Hape Kerkeling ist mit seiner Paraderolle Horst Schlämmer in die Kinos zurückgekehrt. Trotz der politischen Werbung sprechen viele Rezensenten dem Film eine satirische Herangehensweise ab. Kritik wird am Auftritt von Markus Söder laut.
Seine Werbetour setzte explizit politische Schwerpunkte. In Interviews beanstandete Hape Kerkeling die gesellschaftliche Verrohung, suchte den Schulterschluss mit Günther Jauch und Luisa Neubauer, um auf die Aufnahme afghanischer Ortskräfte zu pochen, beklagte die Trumpisierung der Politik und prangerte die zunehmende Obdachlosigkeit auf deutschen Straßen an. Am Donnerstag ist die Fortsetzung seines satirischen Films „Horst Schlämmer – Isch kandidiere!“ erschienen, in der sich der Komiker einst als Spitzenkandidat der fiktiven Partei HSP anschickte, ins Bundeskanzleramt zu ziehen.
In „Horst Schlämmer sucht das Glück“ begibt sich Kerkeling in der Rolle des stellvertretenden Chefredakteurs des Grevenbroicher Tagblatts auf eine Reise durch einen Staat, dem nach der Coronapandemie der Frohsinn abhandengekommen ist. Obwohl das Thema eine naheliegende gesellschaftspolitische Dimension aufweist und sich Schlämmer auf seiner Mission Unterstützung vom bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder einholt, verzichtet das Werk in den Augen vieler Kritiker darauf, den Zeitgeist aufzugreifen.
‚Horst Schlämmer sucht das Glück‘ ist keine kritische Analyse zur Zeit, nicht einmal Satire
Der Film sei „keine kritische Analyse zur Zeit, nicht einmal Satire“, schrieb Arno Frank im „Spiegel“. „Es ist eine Komödie, wie sie in dieser reinen Form nur noch selten gedreht wird.“
Aus seiner Sicht stelle die eher unpolitische Herangehensweise keinen Nachteil dar. Das Werk vermeide dadurch, wie „Stromberg – Wieder alles wie immer“ mit Christoph Maria Herbst „unter der Last all der Debatten und Debättchen“ zusammenzubrechen.
„Ein Großer ist Hape Kerkeling auch deswegen, weil er seine Größe gerade nicht gegen politisches Sendungsbewusstsein verpfändet hat“, erklärt Frank. „Er macht, wie Millionen andere Menschen in Deutschland, schlicht seinen Job – und das ist exakt die heitere, leicht anarchische, augenzwinkernde Unterhaltung, für die er zu Recht berühmt geworden ist. Es macht ihm Freude, und deshalb ist es erfreulich.“
Als einzige heikle Entscheidung bezeichnete es der Autor, dass die „nicht unumstrittenen Figuren“ Markus Söder und Rainer Maria Woelki eine Bühne erhalten. Das kritisiert Nicole Ankelmann von NTV noch deutlich schärfer. Statt eines „gewitzten Schlagabtauschs“ liefere sich Schlämmer mit dem CSU-Vorsitzenden einen „flauen Smalltalk“.
„Enttäuschend, wenn man bedenkt, auf welcher politischen Seite Schlämmer-Darsteller Kerkeling steht und wie ihm bei den populistischen Aussagen des CSU-Politikers privat die Hutschnur platzen dürfte“, urteilte die Redakteurin.
Tatsächlich hatte sich Kerkeling im WELT-Interview weitaus wohlwollender über Söder geäußert. „Ich will keine Lobeshymne auf ihn halten, natürlich gibt es an ihm Kritikpunkte, aber er ist nicht auf den Mund gefallen und ist kein Politiker, der sich in Sprechblasen ergießt. Ich finde ihn sehr sympathisch“, hatte er da gegenüber Frédéric Schwilden ausgeführt. „Und ich hatte auch in seinem Umfeld den Eindruck, dass sich die Menschen, die mit ihm arbeiten, sehr wohlfühlen. Ich habe da ein sehr vergnügliches und offenes Miteinander wahrgenommen.“
Kerkeling sei eine der „im gesellschaftspolitischen Sinne stabilsten Persönlichkeiten, die Deutschland bis heute zu bieten“ habe, betonte Ankelmann. Und dennoch sei der Film „eben keine Politsatire“, sondern ein „unproblematischer Film in problematischen Zeiten, der humorige Banalitäten aneinanderreiht und an Tiefe vermissen“ lasse. Selbst sein Anfang des Jahres veröffentlichter Kinofilm „Extrawurst“ enthalte mehr Gesellschaftskritik.
Besagten Mangel nahm Filmkritiker Wolfgang M. Schmitt als bewusstes Festhalten an bestehenden Zuständen wahr. „Hape Kerkelings Abstieg ist symptomatisch für ein Land, in dem – wer nicht reich ist – niemand mehr irgendetwas erwarten kann“, kritisierte er. „Hape Kerkeling hat Horst Schlämmer zu einer Stütze der Macht umfunktioniert. Es ist ein durch und durch deprimierender Film – der deutsche Gemütszustand in 93 sehr langen Minuten.“
Ideologie ist der Schleier, den man über die Wirklichkeit legt. Und Schlämmer schmeißt einfach seinen Trenchcoat drüber
„Warum haben die Menschen schlechte Laune?“, fragt Schlämmer im Film. Eine Frau beklagt sich über die hohen Butterpreise, die geschlossene Postfiliale in ihrer Gegend und die Schwierigkeit, einen Handwerker zu bekommen, der sich um ihre defekte Heizung kümmert.
Statt die zugrundeliegenden Themen wie Inflation, Fachkräftemangel oder Reallohnverluste zu thematisieren, erklärt der fiktive Lokaljournalist lapidar: „Da sieht man es wieder: Die Leute sind pampig geworden.“
Wenn Schlämmer am Bahnsteig stehe und über die verspätete Bahn witzele, unterschlage er, dass dies mit Austeritätspolitik und einer „kaputt gesparten Infrastruktur“ zu tun habe. „Man könnte viele Themen ansprechen – von fehlenden Kitaplätzen bis zu Altersarmut –, warum die Leute schlechte Laune haben, aber nichts davon ist im Film“, bemängelte Schmitt. „Mich wundert eigentlich, das die Leute überhaupt noch so gute Laune haben angesichts der desaströsen Zustände.“
„Ideologie ist der Schleier, den man über die Wirklichkeit legt. Und Schlämmer schmeißt einfach seinen Trenchcoat drüber“, resümierte Schmitt. In der Figur sage Hape Kerkeling in die Kamera, dass jeder sein eigenes Glück suchen könne. „Dass die Politik diese Suche vielleicht enorm verunmöglicht, wird ausgeblendet. Wenn du das Glück nicht gefunden hast: Selbst schuld.“
Source: welt.de