Dass westdeutsche Medien „den“ Osten erklären, ist Standard. Jetzt drehen Ostdeutsche den Spieß um und deuten den Westen. Sie wissen auch, warum man nach Gelsenkirchen fahren muss, um Deutschland zu verstehen.
Dieses Buch hat eine Vorgeschichte: „Der Westen. Eine ostdeutsche Empfindung“ reagiert bis in den originellen Untertitel hinein auf den Bestseller „Der Osten. Eine westdeutsche Erfindung“ von Dirk Oschmann. Dessen 2023 erschienene Streitschrift machte die These populär, dass in Deutschland nur der Westen zählt, während der Osten als Abweichung von der Norm wahrgenommen und von einer westdeutsch dominierten Medienlandschaft entsprechend vorgeführt wird: „So isser, der Ossi“ („Spiegel“-Titel 2019).
Cornelia Geißler hat für ihre Anthologie nun 16 Autorinnen und Autoren mit Osthintergrund gebeten, über „den“ Westen zu befinden. Bekannte Namen wie Julia Franck, Katja Lange-Müller, Thomas Brussig, Annett Gröschner und Heike Geißler sind dabei, während Ruth-Maria Thomas, Lukas Rietzschel oder Clemens Meyer fehlen. Doch es sollte kein repräsentatives Ost-West-Debattenbuch werden, an denen von krawallig bis klug und leise kein Mangel herrschte in den vergangenen Jahren.
Viele Texte in der Anthologie changieren zwischen Essay, Memoir und Erzählung. Mehrere schildern Konsum- und/oder Deklassierungserfahrungen, die mit der Wende- und Nachwendezeit einhergingen. Der Westen begegnet den Ostdeutschen in Form von windigen Gebrauchtwagenhändlern (herrlich erzählt von Tom Jonas Müller), Professoren, die mit „Buschzulage“ auch im Osten dozieren (Constanze Neumann) oder in Form von einer diffusen Kränkung, die Julia Franck auf den Punkt bringt: „Der Westen Deutschlands hat eineinhalb Generationen Vorsprung in der Anhäufung von Vermögen.“
Als Vorteil erweist sich, dass die Herausgeberin – als Literaturkritikerin im Werk der Angefragten firm – jeweils spezifische Schreibaufträge formulierte. So wurde Heike Geißler („Saisonarbeit“) gefragt: „Wüssten Sie einen Beruf, der den Beitritt der DDR zum Westen beschreibt?“ Sie erzählt in Ich-Form von einem Zauberkünstler, der Angst hat, in Shopping-Malls mit jenen Männern verwechselt zu werden, die dort Gemüsereiben, Messersets und dergleichen mehr verticken.
Katja Lange-Müller erklärt, warum der Ostteil der deutschen Hauptstadt stärker berlinert als der Westen. Und Thomas Brussig, der mit „Helden wie wir“ und „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ gezeigt hat, dass die revolutionäre Öffnung der Mauer auch auf die komische Art verstanden werden konnte, befindet darüber: „Kann der Westen eigentlich auch über seine Errungenschaften lachen?“ Brussig antwortet interessant. Wenn der Woody Allen zugeschriebene Lehrsatz „Komödie, das ist Tragödie plus Zeit“ gelte, dann könne er, Brussig, sich vielleicht eine Corona-Komödie über Deutschland vorstellen, doch er selbst habe sie nicht in der Drehbuchschublade und wolle sie auch nicht schreiben. Hm.
Zu den drei originellsten Texten des Bandes gehört erstens die Sizilien-Geschichte von Constanze Neumann. Die Autorin und Verlegerin, die mit ihren Eltern 1979 aus der DDR ausreiste und in Aachen aufwuchs, begegnete dem aus ihrer Kindheit vertrauten Stadtbild ausgerechnet in Palermo: „Die Fassaden bröckelten und waren teils schwarz … Etwas war mir vertraut, eine ramponierte Schönheit, eine Verletzlichkeit, die ich kannte aus Dresden und aus bestimmten Stadtvierteln Leipzigs, und die ich immer bewusster wahrgenommen hatte bei meinen Besuchen in der DDR in den späten Achtzigerjahren.“
Zweitens schreibt Tom Jonas Müller mit „Generation Golf GTI“ ein in Teilen sehr witziges Pastiche auf den Bestseller „Generation Golf“. Dass sie sich in der von Florian Illies beschriebenen Alterskohorte nicht wiedergefunden habe, war seinerzeit schon für Jana Hensel Anlass gewesen, ihr Buch über die „Zonenkinder“ zu verfassen.
Und das vielleicht beste Stück des Buches liefert Aron Boks. Der 1997 im putzigen Wernigerode geborene Autor fährt ins kaputte Gelsenkirchen und schaut ein Spiel auf Schalke: „Das Gelsenkirchen-Korrektiv begleitet mich, seit ich mit Westdeutschen über den Osten spreche.“ Von seinen Freunden aus dem Schriftstellerclub PEN Berlin bekam Boks zu hören: „Hast du mal Gelsenkirchen gesehen? Und gab es da einen Soli? Nö. Furchtbar sieht es da aus. Und für die Ossis kam eine Milliarde nach der anderen und die werden immer rechter.“
Gelsenkirchen, wäre zu ergänzen, wird es inzwischen auch. Bei der Bundestagswahl 2025 wurde die AfD im Wahlkreis stärkste Partei, mit 24,7 Prozent der Zweitstimmen. Der Osten ist also längst im Westen angekommen, nicht nur in diesem anregenden Lesebuch.
Cornelia Geißler (Hg.): Der Westen. Eine ostdeutsche Empfindung. Kanon Verlag, 206 Seiten, 22 Euro.
Source: welt.de