Beleidigungen, Drohungen, Sexismus: Politikerinnen werden im Netz besonders häufig angegriffen. Die Hamburger SPD-Abgeordnete Sarah Timmann berichtet von ihren Erfahrungen.
Hasskommentare, Beleidigungen und Drohungen im Netz gehören für viele Politikerinnen und Politiker inzwischen zum Alltag. Studien zeigen, dass Frauen in der Politik besonders häufig Ziel solcher Angriffe werden.
Sarah Timmann ist eine von ihnen. Die 28-Jährige sitzt seit sechs Jahren für die SPD in der Hamburger Bürgerschaft. Auf Plattformen, wie Facebook oder Instagram liest sie immer wieder Kommentare wie diese: „Fakt ist, dass du nicht dahin gehörst, wo du jetzt stehst. Du hirnloses Weib. Was haben Kinder im Senat zu suchen? Wie niedlich, hat bestimmt gerade den Schulabschluss hinter sich gebracht.“
Solche Nachrichten richten sich selten gegen politische Inhalte. Stattdessen zielen sie häufig auf Aussehen oder Alter. „Wenn es Kritik an meiner Person gibt, dann gibt es die vor allem, weil mir meine Kompetenz abgesprochen wird“, sagt Timmann. Dabei habe sie zwei juristische Staatsexamina, promoviere und arbeite als Rechtsanwältin. „Aber das reicht vielen Männern da draußen nicht.“
„Sexistisches Grundrauschen“ im Netz
Die österreichische Journalistin und Autorin Ingrid Brodnig beschäftigt sich seit Jahren mit digitaler Gewalt. In ihrem neuen Buch „Feindbild Frau“ beschreibt sie, warum Politikerinnen besonders häufig angefeindet werden. „Einerseits gibt es wirklich Hassgruppen, wo speziell junge Frauen, die plötzlich sichtbar sind, oft besonders angegriffen werden“, sagt Brodnig. Häufig stecke dahinter die Idee, diese Frauen aus der Öffentlichkeit zu verdrängen.
Gleichzeitig gebe es ein „sexistisches Grundrauschen“ in der Gesellschaft, was den Hass gegen Frauen begünstige. Zudem sei digitale Gewalt gegen Frauen häufig persönlicher und verletzender als bei Männern. „Sie geht mehr aufs Äußere, sie ist oft sexualisierter“, so Brodnig.
Angst vor digitaler Gewalt lässt Frauen verstummen
Die Angriffe bleiben nicht ohne Folgen. Untersuchungen zeigen, dass rund jede zweite Politikerin überlegt, aus Angst vor Hass im Netz gar nicht erst ein Amt zu übernehmen. Auch Sarah Timmann kennt solche Gedanken: „Ich war auch schon öfter mal an dem Punkt, wo ich gesagt habe, ich weiß nicht, ob ich das unbedingt weitermachen möchte.“
Hinzu komme ein verändertes Sicherheitsgefühl. Wenn Angriffe immer aggressiver würden, verschwimme die Grenze zwischen Beleidigungen im Netz und möglicher Gewalt im echten Leben.
Forderungen nach stärkerem Schutz
Organisationen wie HateAid fordern seit Jahren strengere Regeln gegen digitale Gewalt. Ein Gesetzentwurf aus dem Bundesjustizministerium liegt seit Ende 2024 vor – beschlossen ist er bislang nicht. Auch Timmann hält rechtliche Veränderungen für notwendig. Viele Menschen versteckten sich hinter anonymen Profilen. „Auf der einen Seite brauchen wir eine Veränderung des Rechts, dahingehend, dass man sich eben nicht so leicht hinter der Anonymität verstecken kann“, sagt sie. Gleichzeitig sieht sie auch die Gesellschaft in der Verantwortung. Betroffene müssten mehr Unterstützung erfahren – und mehr Menschen müssten über digitale Gewalt sprechen.
Trotz der Anfeindungen will Sarah Timmann sich nicht aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Unterstützung bekomme sie auch von anderen Frauen, die ähnliche Erfahrungen gemacht hätten. „Das darf nicht dazu führen, dass man das politische Engagement sein lässt“, sagt sie. Sonst hätte Hass im Netz am Ende sein Ziel erreicht, und das wolle sie nicht.
Source: tagesschau.de