Um große Worte ist Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nie verlegen, wenn es um Freihandelsabkommen geht. Der EU-Vertrag mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten schuf die „größte Freihandelszone der Welt“. Der Vertrag mit Indien ist nun gar die „Mutter aller Abkommen“. Das wirkt eher ein wenig verzweifelt und so, als müsse sich die EU ständig der eigenen Stärke versichern. Schließlich droht sie vom unberechenbaren US-Präsidenten Donald Trump, von China oder Russland jederzeit in neue Konflikte gezogen zu werden.
Die Schlüsse, die Ursula von der Leyen daraus gezogen hat, sind dennoch richtig. Die EU muss die Bande mit anderen Staaten überall stärken, wo sie es kann. Freihandelsabkommen leisten hier einen wichtigen Beitrag. Das gilt selbst dann, wenn die EU – wie jetzt im Pakt mit Indien – weniger erreicht, als sie sich vorgenommen hat. Die EU muss jede Gelegenheit nutzen, die sich bietet, wenn Trump wieder einmal ein Land mit Zöllen belegt oder anderweitig vor den Kopf stößt. Die Partner stehen Schlange. Australien, Thailand, Malaysia, die Philippinen, die Vereinten Arabischen Emirate, mit ihnen allen verhandelt die Kommission unter Hochdruck.
Die Vorteile für die Wirtschaft sind unbestreitbar. Die USA mögen den Protektionismus pflegen, doch der Welthandel lebt. Der Handelsvertrag mit Indien öffnet einen bisher stark abgeschotteten Markt. Die deutsche Chemiebranche wird davon profitieren, ebenso der Maschinenbau, die Elektrotechnik oder die Kunststoffproduzenten. Auch der Autoindustrie bieten sich bessere Zugangschancen. Nutzt die Industrie die neuen Möglichkeiten, könnte sie zumindest einen Teil des bröckelnden Geschäfts mit China nach Indien umleiten.
Der Vertrag ist ein wichtiger Baustein zur Risikostreuung und Reduzierung von Abhängigkeiten. Die EU-Staaten und das Europaparlament müssen ihn nun allerdings auch rasch beschließen, damit sich die Europäer als verlässlicher Partner erweisen. Sie müssen zeigen, dass sie Verträge nicht nur aushandeln, sondern auch gegen interne Widerstände verabschieden können. Ein Drama wie beim Mercosur-Vertrag darf sich nicht wiederholen.