Wer im Bonner „Haus der Geschichte“ in die neue Themenwelt der deutschen Einheit schlendert, sieht den Zettel schon von weitem: Dieses Papier hielt der DDR-Funktionär Günter Schabowski in der Hand, als er auf einer Pressekonferenz am 9. November 1989 die Maueröffnung verkündete. Handschriftlich hatte er sich den Fahrplan für die Veranstaltung notiert. Am Ende der Pressekonferenz spricht Schabowski von einer neuen Reiseregelung. Auf eine Journalistenfrage, wann die Regelung in Kraft tritt, heißt es: „Sofort, unverzüglich!“
Der Reporter Saure will den Weg des Zettels rekonstruieren
Schabowskis Sprechzettel kam, da kein amtliches Schriftstück, nie ins Bundesarchiv. Über Umwege konnte ihn die vom Bund finanzierte Stiftung, die hinter dem „Haus der Geschichte“ steht, erwerben. Der Kaufpreis ist bekannt (25.000 Euro), der oder die Verkäufer sind es nicht. Seit Jahren will „Bild“-Chefreporter Hans-Wilhelm Saure die Namen wissen. Er will den Weg des Zettels rekonstruieren. Die „Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ schweigt. „Bild“ klagte, gewann in erster Instanz. Die Stiftung ging in Berufung. „Bild“ gewann. Das Informationsinteresse der Presse überwiegt – so die Gerichte – die Vertraulichkeitsbelange von Verkäufer und Museum.
Nun hat die Stiftung Revision beim Bundesverwaltungsgericht in Leipzig beantragt. Inhaltlich äußern wollte sich die Stiftung auf Anfrage der F.A.Z. zunächst nicht. „Bild“-Chefreporter Saure sagte: „Das ‚Haus der Geschichte‘ hat inzwischen deutlich mehr Geld für die Abwehr unserer presserechtlichen Anfrage und des Antrags nach Informationsfreiheitsgesetz ausgegeben als für den Ankauf des Schabowski-Zettels. Allein bis 2022 beliefen sich die Anwaltskosten nach unseren Recherchen auf 64.000 Euro. Statt weiter Steuergeld zu verpulvern, sollte das ‚Haus der Geschichte‘ nach zwei eindeutigen Urteilen endlich Transparenz schaffen und jetzt unsere Fragen nach den Verkäufern des historischen Dokuments beantworten.“
Source: faz.net