Billy Corgan, Sänger der Smashing Pumpkins, hat eine ganz besondere Theorie aufgestellt. Die CIA habe in den 1990ern mit Absicht die Rockmusik getötet. Doch warum nur? Eine Glosse.
Ach, wofür der US-amerikanische Auslandsgeheimdienst nicht alles verantwortlich zeichnen soll: da wären die Ermordung von John F. Kennedy, die Sprengung des World Trade Centers als Inside Job, geheime Verhandlungen mit außerirdischen Wesen über die zeitnahe Besiedlung der Erde durch parasitäre Kolonialisten. Ja, manche Menschen behaupten sogar, die CIA habe vor nicht allzu langer Zeit unsere Vögel durch Drohnen ersetzt, damit sie die Bevölkerung 24/7 ausspionieren könne.
Ganz klar: Die CIA ist eine absolute Superbehörde, die selbst das Unmögliche möglich machen kann. Und das ist womöglich dann eben auch der Grund, warum Billy Corgan, Sänger der Smashing Pumpkins, vor nicht allzu langer Zeit eine Theorie aufgestellt hat, die seitdem immer wieder von Musikern aufgegriffen wird.
Die CIA nämlich sei schuld am Tod der Rockmusik. Im teuflischen Bunde mit MTV habe man Ende der 1990er-Jahre beschlossen, das Genre sterben zu lassen, indem man ihm immer weniger Airplay gebe und stattdessen andere Musikrichtungen wie Hip-Hop in den Vordergrund stelle, der ja tatsächlich in den vergangenen rund 25 Jahren einen erfolgreichen Siegeszug als dominante Jugendkultur angetreten hat. Doch was könnte der Grund dafür sein? Corgan weiß es selbst nicht. Das liege ein „paar Gehaltsklassen über ihm“, sagt der Hohepriester der melancholischen Gitarrenparanoia und Frontmann einer der erfolgreichsten Indie-Bands der 1990er-Jahre überhaupt.
Die zerstörerische Kraft von Coldplay und belanglosen Post-Grunge-Bands
Vielleicht wollte die CIA einfach verhindern, dass noch mehr Männer mit Spitzbärten in Cargo-Shorts zwölfminütige Gitarrensoli als Freiheitskampf missverstehen. Oder man wollte mit dem Wechsel der Jugendkulturen auch den inhärenten Wandel der angepriesenen Drogenkultur herbeiführen: statt Kokain lieber Codein. Das sediert stärker, macht weniger paranoid und eröffnet den Geheimdiensten mehr Möglichkeiten, Vögel durch Drohnen zu ersetzen oder eben Geschäfte mit Aliens zu betreiben.
Vielleicht ist die Behauptung, Geheimdienste hätten Rock verdrängt, letztlich aber auch nur die romantische Selbstüberschätzung eines Genres, das sich für so systemrelevant hält, dass sein Niedergang nur durch Staatsintervention erklärbar scheint? Das Problem dieser Theorie ist jedenfalls: Wer ernsthaft glaubt, die CIA habe Rockmusik getötet, überschätzt nicht nur amerikanische Geheimdienste, sondern unterschätzt vor allem die zerstörerische Kraft von Coldplay und belanglosen Post-Grunge-Bands.
Aber für Corgan gibt es Trost. Während er gedanklich noch in den 1990er-Jahren festklebt, haben die Algorithmen längst die Macht über die Musikindustrie übernommen und das Distinktionsverhalten früherer Jugendkulturen aufgelöst. Heute hört ohnehin kaum noch jemand nur ein Genre; die Welt ist längst eine große Playlist, ein soundgewordenes Anything goes, in der die Smashing Pumpkins ganz wunderbar neben Kendrick Lamar funktionieren.
Aber vielleicht ist das ja auch die eigentliche Kränkung: Nicht die CIA hat den Rock entmachtet, sondern die völlige Gleichgültigkeit einer Gegenwart, in der Gitarrenriffs nur noch ein weiterer Algorithmus-Vorschlag zwischen Lo-fi-Beat, Trap-Remix und Einschlafplaylist sind. Oder, wie sang Corgan selbst in Tonight, Tonight: „The impossible is possible tonight.“ Je nach Ego muss das ganz schön weh tun.
Source: welt.de