Er sei wohl verrückt geworden, das könne er doch nicht machen, habe seine Marketingchefin gesagt. Aber Thorsten Schmidt, der Intendant des Heidelberger Frühling Musikfestivals, ließ voll fett auf die Plakate drucken: „Klassik ist was für hochnäsige Schnösel“ oder „Klassik ist Boomer-Musik“, darunter jeweils klein die brutal duzende Einladung, es trotzdem mal mit ihr zu versuchen. Krass!
Die populistischen Vorurteile des Klassismus und des „Altersrassismus“, die ja mittlerweile unverhohlen das Klassikmobbing im öffentlich-rechtlichen Rundfunk antreiben, hat Schmidt offensiv bei den Hörnern gepackt – mit Erfolg! „Wir geben bis zu drei Tage vor jeder Veranstaltung Karten an Studenten für acht Euro heraus. In diesem Jahr hatten wir die höchste Nachfrage nach diesen Karten in der gesamten Festivalgeschichte.“
Selbstdiffamierung löst Solidarisierung aus
Die Selbstdiffamierung hat Aufmerksamkeit erregt und Solidarisierungseffekte ausgelöst. Es sind nicht nur viele junge Leute im Publikum; beim Konzert des Trios Zimbalist in der Alten Aula der Universität stehen vorn auch zwei Frauen, die ihres Kopftuches wegen Musliminnen sein könnten, und applaudieren beherzt nach dem Tanz der Komödianten aus Bedřich Smetanas Oper „Die verkaufte Braut“. Wieso auch nicht? Der Pianist George Xiaoyuan Fu hat ihn für sich, den Geiger Josef Špaček und den Cellisten Timotheos Gavrilidis-Petrin mit so viel Wunderkerzenglissandi und Pianistenfüßen-Stepptanzknalleffekten arrangiert, dass man bei dem Spaß gar nicht mehr ans hässliche Bräuteverkaufen und Stottererverspotten denkt: „Alle Menschen werden Böhmen!“
Der Heidelberger Frühling geht mittlerweile in sein dreißigstes Jahr. Thorsten Schmidt hat ihn mitbegründet und leitet ihn seitdem. Dass es neben dem Hauptfestival im März und April längst ein Streichquartettfest im Januar, ein Liedfest im Juni, dazu eine Liedakademie mit Meisterkursen gibt, ist noch nicht genug. Der Heidelberger Frühling ergriff auch die Initiative, die historische Stadthalle aus dem Jahr 1903 sanieren und für die Bedürfnisse des 21. Jahrhunderts ertüchtigen zu lassen. Allen in der Stadt hat das nicht gefallen. Besonnene hielten es für Größenwahn, Ängstliche fürchteten die Zerstörung des denkmalgeschützten Interieurs. Doch dann erklärte sich der Pharmaunternehmer Wolfgang Marguerre bereit, alle Kosten selbst zu übernehmen und die öffentliche Hand zu entlasten. Nach seinen Angaben habe alles zusammen 57 Millionen Euro gekostet – und es sieht wirklich sehr schön aus.
Das Büro Waechter und Waechter Architekten Darmstadt hat den Saal so behutsam verjüngt, dass sein historischer Charakter nicht überdeckt, sondern chic betont wird. Das helle Holz für Bühne, Parkett und die gepaspelten Seitenpaneele, die das Hochparkett rechts und links gegen die abgesenkte Saalmitte abgrenzen, erinnert ebenso an das neue Casals Forum der Kronberg Academy wie die bauliche Öffnung des Saals zur Landschaft hin. Die Nordwand wurde in Heidelberg durchbrochen, ein neuer Durchgang geschaffen, der es zum ersten Mal seit 123 Jahren ermöglicht, das Gebäude auf der Ost-West-Achse zu durchqueren. Und eine holzgefasste Glasfront eröffnet jetzt den Durchblick aus dem Parkett auf die Neckarbalustrade, den Fluss und das gegenüberliegende Ufer mit dem hoch gelegenen Philosophenweg.
Es ist ein Gewinn an Licht, Luft und Leichtigkeit. Auch wenn man dafür einige Sitzplätze hat opfern müssen, bleibt die jetzige Kapazität mit 991 Plätzen bei Maximalbestuhlung (zuvor 1248) für eine Stadt wie Heidelberg vollkommen angemessen. Im zweiten Rang hat man dafür die historischen Thonet-Klappstühle auf fünf ansteigenden Reihen flottgemacht.
Parkett und Bühne sind aus verschiedenen Podien zusammengesetzt, die hydraulisch angehoben oder abgesenkt werden können. So lassen sich vom Kammer- bis zum Symphoniekonzert unterschiedliche Bühnengrößen bauen; man kann das Parkett gestaffelt ansteigen lassen oder alles wieder auf die Einheitshöhe vor der Sanierung bringen, wodurch der Raum wie ehedem als Ballsaal genutzt werden kann. Unterirdisch gibt es nun endlich angemessene Künstlergarderoben mit Toiletten, unterm Dach Einspielzimmer für Solisten mit malerischen Ausblicken über die Altstadt hinweg bis zum Heidelberger Schloss. Ein Lastenaufzug hebt den Konzertflügel auf die Bühne. Der körperliche Anteil der Bühnentechnik hat sich verringert.
Und wie klingt der alte, neue Saal nun? Das renommierte Münchner Akustikerbüro Müller BBM hat sich darum gekümmert und stand, ähnlich wie die Akustiker in Kronberg, vor der schwierigen Aufgabe, einen Saal zu gestalten, der vom Klavierabend über ein Streichquartett bis zum Orchester mit und ohne Chor alles gleichermaßen befriedigend abstrahlen soll. Bei den Ostermusiken von Johann Sebastian Bach mit The Constellation Choir & Orchestra unter der Leitung von John Eliot Gardiner ist der Klang – besonders bei den Trompeten und den Oboen da caccia – herrlich krisp und knusprig, also konturiert, aber nicht bullig. Der Chor federt mühelos übers Orchester hinweg und mischt sich, wo er es soll, mit ihm. Der Bass-Solist Jack Comerford hätte aber auch für die Rezitative, nicht nur für die Arien vors Orchester treten sollen. Sopran, Alt und Tenor haben es leichter, durchzudringen, tiefere Frequenzen werden verschluckt. Man wird mit den sieben Klangsegeln an der Decke und mit der Bühnenhöhe noch experimentieren müssen.
Dass Gardiner die sprachliche Artikulation der instrumentalen angleicht und eher Affekte – oft plastisch tänzerisch – ausformt, statt verbale Sinnzusammenhänge, ist eine interpretatorische Entscheidung, der man nicht folgen muss. Die kleinteilige Akzentuierung bringt jedenfalls die Prosodie zum Flackern. Das Leonkoro Quartett hört man besser im Parkett als vom Rang, wo sich etwas Dunst über den Klang legt. Die lyrische Intensität in Mendelssohns Streichquartett op. 13, die heiße Poesie der Andeutung wirken unten unübertrefflich.
Große Orchester dürften es schwer haben
Elektrisch verstärkte Musik wie das „Sacred Concert“ von Duke Ellington mit dem Bachchor Salzburg und der Mozarteum BigBand ist überhaupt kein Problem und das Werk selbst ein Glücksfall: Hier treffen religiöser Monotheismus und ästhetischer Pluralismus viel gelungener zusammen als in Leonard Bernsteins überanstrengter „Mass“. Die Stimme des Countertenors Reginald Mobley füllt, zur Begleitung des Pianisten Baptiste Trotignon, den Saal mit karessierendem Charisma. Und wenn Grigory Sokolov Ludwig van Beethovens späte Bagatellen op. 126 auf dem Flügel spielt, hört man lichtgewordenem Geist beim Atmen zu. Man versteht auch bei Franz Schuberts später B-Dur-Sonate, warum Sokolov klanglich und im Tempo monumental werden muss: damit das Zarte geschützt und unbedrängt ausformuliert werden kann!
So weit also erst einmal alles gut und schön, nur bei ganz großen Orchestern wird man wohl akustisch ins Knobeln kommen. Das war aber schon vor der Sanierung so.
Source: faz.net