Harte Schale | Von jener New Eggconomy zu Winterferien zu Gunsten von Hühner: Fünf kuriose Fakten übrig Eier zu Ostern

Placeholder image-2

Das Rührei der Beatles

von Ji-Hun Kim

Yesterday von den Beatles ist der meistgecovertete Song aller Zeiten und eines der bekanntesten Lieder der Fab Four. Wäre Produzent George Martin nicht gewesen, wäre daraus ein Lied über Rührei geworden. Scrambled Eggs war der ursprüngliche Songtitel, und auch inhaltlich ging es um Käse-Omeletts und „How I really, really love your legs“, was sich prima auf Eggs reimt. Aber Martin intervenierte, die Melodie wäre für derartigen Teenie-Humor viel zu gut – und er hatte recht. Weihnachtslieder kennen wir zu Dutzenden. Osterlieder gibt es hingegen kaum.

Eventuell wäre aus Scrambled Eggs so etwas wie die inoffizielle Osterhymne geworden. Aber an guten Songs über Eier mangelt es nicht. Ella Fitzgerald (wie zuvor schon die Boswell Sisters) sang „I’m putting all my eggs in one basket“, Guided by Voices sahen im Ei ein Zukunftsversprechen (The Future is in Eggs) und The Flaming Lips wussten um die Fragilität des Fruchtbarkeitssymbols (They Punctured My Yolk). Weniger christlich sind Die Eier von Satan der Band Tool.

Was ohne Sprachkenntnisse wie eine NS-Rede klingt, entpuppt sich als Rezept für Haschkekse, was wiederum ziemlich friedvoll und pazifistisch ist. Man kann auf Eier zu Ostern verzichten, man kann über sie singen. Und Easter Eggs in Computer-Games und Filmen/Serien zu finden, ist intellektuell ergiebiger, als sich im Gebüsch die Knie schmutzig zu machen.

Placeholder image-6

Vom Ei lernen

von Barbara Schweizerhof

Einer der vielen Unterschiede, mit denen sich die amerikanische High School, die ich als Austauschschülerin besuchte, von meinem heimischen Gymnasium absetzte, war das Angebot eines Kurses namens Family Living. Es ging darin weniger ums Familienleben als um Fragen der Identität und Persönlichkeitsentwicklung, zumindest in der Auslegung der liberal gesinnten Lehrerin, die das für meinen Jahrgang anbot. Wir besprachen im Unterricht etwa die Anwendung von Pro-und-Kontra-Listen bei der Entscheidungsfindung oder den Umgang mit Bullying. Auch sollten wir Briefe an unser zukünftiges Ich schreiben. Eine der traditionelleren Übungen bestand darin, dass man ein rohes Ei eine Woche lang mit sich herumtragen sollte.

Der Zweck der Übung lag auf der Hand: zu lernen, was „Care-Arbeit“ bedeutet. Zwar musste das Ei nicht eigens verpflegt oder „bemuttert“ werden, aber allein das Vorhaben, etwas derart Zerbrechliches eine Woche lang im Auge zu behalten, bildete für 16-Jährige schon eine gewisse Herausforderung. Insbesondere die männlichen Kursteilnehmer wurden zum Mitmachen aufgefordert. Es war ein Spektakel, mit welcher Art von eigens gebastelten Rucksäckchen, Nestern und Umwickelungen die Teilnehmenden zur Schule kamen. Das Ei am Ende heil zu bewahren, gelang meiner Erinnerung nach nur wenigen.

Placeholder image-1

Die New Eggconomy

von Klaus Raab

Im April 2025 liest man, dass Menschen in den USA zu Ostern Kartoffeln färben wollen. Oder Steine. Die Eier sind rar, 56 Millionen Stück sollen jeden Tag fehlen. Und die, die nicht fehlen, sind entsprechend teuer. 6,23 Dollar für eine Packung waren es zuletzt. Die USA stecken in einer Eierkrise, die Donald Trump zwar nicht direkt verursacht hat, die Vogelgrippe war’s. Aber er kriegt sie halt nicht gelöst.

Nun könnte man annehmen, dass das auch schon egal ist. Trump wurde wegen eines Staatsstreichs angeklagt. In anderer Sache verurteilt. Stürzt die Weltwirtschaft ins Chaos. Sperrt Menschen mit den falschen Tattoos einfach weg. Droht Kanada und Grönland mit einer Invasion. Er schleift Pressefreiheit, Wahlen, Justiz, Demokratie. Wen jucken da die Eierpreise? Aber sie jucken eben doch für die Mobilisierung gegen Trump. Gerade sie.

Viele Millionen haben zwar in den Städten schon gegen die Zerstörung liberaler Institutionen protestiert. Aber erstens wurde Trump dort eh nicht gewählt. Und zweitens ist der Verfassungskram eben abstrakt. Die Eierkrise dagegen bedeutet für Trumps Wähler eine konkrete Veränderung zum Schlechteren. Barack Obama hat Anfang April 2025 an einem US-College darüber geredet, wie es dem Land ergehe. Auf dem Höhepunkt erklärte er allen, die es hören wollten, inwiefern die Zerrüttung der Demokratie direkt zusammenhänge mit, genau, den Eierpreisen. It’s the eggs, stupid!

Placeholder image-4

Hühner mit Winterferien

von Christine Käppeler

Wie lange sind die Eier haltbar, die in Ihrem Kühlschrank lagern? Meine 6er-Schachtel schafft Ostern gerade noch so. Und Eier sind so ziemlich die letzten Produkte, auf die ein Erzeuger schreiben würde, „sind oft auch länger frisch“. Neulich, als wir darauf warteten, dass der sprechende Eierkocher die fertigen weichen Frühstückseier ankündigte, erzählte mir mein Vater, wie rohe Eier früher von meinen Großmüttern monatelang konserviert wurden. Sie wurden in eine Flüssgkeit namens Wasserglas eingelegt, eine Natriumsilikatlösung, die bewirkte, dass die Schale der Eier luftdicht verschlossen war.

Eiwol und Garantol waren zwei Markennamen, unter denen das Pulver in Apotheken verkauft wurde, und sie versprachen sechs Monate beziehungsweise sogar über ein Jahr Haltbarkeit. Klingt eklig, sagte ich. Notwendig war das, erklärte mein Vater, weil Hühner damals in den Wintermonaten nicht legten. Zu kalt, zu dunkel, vollkommen nachvollziehbar. Als Frühstückseier taugten die Eiwol-Eier nicht mehr, zum Kochen und Backen schon. Zucht und Stallheizung führten dann zum Lege-Hybridhuhn, das in einem Jahr über 300 Eier legt. Danach ist Schluss, mit dem Legen und für das Huhn. Faire Eier müsste also heißen: Winterurlaub für die Hühner! Ostern mit den ersten neuen Eiern von erholten Hühnern – das hätte was.

Placeholder image-5

Suchen und weihen lassen

von Maxi Leinkauf

Ostern ohne Eier? Niemals. Es ist eine Tradition und die muss weitergetragen werden. Als Kind war es Ritual, meine Eltern haben die Eier ausgeblasen und mein Bruder und ich durften sie färben und anmalen, mit feinen Pinseln. Sie wurden an einen Strauch gehängt. Natürlich suchten wir auch hart gekochte bunte Eier, in der Wohnung, im Garten, manchmal auch im Wald. Dort hielten wir Osterpicknick. Seit ich selbst Mutter bin und Ostern wegen der Schwiegerfamilie oft in Italien verbringe, bedeutet mir diese Tradition noch mehr. Denn um bunte Ostereier hatte sich dort in der Familie keiner geschert, bevor ich aufgetaucht bin. Sie pflegten andere Rituale. Das meiste dreht sich natürlich ums Essen. Und um Gott. Aber das tut es eigentlich immer.

Ostern soll aber nicht alltäglich sein. Es ist das Fest der bunten Eier. Ich importiere die Eierfarben mittlerweile aus Berlin in die Toskana und erkläre jedem Familienmitglied gleich nach der Ankunft: Ostersonnabend wird gefärbt. Noch vor der Auferstehung Jesu. Am Sonntagmorgen werden die bunten Eier im Garten versteckt und die Kinder gehen suchen. Meine Schwiegermutter trägt die Eier anschließend in die Kirche und lässt sie dort vom Dorfpfarrer segnen. Auf diese Sache könnte ich wiederum locker verzichten. Aber es ist jetzt eben auch ein Brauch, und ich finde, lieber geweihte Ostereier als gar keine.

Dieser Text ist am 19. April 2025 zuerst erschienen

AllenApothekenArbeitArtBackenBarbaraBerlinBriefeChristineDemokratieDollarDonaldEiEierElternEndeEssenFrischGamesGeorgeGrönlandHartHeilHörenHumorItalienJustizKanadaKartoffelnKindKinderKlausKochenLangLangeLernenLiederMMANMartinObamaOsternPressefreiheitRechtSSchuleSelbstSerienTAGToskanaTrumpUnterrichtUSUSAWahlenWeihnachtsliederWeilWohnungZur
Comments (0)
Add Comment