Wie wird man Landesvater? Und wie lange dauert das? Diese Fragen stellen sich mit großer Dringlichkeit in Sachsen-Anhalt, wo acht Monate vor der Landtagswahl der Ministerpräsident ausgewechselt werden soll. Das Kommando lautet: Reiner Haseloff raus aus der Staatskanzlei, Sven Schulze rein in die Staatskanzlei, denn der CDU-Spitzenkandidat soll im bereits angelaufenen Wahlkampf noch rasch in die Rolle des Regierungschefs schlüpfen.
Das Manöver ist riskant. Zunächst muss Schulze am Mittwoch im Landtag die erforderliche Mehrheit erhalten, was man angesichts der dortigen CDU-Landtagsfraktion nie so genau vorhersehen kann. Und dann soll sich hurtig das Landesväterliche wie ein güldener Schleier auf den bisherigen Wirtschaftsminister legen, doch auch das ist bisher nur ein Wunsch.
Fest steht bloß, dass der 46 Jahre alte Wirtschaftsingenieur von einer solchen Aura gegenwärtig noch entfernt ist, denn diese Entfernung bildete nach übereinstimmenden Darlegungen den Anlass für die Aktion. Die Sache kam nämlich erst durch zwei Umfragen aus dem vergangenen Herbst ins Rollen. In diesen Erhebungen sackte die CDU, nur wenige Wochen nachdem Haseloff im August die Spekulationen über eine weitere Amtszeit beendet und Schulze die Spitzenkandidatur überlassen hatte, deutlich unter 30 Prozent ab. Und die AfD lag plötzlich bei rund 40 Prozent.
Wolfgang Böhmer nahm die Rolle noch fast wörtlich
Diese Zahlen führten bei maßgeblichen Personen aus Politik und Wirtschaft zur Einsicht, dass der soeben erst präsentierte Plan, Haseloff bis zum Ende der Legislaturperiode weiterregieren zu lassen, womöglich keine kluge Idee war. Im Schatten des Landesvaters schien der Spitzenkandidat nicht zu gedeihen.
Doch was bedeutet das eigentlich: Landesvater? Der Begriff wirkt aus der Zeit gefallen, in einem patriarchalischen, feudalen Weltbild gegründet. Vor dem geistigen Auge stellt sich das Bild eines absolutistisch regierenden Kurfürsten ein. Daher ist es erstaunlich, dass sich die Rede vom Landesvater auch in den politischen Debatten der Bundesrepublik Deutschland so hartnäckig hält und in den zurückliegenden Jahren sogar noch an Bedeutung gewann. Immer häufiger heißt es nach Landtagswahlen, das hohe Ansehen des Ministerpräsidenten als „Landesvater“ habe den Ausschlag gegeben.
Das gilt nicht zuletzt für Sachsen-Anhalt: Bei der zurückliegenden Wahl im Jahr 2021 hatten Umfragen die AfD wenige Tage vor der Entscheidung in einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit der CDU gesehen, worauf sich viele Bürger plötzlich hinter Ministerpräsident Haseloff versammelten: Im Ergebnis fuhr die CDU einen fulminanten Sieg ein und lag meilenweit vor der AfD.
Denn Haseloff wurde bereits damals die Rolle eines „Landesvaters“ zugeschrieben. Das war beileibe nicht immer so. Seinen ersten Wahlkampf im Jahr 2011 musste Haseloff im Schatten des damaligen, kürzlich verstorbenen Ministerpräsidenten Wolfgang Böhmer führen, auf den das Attribut des Landesväterlichen zutraf wie wohl auf wenige andere Politiker. Denn Böhmer war zu DDR-Zeiten Chefarzt einer großen Geburtsklinik gewesen und hatte Tausende Landeskinder, die ihn später wählten, höchstselbst aus den Leibern ihrer Mütter gezogen. Im Wahlkampf musste der Professor bloß ein mildes Schwarzwaldkliniklächeln aufsetzen, und die politische Konkurrenz war chancenlos.
Dem Physiker Reiner Haseloff, der seine Dissertation über „lineare Laser-Absorptionsspektrometrie“ verfasst hat, stand ein derartiges Berufscharisma nicht zur Verfügung. Haseloff fand sich also exakt in jener Rolle wieder, in der nun Sven Schulze seinen Wahlkampf führen sollte: Wirtschaftsminister und Spitzenkandidat im Schatten eines langgedienten Ministerpräsidenten, der bis zum Ende der Legislatur durchzieht. Die CDU gewann damals die Wahl dennoch, aber nicht wegen, sondern eher trotz Haseloff. Noch im Jahr 2015 wies eine Umfrage Haseloff als unbeliebtesten Ministerpräsidenten Deutschlands aus.
Zwischen Alter und Aura
Diese Geschichte beinhaltet eine hoffnungsvolle Botschaft für jüngere Politiker: Wer jetzt noch kein Landesvater ist, kann später noch einer werden. Die Sache hat allerdings auch eine Kehrseite: Denn während die Gesellschaft ansonsten gerne Jugendlichkeit prämiert, scheint ihr bei Ministerpräsidenten eher ein vorgerücktes Alter als Ideal vorzuschweben. Ein schiefer Satz, der einem jüngeren Ministerpräsidenten wie Michael Kretschmer als Irrlichtern ausgelegt würde, gilt aus dem Mund Haseloffs als Ausweis von Eigenständigkeit. Beide Politiker verfügen als Regierungschefs zwar über die gleichen Befugnisse (potestas), aber nur dem Arrivierten wird auch informelle Geltung (auctoritas) zugebilligt.
Dieser Unterschied beruht vermutlich weniger auf biologischem Alter, sondern auf einem Prozess der Reifung zur Persönlichkeit. Im Falle Haseloffs lässt sich dieser Prozess recht genau datieren und nachzeichnen. Seine Wandlung zum „Mister Ostdeutschland“ begann rund um die Landtagswahl 2016, bei der die AfD mit 24,3 Prozent ihren bundesweiten Durchbruch feierte. Haseloff erkannte damals früher als andere, wie stark der Zustrom von Flüchtlingen die bis dahin ethnisch weitgehend homogene Bevölkerung in seinem Land bewegt.
„Ich schau dir in die Augen, Kleiner!“
Der Ministerpräsident legte damals eine Doppelstrategie fest, der er seither treu bleibt: Er trat einerseits in einem sachlichen Tonfall für eine restriktive Migrationspolitik ein und schloss auf der anderen Seite kategorisch jede Zusammenarbeit mit der AfD aus, auch und gerade angesichts entgegengesetzter Strömungen im eigenen CDU-Landesverband. Wenn man Haseloff damals fragte, warum er dies tue, beugte er sich aus seinem Sessel nach vorne und erzählte, dass er den Leuten von der AfD einmal tief in die Augen geschaut und dabei genug gesehen habe. Sein christliches Menschenbild und das Menschenbild dieser Truppe seien schlechterdings unvereinbar. Der eifrige Katholik Haseloff erklärte das Nein zur AfD zum höchstpersönlichen Status confessionis.
In Sachsen-Anhalt, einem der säkularsten Flecken auf dem Erdball, musste diese religiös grundierte Festlegung eigentlich befremdlich wirken. Ebendarin liegt jedoch der Schlüssel von Haseloffs erfolgreicher Wandlung zum Landesvater: Sein Name stand plötzlich für etwas, gerade weil Haseloff sich von seinen Landsleuten unterschied. Der Ministerpräsident bot Sachsen-Anhalt, diesem von der Geschichte des 20. Jahrhunderts schwer gerupften und weithin entbürgerlichten Landstrich, Orientierung. Und die Wandlung zum Landesvater wirkte Wunder, nicht zuletzt für Haseloff selbst. Seine Bandwurmsätze wurden Kult, seine Fahrigkeit zum Asset. Beide umspielten nun die Individualität des Ministerpräsidenten und beglaubigten deren Authentizität.
Güte und Strenge und ein wenig Inquisition
Und wie andere Ministerpräsidenten verfeinerte Haseloff die Techniken zur Ausübung und Aufrechterhaltung seiner Landesväterlichkeit. Denn die übliche Ausstattung eines Regierungschefs (schwarze Limousine, beflissene Referenten, Keksauswahl auf dem Tisch) bildet lediglich die materielle Voraussetzung von Landesväterlichkeit, zu der Weiteres hinzukommen muss, vor allem Güte und Strenge in einer spezifisch-väterlichen Mischung. So musste, wer bei Haseloff in der Staatskanzlei zum Interview antrat, zunächst ein Verhör über sich ergehen lassen, also Fragen zur eigenen Konfession, zur Herkunft („also noch so’n Wessi“), zum Arbeitgeber, zur Unmöglichkeit der gegenwärtigen Presselandschaft, ja eigentlich der Gegenwart überhaupt beantworten.
Der solchermaßen Geschundene wurde sodann vom Ministerpräsidenten mit sanfter Hand wieder aufgerichtet und auf Vordermann gebracht, wodurch das vorangegangene Anpflaumen nachträglich die Anmutung eines persönlichen Interesses, wenn nicht gar besonderer Zugewandtheit erhielt. Solche Spiele, derer sich den Erzählungen der Älteren zufolge auch schon Helmut Kohl bediente, bekommen bei Wiederholung freilich etwas Durchschaubares. Man wohnt dem Landesvater bei der Verfertigung seiner eigenen Landesväterlichkeit bei.
Das führt zu der Frage, aus welchen Ingredienzien sie besteht. Es sind im Wesentlichen drei Zutaten, die von Fall zu Fall in einem anderen Mischungsverhältnis stehen. Die erste Zutat ist die bei Reiner Haseloff stark ausgeprägte Individualität. Denn bei aller demokratischer Gleichheit möchte der Bürger nicht von einem Nullachtfünfzehn-Typen regiert werden. Kanten sind erwünscht, allerdings bitte schön Kanten der gehobenen Art. Der Adel ist abgeschafft, aber ein wenig Geistesadel darf es schon sein.
Künstler und Denker, wo der eigene Intellekt schwächelt
Auch ein Mann des Volkes wie der Sozialdemokrat Gerhard Schröder wusste, dass ein Landesvater über ein gerütteltes Maß an Intellektualität verfügen sollte, und umgab sich deshalb auf seinem Weg in die niedersächsische Staatskanzlei wie zuvor schon Willy Brandt gezielt mit Künstlern und Denkern. Solche Intellektualität lässt sich zwar nicht auf Wahlplakate kleben. Aber man kann sie bei passenden Gelegenheiten in den Diskurs einträufeln, auf dass sie zunächst das eigene Bild bei den Entscheidern und Deutern durchtränke, bis sie in einem allmählichen Trickle-down-Effekt schließlich die allgemeine Wahrnehmung prägt.
Das Paradebeispiel für solch eine intellektuell unterfütterte Individualität bildet gegenwärtig der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann von den Grünen. Dessen Begabung, seine – bei Lichte besehen übrigens wenig markante – Politik mit Zitaten von Hannah Arendt intellektuell zu überwölben, bildet das Fundament seiner Landesväterlichkeit.
Auch Reiner Haseloff ist ein Bildungsmensch, der seinen Horizont mit der Lektüre unzähliger Bücher über seine naturwissenschaftliche Herkunft hinaus ins Geistige gespannt hat. Journalisten wurden von ihm, bevor sie dem Ministerpräsidenten ihre mitgebrachten Fragen vorlesen durften, daraufhin befragt, was sie denn gegenwärtig läsen. Da die Antwort tunlichst nicht Walt Disneys Lustiges Taschenbuch lauten sollte, war man gut beraten, sich vor dem Termin adäquat zu präparieren, vorzugsweise mit einem Werk der klassischen Moderne oder zur Geschichte.
Die Ähnlichkeit zwischen Kretschmann und Haseloff liegt vor allem darin, dass ihre Landesväterlichkeit auf einem ähnlichen Mischungsverhältnis aus intellektuell grundierter Individualität sowie einem regional spezifizierten Identifikationsangebot besteht. Bei dieser zweiten Zutat geht es um die vordere Hälfte des Begriffs Landes-Vater. Auch auf diesem Feld hat es Winfried Kretschmann zur Meisterschaft gebracht, indem er aus seiner gutturalen Sprachfärbung ein ganzes Politikangebot formte. Sein Nachfolgekandidat Cem Özdemir versucht, im Wahlkampf an diesen Kult des Autochthonen anzuknüpfen mit Wendungen „wie wir Schwaben gerne sagen “ oder „wie man bei uns in Schwaben sagt“.
Vorher muss der Landesvater Landeskind gewesen sein
Reiner Haseloff kann sich in Sachsen-Anhalt, sieht man vom landestypischen Nuscheln ab, nicht auf einen solch ausgeprägten Dialekt stützen. Aber Haseloff kann darauf verweisen – und tut das auch häufig –, dass seine Familie bereits seit dem zwölften Jahrhundert im Fläming nachweisbar ist und noch vor Martin Luther nach Wittenberg kam. Führt Kretschmann den Nachweis seiner Urwüchsigkeit über den Dialekt, so leistet Haseloff diesen mithilfe der Historie.
Denn ein Landesvater sollte einst selbst Landeskind gewesen sein, Fleisch vom Fleisch des eigenen Stammes. Haseloff ist durchdrungen von diesem Gedanken, Weggefährten sprechen gar von einer Obsession. Sie vermuten, dass Haseloff seinen einstigen Kronprinzen Holger Stahlknecht nicht zuletzt deshalb vom Acker jagte, weil dieser aus dem Westen kam. Ein zentrales Auswahlkriterium für Sven Schulze war jedenfalls, dass man bei ihm „Einer von uns“ aufs Plakat schreiben kann.
Bei Haseloff und Kretschmann wirkt die Mischung aus Regionalität und Intellekt auch deshalb so gewinnend, weil sie sich gegenwärtig stärken wie Wurzel und Wipfel. Auch der langjährige niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil von der SPD ist ein belesener Mensch, der aus dem Stegreif Schiller zitieren kann. Nur musste er diese Fähigkeiten in Niedersachsen schon fast verstecken, denn im Land der VW-Currywurst weicht man nicht ungestraft von der Norm ab, schon gar nicht nach oben. Weil pflegte daher gekonnt sein Bild als „einfacher, biertrinkender Jurist“ und verschmolz sein Image kunstvoll mit der niedersächsischen Durchschnittlichkeit bis hin zu dem Paradox, dass seine Durchschnittlichkeit die Durchschnittlichkeit aller anderen übertraf.
Strauß, Beck, Klöckner? Regionalität hilft nicht immer
Dieser Punkt könnte übrigens auch eine Erklärung sein, warum Politiker aus Niedersachsen überdurchschnittlich erfolgreich auf Bundesebene sind: Während die regional verwurzelte Landesväterlichkeit eines Kurt Beck in Berlin rasch in den Verdacht des Provinziellen geriet und die breitbeinige Bavarität eines Franz Josef Strauß im Norden Deutschlands heftigsten Widerwillen provozierte, stößt sich an der dialektfreien Durchschnittlichkeit der Niedersachsen kaum jemand.
Am Beispiel von Julia Klöckner lässt sich wiederum zeigen, dass man Wahlerfolge nicht mit Gewalt aus der Heimaterde herauspressen kann. Als Winzertochter und Weinkönigin schien die CDU-Politikerin zwar prädestiniert für das Ministerpräsidentenamt in Rheinland-Pfalz. Doch die Identifikation mit der Wählerschaft klappte nicht so recht. Vermutlich weil sie zu geplant wirkte, die Bürger haben da feine Antennen. Womöglich wurde Klöckner aber auch zum Opfer ihres (zu) guten Aussehens. Sie verströmte, wie jemand schön formulierte, „zu viel Paris, zu wenig Pirmasens“.
An dieser Stelle bietet sich an, die Frage nach der Landesmütterlichkeit zu stellen. Die Wahlsiege von Angela Merkel, Klöckners Rivalin Malu Dreyer und weiterer Ministerpräsidentinnen legen nahe, dass diesbezüglich in Deutschland keine Einschränkungen bestehen, sofern Frauen zuvor die schwierigere Hürde überwunden haben, es in ihrer Partei bis an die Spitze zu schaffen. Oben angekommen, stehen Frauen jedenfalls später vor der gleichen Herausforderung wie die Männer, ihr Image sorgsam zwischen den beiden Polen Strenge („eiserne Lady“) und Güte („Mutti“) zu kalibrieren.
Stoiber und Wulff: Blüte in den Nullerjahren
Nun zur dritten Zutat der Landesväterlichkeit, der Innovation. Sie fristet schon länger eine Randexistenz. Doch denkt man zum Beispiel zurück an Edmund Stoiber, so verdankte sich dessen hohes Ansehen der Verheißung, Bayern auch noch in der letzten Exceltabelle zur „Benchmark“ zu machen. Obwohl Stoiber eine preußische Strenge verströmte, war er lange ein beliebter Landesvater in Bayern, zumindest bis er seinen mehr und mehr wohlstandsgesättigten Landeskindern mit seinem Privatisierungs- und Modernisierungseifer zu weit enteilte.
Stoiber war ein Reintyp des Innovators, während Christian Wulff einen Mischtypen bildete aus einem Innovator, der Niedersachsen „in eine Liga“ mit Bayern und Baden-Württemberg führen wollte, und jemandem, mit dem man sich gerne identifiziert, weil er sein Dasein in einem ähnlichen Klinkerhaus fristet wie man selbst. Es war vermutlich kein Zufall, dass der Typus des Innovators mit Typen wie Stoiber und Wulff in den wirtschaftlich schwierigen Nullerjahren seine Blüte erlebte.
Der Zwang, als Ministerpräsident den eigenen Landsleuten eine blühende Zukunft auszumalen, besteht freilich fort. Stephan Weil und auch sein Nachfolger Olaf Lies beschreiben Niedersachsen unentwegt mit Formeln wie „Energieland Nr. 1“ oder „Agrarland Nr. 1“. Der Bremer Bürgermeister Andreas Bovenschulte griff erst vor wenigen Tagen zu „Space City Nr. 1“. Dies war eine Reaktion auf die Forderung von Markus Söder nach Abschaffung kleinerer Länder wie Bremen im Zuge einer großen Föderalismusreform, womit der bayerische Ministerpräsident wiederum sein eigenes Image als Innovator untermauerte.
Denn Söder knüpft vor allem mit seiner milliardenschweren „Hightech-Agenda Bayern“ explizit an das Erbe Stoibers an, das unter dessen Nachfolgern Beckstein und Seehofer vernachlässigt wurde. Seehofers Beiname „Drehhofer“ deutet auch auf einen Fehler, den man als Ministerpräsident tunlichst vermeiden sollte. Denn kaum etwas konterkariert den Eindruck von Landesväterlichkeit so stark wie Sprunghaftigkeit, was natürlich nicht bedeutet, dass Ministerpräsidenten ihre Meinung nicht ändern dürften. Es geht darum, dass sie sich bei Richtungsänderungen geschmeidig in die Kurven legen und darauf achten, dass der Radius nicht zu eng wird.
Ätzende AfD-Posts sind nicht „landesväterlich“
Ein Mangel an Stetigkeit wird auch Markus Söder nachgesagt, der diesen Eindruck durch seine umfänglichen Aktivitäten in den sozialen Medien noch zusätzlich befeuert. Es ist jedenfalls auffällig, wie viele Ministerpräsidenten auf diese angeblich so wichtigen Kanäle verzichten und dennoch ihre Wahlen überzeugend gewinnen.
Deshalb ist auch offen, welchen Wert die 600.000 Follower des sachsen-anhaltischen AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund letztendlich haben. Es könnte nämlich sein, dass der ätzende Ton und die Hermeneutik des Übelnehmens auf den Plattformen, die Siegmund beide umfänglich bedient, in strukturellem Widerstreit mit dem Landesväterlichen stehen. Bei einem Landtagswahlkampf kommt es nämlich darauf an, ob sich die Bürger einen Kandidaten auch in der Staatskanzlei vorstellen können.
Mit der vorzeitigen Auswechslung von Reiner Haseloff zielt die CDU exakt auf diesen Punkt: Die Wähler sollen sich schon einmal acht Monate lang an die Kombination Schulze/Staatskanzlei gewöhnen. Und als Ministerpräsident könnte der Spitzenkandidat dann auch auf zweifelhafte Aktionen zur Steigerung des eigenen Bekanntheitsgrads verzichten wie seinen Auftritt in der ZDF-Satiresendung „Heute-Show“ oder das Schalten ganzseitiger Zeitungsannoncen zur „Grünen Woche“ mit großem Schulze-Foto durch sein Ministerium. Zu einem Landesvater dürfte Schulze binnen acht Monaten zwar nicht werden. Aber vielleicht reicht es für einen kleinen Amtsbonus.
Source: faz.net