Es gab eine Zeit, da war von Halberstadt als dem „Bayreuth des Nordens“ die Rede oder auch einfach vom „Klein-Bayreuth“. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das, als sich in der Domstadt im Harzvorland schon eine Tradition der Richard-Wagner-Pflege herausgebildet hatte. 1903 gab es erste Wagner-Aufführungen in der Stadt, organisiert und finanziert von einem Arzt, Hans Kehr, der als Spezialist für Gallenblasen-Operationen und als Betreiber einer Privatklinik zu Vermögen gekommen war. Zwei Jahre später, 1905, wurde das Stadttheater eröffnet, gebaut von Bernhard Sehring, der auch die Theaterbauten in Cottbus und in Bielefeld entwarf. Im Jahr danach kam gleich der „Tristan“ auf die Bühne, später die „Meistersinger“, wobei Sängerinnen und Sänger der Bayreuther Festspiele mitwirkten.
Ein Symphonieorchester im eigentlichen Sinn hatte die Stadt damals noch nicht, im Orchestergraben saß das Militärorchester des 27. Infanterie-Regimentes, das in Halberstadt stationiert war, ein Ensemble, das offenbar über erhebliche Fähigkeiten verfügte, auch der Komponist Max Bruch äußerte sich nach einem Besuch angetan. 1919, mitten in den wirtschaftlichen und politischen Krisen nach dem Ersten Weltkrieg, kam es zur Gründung eines Theaterorchesters: der heutigen „Harzer Sinfoniker“. 1927 wurde in Halberstadt erstmals ein kompletter „Ring des Nibelungen“ gezeigt.
Als wäre er erst ein paar Wochen im Amt
Vom alten Theater ist heute nichts mehr zu sehen. Wer vom Bahnhof aus in die Innenstadt geht, auf der Richard-Wagner-Straße, kommt nach Reihen von verlassenen Plattenbauten an einem Rondell vorbei, das mit Nadelgebüsch bewachsen ist. Eine gerundete Fassadenzeile, die dem verheerenden Luftangriff einen Monat vor Ende des Zweiten Weltkrieges standgehalten hat, gibt eine Ahnung von der Form des früheren Theaterplatzes und von der Pracht der Stadt. Nach dem Krieg ließen die Halberstädter die Köpfe nicht hängen, schon vier Jahre später wurde ein neuer Theaterbau eingeweiht, südlich der Altstadt, im Stil der Neuen Sachlichkeit. Zwei Skulpturen konnten unbeschädigt aus den Trümmern des alten Stadttheaters geborgen werden: eine knieende Venus und eine Büste Richard Wagners. Beide stehen heute im Foyer des Nachfolgerbaus.
Den Luftangriff auf Halberstadt überlebte auch das Notenarchiv des Stadttheaters, in dem sich Instrumentalstimmen aus Wagners „Ring“ finden mit Eintragungen von 1887. Schon elf Jahre nach der Bayreuther Uraufführung wurde am Harz Musik aus der Tetralogie gespielt. Das erzählt Musikdirektor Johannes Rieger, der im Januar sein 25-jähriges Jubiläum als musikalischer Leiter der Harzer Sinfoniker feiert, aber Frische und Begeisterung versprüht, als wäre er erst ein paar Wochen im Amt. Seit sechzehn Jahren ist Rieger, gebürtiger Münchner (sein Vater Fritz Rieger war Vorgänger Rudolf Kempes als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker), auch Intendant des Harztheaters mit seinem Zweitspielort Quedlinburg. Riegers Vertrag wurde gerade verlängert bis 2029, was man als Hinweis auf eine erfolgreiche Arbeit nehmen sollte.
Pünktlich zum Jubiläum
Das Dreispartenhaus, so darf man bei aller heute gebotenen Vorsicht sagen, steht stabil da: gesichert in der Finanzierung (Stadt und Land genehmigten vor zwei Jahren eine Budgetsteigerung um zwei Millionen Euro, um Tariferhöhungen für die Mitarbeiter auszugleichen), dabei Identifikationsort und Botschafter für die gesamte Harzregion. Man versorgt ja neben Quedlinburg nicht nur die kleinen, feinen Theater der Gegend: in Bernburg, Staßfurt oder Wolfenbüttel. Das Haus hat sich auch einen Namen gemacht als Gastspieltheater. Bis nach Itzehoe, Güstrow und Amberg führen die Reisen. Im Sommer wird durchgespielt, die Freilichtbühnen und pittoresken Orte der Harzregion laden zu Open-Air-Veranstaltungen ein.
Das alles bedeutet Anstrengung und Stress für Musiker und Sänger, weshalb Rieger sagt: „Ohne gute Stimmung am Haus ließen sich unser Pensum und auch unsere Qualität gar nicht leisten.“ Das mit der guten Stimmung scheint der frohgemute Musikdirektor und Intendant ganz gut hinzubekommen. Anders wäre eine „Walküre“-Aufführung wie sie jetzt zu erleben ist, wohl kaum möglich. Das nämlich ist das neue Großprojekt: Nach 100 Jahren wieder den gesamten „Ring“ auf die Bühne des Harztheaters zu bringen. Vor zwei Jahren wurde mit „Rheingold“ begonnen, nun die „Walküre“ und bis 2027 dann die beiden restlichen Teile. Dann wäre pünktlich zum Jubiläum das fertig, was Johannes Rieger verschmitzt „Halberstädter Jahrhundert-Ring“ nennt.
Verzicht auf Künsteleien
Vor einem Jahr begannen die Sängerproben, gleich nach dem Sommer die Proben des Orchesters. Gespielt wird die bläserreduzierte „Coburger Fassung“ von Alfons Abbass – in Halberstadt passen nur 48 Musiker in den Orchestergraben. Klangliche Einbußen muss der Besucher deshalb nicht hinnehmen. Der Streicherklang der Harzer Sinfoniker hat Körper, die Holzbläsergruppe spielt auf bemerkenswert hohem Niveau: homogen, im Klang fein ausbalanciert, in der Intonation nahezu perfekt. Johannes Rieger wiederum zeigt die Tugenden eines guten Wagner-Dirigenten: flüssige Tempi, exakt ausgearbeitete Rhythmik, keine Sentimentalität. Unter Riegers Leitung gelingt ein bündiger, anrührend erzählter Abend, wie man ihn sich an manch größerem Haus wünschte.
Die wichtigen Rollen des Stücks kann das Harztheater fast sämtlich aus dem eigenen Ensemble gut besetzen: Max An ist ein Siegmund, der mit seinem weich getönten, sicher geführten Tenor aufmerken lässt, Jessey-Joy Spronk ist eine Sieglinde mit dramatischem Vermögen. Juha Koskela singt einen Wotan, dem immer die Verletzlichkeit anzumerken ist, Regina Pätzer ist eine Göttergattin Fricka mit treffender Strenge. Peggy Steiner als Gast übernimmt die Brünnhilde mit stimmlicher Durchschlagskraft, aber auch mit Sinn für die milderen Anteile ihrer Partie.
Marco Misgaiski, Chefdramaturg, Hausregisseur und gebürtiger Halberstädter, zeigt eine Inszenierung, die mit dem zielgerichtet erzählenden Ton der Musik parallel geht und auf Künsteleien verzichtet. Misgaiski und sein Ausstatter Tom Grasshof nehmen Anleihen bei ganz verschiedenen Epochen: Siegmund und Sieglinde treten in Uniformen der napoleonischen Befreiungskriege auf, Wotan im blütenweißen Anzug eines verdächtigen Saubermanns, die Walküren, durchaus selbstironisch, mit Brünne, Schild und Speer wie anno dazumal. Was genau das zu bedeuten hat, werden vielleicht erst die kommenden Ring-Teile erklären. Für den Moment aber steht sich die Regie nie im Weg bei einer klaren, nachvollziehbaren Erzählung. Dem Betrachter wiederum lässt sie Raum, sich seine eigenen Gedanken zur „Walküre“ zu machen. Das alles lohnt eine Reise nach Halberstadt, wo das Stück wieder gezeigt wird am 20. Dezember, am 25. Januar und am 15. Februar.
Source: faz.net