seiten. Es kann entstigmatisieren und signalisiert: Du bist nicht kaputt. Grundsätzlich ist es wichtig, dass berühmte Menschen sich auch mal verletzlich zeigen und bei aller äußerer Perfektion im Inneren eben angreifbar und: menschlich. Sprechen Prominente über ihre mentale Gesundheit oder machen sie schwere Krebserkrankungen öffentlich, werden sie nahbar. Die wahre „Superpower“ ist, dass sie mächtig sind: Social-Media- und Medien-Reichweite, um zu entstigmatisieren, um aufzuklären und das Gefühl zu vermitteln, dass der normalsterbliche Fan nicht alleine ist mit seinen gesundheitlichen Problemen.

Für Betroffene ist ADHS kein „Ich kann mehr“

Aber es geht eben auch in die andere Richtung: Problematisch wird es, wenn Prominente psychische oder neuroentwicklungsbedingte Störungsbilder verharmlosen oder verzerren. In Klums Fall, als wäre ADHS vor allem ein „Produktivitäts-Booster“. Gerade für betroffene Kinder und Jugendliche ein fatales Signal. Ohne Diagnose leiden Betroffene in der Schule oft an Konzentrationsschwäche, haben einen starken Bewegungsdrang, leiden an innerer Unruhe oder einer geringen Frustrationstoleranz. (Was nicht bedeutet, dass hinter jedem auffälligen Verhalten bei Kindern ADHS stecken muss.)

Natürlich kann man Klum die Diagnose nicht absprechen: Erst vor Kurzem hatte auch ihr Sohn Henry, 20, in der Pro7-Doku „On & Off the Catwalk“ erzählt, dass er als Kind starkes ADHS gehabt habe. Warum also nicht auch seine Mutter?

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Doch für viele Betroffene ist ADHS eben kein „Ich kann mehr“, sondern ein „Ich will“ – und trotzdem scheitern diese Menschen am „Dranbleiben“. Es ist keine Erfolgsstory wie bei Heidi Klum, sondern eher eine Geschichte, geprägt von Chaos, Schuldgefühlen, Überforderung, späten Diagnosen – gerade bei Mädchen und Frauen, die Symptome lange kompensieren. Bei Mädchen und Frauen zeigt sich ADHS oft weniger durch sichtbare Hyperaktivität und häufiger durch Unaufmerksamkeit; dadurch bleibt es nicht selten länger unerkannt.

Und deshalb sollte man Heidi Klums Sätze nicht als Blaupause nehmen, sondern als Anlass, genauer hinzuschauen: ADHS ist keine Metapher für Vielbeschäftigung. Multitasking ist kein Diagnosekriterium. Eine volle To-do-Liste ist kein Symptom, sondern ein Lebensstil – manchmal bewundernswert, manchmal ungesund, oft einfach: Arbeit.

Ob Klum nun „eine Form von ADHS“ hat oder nicht, kann und sollte niemand aus einem Interview heraus „diagnostizieren“. Sicher ist: Klum ist enorm produktiv, professionell und ehrgeizig. Und es gibt sehr viele Stars, die über ihre ADS- und ADHS-Diagnosen gesprochen haben – Musiker Justin Timberlake, US-Sportlerin Simone Biles oder Influencerin Caro Daur.

Aber man kann eben auch sehr klar sagen, was ADHS nicht ist: ein Synonym für Fleiß oder ein Glamour-Label für Hyperproduktivität.

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Source: welt.de

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