Ute und Jürgen Habermas, ein über Jahrzehnte eingespieltes Paar, waren die idealen Nachbarn. In ihrem stets gastfreundlichen Haus in Starnberg traf sich die halbe Welt (die andere mied es), es wurde gegessen, getrunken, erzählt und diskutiert, und da beide temperamentvolle Menschen waren und ein trotz ihres Alters beneidenswertes Gedächtnis auch für kleinste Details hatten, war es immer ein Vergnügen, sich mit ihnen durch die intellektuelle Geschichte der Bundesrepublik zu reden: Es wurde gelacht, verworfen, gelobt und natürlich heftig getadelt. Wenn ich jemanden vehement verteidigte, den er für einen falschen Fuffziger hielt, sagte er nur lakonisch: Na ja, ich habe schon immer geahnt, dass du auch eine reaktionäre Ader hast.
Aber obwohl er kräftig austeilen konnte, nahm er nicht übel. Von Foucault sagte er einmal, wenn er nur ein wenig länger gelebt hätte, wären wir noch enge Freunde geworden. Waren wir manchmal ganz anderer Meinung, raufte er sich seinen weißen Haarschopf und stöhnte laut auf, und Ute sagte dann: Ich gehe mal in die Küche, bis ihr den Fall geklärt habt.
Ich habe mich oft geärgert, dass nicht ein heimliches Mikrofon seine präzisen Erinnerungen an Freunde und Feinde aufgenommen hat: seine bis an Verehrung grenzende Achtung der Adornos und seine Freundschaft mit Herbert Marcuse oder den Mitscherlichs, seine süffisante Verwunderung über den taktierenden Horkheimer, ihrer beider Liebe zu Ernst Tugendhat, den Jürgen Habermas für den begabtesten Philosophen seiner Generation hielt, die Wertschätzung seiner Assistenten, zumal Albrecht Wellmers. Und wie liebevoll er über Gershom Scholem oder Ronald Dworkin sprechen konnte, sogar den aufschneiderischen Jakob Taubes nahm er in Schutz.
Max Scheler lese man nur in kleinen Portionen
Kürzlich fragte ich ihn in einer griechischen Kneipe in Starnberg, in der wir uns nach dem Tod von Ute gelegentlich trafen, was er von dem Philosophen Max Scheler halte – das Ergebnis war ein über Souvlaki und Gyros perfekt formulierter Vortrag, der in die Empfehlung mündete, ich solle ihn zusammen mit Plessner lesen, „aber nicht zu viel auf einmal, das könnte der Gesundheit schaden“. Ansonsten redeten wir in der letzten Zeit nur über Politik, über die Ukraine, über Russland – und natürlich über Trumps Amerika: „Gut, dass Ute das nicht mehr erleben muss.“ Amerika, das er so liebte und wo er lange gelehrt hat, war seine größte Enttäuschung.
Der Tod der Tochter Rebekka im Dezember 2023 war der erste Schlag, der zweite folgte im Juni 2025, als Ute starb: zwei Todesfälle, die diesen immer noch vitalen Menschen gebrochen haben. Er lebte nun allein in seinem Haus, und alle Versuche, ihn aufzuheitern, zerschellten an seiner so ungewohnten Misanthropie. Auch unser mit Wolf Lepenies abgesprochener Versuch, ihn den Winter über ins Wissenschaftskolleg in Berlin zu bringen, scheiterte: Keiner von den Jüngeren will mir doch noch zuhören, war sein Argument, und ich kann wegen der Schwerhörigkeit keinem mehr zuhören.
Er wollte nicht mehr leben und hat mit uns auch die Frage erörtert, wie er „möglichst unbemerkt verschwinden“ könne. In den letzten Gesprächen ging es auch darum, was von seinem Werk „bliebe“; er selbst war skeptisch. „In Amerika werde ich gelegentlich noch zitiert“, sagte er einmal, „und komischerweise auch in China, aber das kann natürlich an verunglückten Übersetzungen liegen.“
Sein Lieblingsbuch von Max Frisch
Vor ein paar Wochen haben Thomas Strässle von der Max-Frisch-Gesellschaft, der Suhrkamp-Verleger Jonathan Landgrebe und ich ein Interview mit ihm über Max Frisch gemacht, da war er noch einmal in großer Form. Er hatte nicht nur penibel sämtliche Treffen mit Frisch notiert, sondern konnte auch ohne Abstriche loben: „Gegen diese kluge Weltläufigkeit hatten wir Professoren nichts aufzubieten.“ Sein liebstes Buch von Frisch war „Der Mensch erscheint im Holozän“, eine Einübung ins Sterben. Er hatte es noch einmal gelesen, weil er sich paradoxerweise davon Trost versprach.
Am vergangenen Mittwoch hatten wir uns verabredet; nicht mehr im Restaurant, sondern bei ihm zu Hause. Durch seine Schwerhörigkeit mochte er nicht mehr „unter Leuten“ sein. Er machte nicht mehr die Tür auf. Als ich ihn endlich am Telefon erreichte, entschuldigte er sich und bedankte sich für die lange Freundschaft. Mach’s gut, sagte ich, lahm und entsetzt zugleich, aber ich glaube, da hatte er schon aufgelegt.
Michael Krüger war verlegerischer Geschäftsführer des Carl Hanser Verlags.
Source: faz.net