Habermas in jener Fluor.A.Z.: Mit Heidegger gegen Heidegger denken

Der Philosoph Martin Heidegger beschäftigt uns hier nicht als Philosoph, sondern in seiner politischen Ausstrahlung, in seiner Wirkung nicht auf die interne Diskussion der Gelehrten, sondern auf die Willensbildung entzündbarer und begeisterungsfähiger Studenten. Das Geniale ist zwielichtig, und vielleicht hat Hegel recht, daß sich weltgeschichtliche Individuen nicht mit moralischen Maßstäben messen lassen. Aber dort, wo das Zwielicht eine Ausdeutung des Genialen gewährt oder gar nährt, die politische Destruktion zur Folge hat, dort tritt die Wächterschaft der öffentlichen Kritik in ihre Rechte. Allein diese Kritik hat nicht mit dem zu rechten, das ihr unzugänglich bleibt: mit den Vorgängen im intimen Entscheidungsfeld privater Existenz, sie hat einfach die Bedingungen zu klären, unter denen öffentliche Störungen zustande kamen, Bedingungen also, die zu verändern sind, um dergleichen Störungen in Zukunft zu vermeiden. Seit 1945 ist von verschiedenen Seiten über Heideggers Faschismus gehandelt worden. Im Mittelpunkt solcher Diskussion stand zumeist die Rektoratsrede von 1933, mit der Heidegger die „Umwälzung des deutschen Daseins“ feiert. Hieran die Kritik aufhängen heißt: simplifizieren. Bedenkenswert ist doch vielmehr dies – wie der Autor von „Sein und Zeit“, das bedeutendste philosophische Ereignis seit Hegels „Phänomenologie“, wie also ein Denker dieses Ranges in einen so offenbaren Primitivismus verfallen konnte, als der sich die hektische Stillosigkeit jenes Aufrufs zur Selbstbehauptung der deutschen Universität bei nüchternem Zusehen unbestritten erweist.

Das Problem der faschistischen Intelligenz, das sich in diesem Vorgang verbirgt, wird um so schärfer und fordernder, wenn man bedenkt, daß es eine faschistische Intelligenz als solche nur darum nicht gab, weil die Mediokrität der faschistischen Führungsgarnitur das Angebot der Intellektuellen nicht akzeptieren konnte. Die Denkenden, deren Motive und deren Mentalität dem Trend der faschistischen Leitbilder entsprach, waren ja da. Heute Namen zu nennen, würde zu Mißverständnissen führen. Diese Kräfte waren da. Nur das minderwertige Format der politischen Funktionäre hat sie in die Opposition gedrängt, so daß die „Bewegung“ ohne die zurechnungsfähigen Träger des kulturellen Erbes den Eindruck erzeugen konnte: als sei der Nationalsozialismus Strandgut aus den allgemeinen Strömungen des Jahrhunderts, unverwurzelt und deutscher Tradition fremd und aufgepfropft. Daß er keine notwendige Entwicklungsfolge echter deutscher Tradition ist, steht allemal außer Frage. Aber daraus ist nicht abzuleiten, daß alle Versuche falsch und verwerflich sind, die im Sinne des Faustusromans Thomas Manns gerade die Verwurzelung der faschistischen Motive im Kern der deutschen Überlieferung sondieren und die Dispositionen freilegen wollen, die dann, in einer Verfallsperiode zum Faschismus führen konnten. Das Problem der faschistischen Intelligenz stellt sich als das Problem der Vorgeschichte des Faschismus.

Heroische Existenz

Die deutsche Situation seit 1945 ist durch das konstante Ausweichen vor diesem Problem gekennzeichnet. Für beides, für die Berechtigung des Problems und für das Ausweichen vor ihm, gibt es seit kurzem ein bedeutendes literarisches Zeugnis: Heidegger hat unter dem Titel „Einführung in die Metaphysik“ Vorlesungen aus dem Jahre 1935 herausgegeben. Wie aus dem Vorwort hervorgeht, sind die Zusätze in runden Klammern gleichzeitig geschrieben worden. Auf Seite 152 hat es Heidegger mit dem Nationalsozialismus zu tun, „mit der inneren Wahrheit und Größe dieser Bewegung (nämlich mit der Begegnung der planetarisch bestimmten Technik und des neuzeitlichen Menschen) …“ Da diese Sätze 1953 ohne Anmerkung erstmals veröffentlicht wurden, darf unterstellt werden, daß sie unverändert Heideggers heutige Auffassung wiedergeben.

Es wäre müßig, das Wort von der inneren Wahrheit und Größe des Nationalsozialismus zu zitieren, wenn es sich nicht aus dem Zusammenhang der Vorlesung ergäbe. Das aber ist der Fall. Denn Heidegger bringt ausdrücklich die Frage aller Fragen, die Frage nach dem Sein, mit der geschichtlichen Bewegung jener Tage zusammen.

Bekanntlich steht für Heidegger die Gegenwart unter dem Geschick der Seinsvergessenheit. Die Völker haben zwar in ihren weitläufigen Umtrieben und Erzeugnissen ein Verhältnis zu den Gegenständen, sie sind aber aus dem Sein selbst schon längst herausgefallen. Daher „taumeln“ wir, metaphysisch gesehen. Dieser Taumel manifestiert sich konkret in den Erscheinungen der Technik, wobei sich die Technik nicht überall gleich extensiv entfaltet hat. Vielmehr liegt Europa in einer großen Zange zwischen Rußland und Amerika, die in ihrem Wesen dasselbe sind: „Dieselbe trostlose Raserei der entfesselten Technik und der bodenlosen Organisation des Normalmenschen“, für den Zeit nur noch Schnelligkeit bedeutet. Von beiden Seiten her legt sich über Europa die Verdüsterung der Welt, die Flucht der Götter, die Zerstörung der Erde, die Vermassung des Menschen und der Haß, der Verdacht gegen alles Schöpferische und Freie. Darum wird sich das Schicksal der Erde in Europa entscheiden, genauer: im Herzen des Volkes, das seine Mitte ausmacht und das „den schärfsten Zangendruck“ erfährt: „das nachbarreichste Volk und so das gefährdetste Volk und in allem das metaphysische Volk.“ Aber aus dieser Bestimmung wird es nur dann ein großes Schicksal schmieden, wenn es seine Überlieferung sich schöpferisch aneignet. Verstehen wir recht: in der politischen Situation von 1935, in der sich die Doppelfrontbildung Deutschlands gegen Ost und West abzeichnet, sieht Heidegger den Reflex einer seinsgeschichtlichen Lage, der sich seit über zweitausend Jahren vorbereitet hat und nun dem deutschen Volk eine weltgeschichtliche Mission überantwortet. Um die Physiognomie und daraus die eschatologische Strahlkraft der Vorlesung recht zu verstehen, gilt es, die Dialektik dessen, wogegen, mit dem, wozu Heidegger seine Hörer von 1935 und seine Leser von 1953 aufruft, in den Griff zu bekommen. Er fordert die heroische Existenz gegen die fade Verfallenheit des Durchschnittlichen. Die eigentümliche Färbung dieses Postulats läßt sich nach drei Seiten hin skizzieren.

„Das Wahre ist für den Starken“

Es ist die „Stärke“, die den aristokratischen Einzelnen den gewöhnlichen Vielen überhebt. Der Edle, der den Ruhm wählt, wird vom Rang und der Herrschaft geadelt, die zum Sein selbst gehören, während die Vielen, die nach dem beifällig zitierten Heraklit satt sind wie das Vieh, die Vielen sind die Hunde und die Esel. Das Rangmäßige ist das Stärkere, weshalb sich das Sein dem entzieht, der auf Ausgleich, Entspannung, Einebnung bedacht ist: „Das Wahre ist nicht für jedermann, sondern nur für den Starken.“ — Ferner ist es der „Geist“, der den Denkenden gegenüber dem Intellektuellen auszeichnet. Das verständige Rechnen orientiert sich an den Gegenständen und macht sie verfügbar. Alle Dinge geraten vor seinem nivellierenden Zugriff auf eine Ebene, Ausdehnung und Zahl sind die vorherrschenden Dimensionen. „Können“ heißt diesem Denken nicht mehr Verschwendung aus hohem Überfluß, sondern das schwitzende Ausüben einer Routine. Dieses Denken, das den Gesetzen der herkömmlichen Logik folgt, kann die Frage nach dem Sein nicht verstehen und erst recht nicht entfalten, weil die Logik selbst in einer Antwort auf die Frage nach dem Seienden gründet, die das Sein von vorneherein zustellt. Die Studenten erfahren, daß die Überlegung, Berechnung und Betrachtung der vorgegebenen Gegenstände eine Sache bloßer Begabung und Übung und massenhafter Verteilung ist. Oberflächlich und tief, leer und gehaltvoll, unverbindlich und zeugend, spielerisch und ernst sind die gegensätzlichen Attribute von Intelligenz und Geist, eines Geistes übrigens, den Heidegger nachdrücklich, das läßt sich nicht leugnen, gegen alle Schwärmerei verteidigt. Nur die Intelligenz, nicht der Geist, soll, mit einem Seitenblick auf die parteioffizielle Eugenik, der gesunden leiblichen Tüchtigkeit und dem Charakter untergeordnet sein, denn die Entartung des Denkens zur Intelligenz kann nur durch ursprünglicheres Denken überwunden werden. — Schließlich ergänzt der „Mut“ das Starke und das Geistige, der zweideutige Mut, der auch vor Gewaltsamkeit und Irrtum nicht zurückschreckt. Schein, Trug, Täuschung und Irre sind Mächte, die vom Sein selbst ereignet werden, nur der alltägliche Verstand erfährt nicht mehr ihre numinose Kraft und degeneriert sie zu bloßem Irrtum. Der Mutige wiederholt den im vorplatonischen Griechentum gelebten Anfang unseres geistesgeschichtlichen Daseins mit dem Ja zu all dem Befremdlichen, Dunklen, Ungesicherten des wahren Anfangs. Schließlich entfaltet der heroische Einzelne als Wagender sein volles Wesen: er ist der Gewalttätige, der Schaffende, der das Sein bewältigt, indem er das Ungesagte in seine Rede, das Ungeschaute in seinen Blick und das Ungeschehene in seine Tat bannt. Wobei Gewalt nicht die Banalität einer „rohen Willkür“ besagen soll. Andrerseits ist es der Kleinmütige, der auf Verabredung, Kompromiß und gegenseitige Versorgung absieht und demnach Gewalt nur als Störung seiner Lebensreglung empfinden kann. „Deshalb kennt der Gewalt-Tätige nicht Güte und Begütigung (im gewöhnlichen Sinne), keine Beschwichtigung und Beruhigung durch Erfolge oder Geltung.“ Er verachtet den Schein der Vollendung. Der Gewalttätige setzt gegen die durchschnittliche Besorgung den denkerischen Entwurf, das bauende Bilden, das staatsschaffende Handeln. Der Gewalttätige ist der Hochragenderer unheimliche Einsame, schließlich der Ausweglose, für den Nicht-Dasein als höchster Sieg über das Sein gilt, dem sich Existenz tragisch vollendet „im tiefsten und weitesten Ja zum Untergang“, der im Wollen des Unerhörten alle Hilfe wegwirft.

Martin Heidegger, Porträtaufnahme, um 1950.picture alliance / akg-images /

Wir befragen Heideggers Vorlesung daraufhin, woran er appelliert, wozu er aufruft und in Frontstellung wogegen. Und wir erkennen unschwer, daß Heidegger aus dem Erlebnis Hölderlins und Nietzsches mit dem exzessiven Pathos der 20er Jahre und dem unmäßigen Selbstbewußtsein einer persönlichen und einer nationalen Mission den starken Auserwählten gegen den Bourgeois, das ursprüngliche Denken gegen den Commonsense und das Todesmutige des Außerordentlichen gegen die Gewöhnlichkeit des Gefahrlosen ausspielt, das eine erhebend, das andere verdammend. Überflüssig zu bemerken, daß ein solcher Mann unter den Bedingungen des 20. Jahrhunderts als ideologischer Einpeitscher wirken mußte, unter den exaltierten Bedingungen von 1935 als Prophet.

Die Weise unserer Betrachtung ist in dem Sinne un-sachlich, als sie nicht auf den sachlichen Zusammenhang, sondern auf die Physiognomie der Vorlesung zielt. Sie ist legitim, solange es um den willensbildenden Akt der politischen Prägung geht. Die Physiognomie der Aussage verändert Situationen unmittelbar, sie ist der Herd der Ansteckung. Denn Stil ist gelebte Haltung, eingeschmolzene Antwort, von ihm springt der Funke spontaner Verhaltensbildung über, er ist die perennierende Geburt existentieller Motive, an ihm entzündet sich der Appell. Es ist für die bewußte Geschichtsgebundenheit des Heideggerschen Phiiosophierens bezeichnend, daß sich der Appell verändert, während die Sinnstrukturen über die Jahrzehnte seiner Entwicklung die Kontinuität wahren. Es ist nicht unsere Aufgabe, die Stabilität der fundamentalen Kategorien von Sein und Zeit bis zum Humanismusbrief zu erweitern. Dagegen drängt sich die Variabilität der Appelqualität von selbst auf. So ist heute von Hut, von Andenken, von Wächterschaft, von Huld, von Liebe, von Vernehmen, von Ergeben die Rede immer dort, wo 1935 die Gewalttat gefordert wurde, während Heidegger noch acht Jahre vorher die quasireligiöse Entscheidung der privaten, auf sich vereinzelten Existenz pries als die endliche Autonomie inmitten des Nichts der entgötterten Welt. Der Appell hat sich mindestens zweimal, entsprechend der politischen Situation, verfärbt, während die Denkfigur des Ausrufs zur Eigentlichkeit und der Polemik gegen die Verfallenheit stabil blieb. Die Vorlesung von 1935 demaskiert schonungslos die faschistische Färbung jener Zeit. Sie hat aber nicht etwa nur äußerliche Motive, sondern auch solche, die sich aus dem Zusammenhang der Sache ergeben.

Das verlorene Sein

Gemäß der seinsgeschichtlichen Konzeption durchläuft die abendländische Philosophie von Plato bis Nietzsche eine Entwicklung fortschreitender Seinsvergessenheit. Sie ist markiert durch drei große Schübe: durch die Umwandlung des vorsokratischen in das platonisch-aristotelische, des griechischen in das römisch-christliche und schließlich des mittelalterlichen in das neuzeitliche Denken. Heidegger fragt radikal und erschließt Ursprüngliches, der entdeckte Zusammenhang ist faszinierend, trotzdem ist die Konzeption im ganzen einseitig. Diese Einseitigkeit gründet in einem doppelten Mangel an Selbstverständnis: Heidegger würdigt nicht, daß seine spezifische Fragestellung keineswegs originell ist, sondern im Zusammenhang jenes eigentümlich deutschen Denkens gewachsen ist, das über Schelling, Hölderlin und Hegel auf Böhme zurückgeht, und weiter möchte er nicht mehr seine theologische Herkunft wahrhaben, wahrhaben, daß die geschichtliche Existenz von „Sein und Zeit“ einen Bereich spezifisch christlicher Erfahrungen ausgrenzt, die über Kierkegaard zu Augustin zurückreichen. Für unsern Zusammenhang ist wichtig, daß mit dem Nichtkennen dieser beiden Fakten zwei wichtige Kontrollinstanzen entfallen. Wenn sich das Christentum mit der Verfestigung der Zweiweltensicht als Stufe homogen einordnet in den abendländischen Degenerationsprozeß, dann kann auch die – noch für Hegel so zentrale – Idee der Gleichheit aller vor Gott und der Freiheit eines jeden kein wirksames Gegengewicht mehr bieten, weder das individuell egalitäre Gegengewicht gegen das naturwüchsige Privileg des Stärkeren noch das kosmopolitische Gegengewicht gegen die geschichtliche Auserwähltheit des deutschen Volkes. Und wenn zweitens nicht anerkannt wird, daß seit Descartes neben der Linie des rechnend verfügbar machenden Denkens die andere des sinnverstehend vernehmenden einherläuft, dann kommt die dialektische Plastizität der neuzeitlichen Entwicklung nicht heraus, eine Dialektik, die jenem durch Vergegenständlichung auf Beherrschung abzielenden Denken seine schöpferische Legitimation gibt und somit gegen eine einseitige Verwürfelung mit dem durchschnittlichen Meinen verwahrt. Von dieser Seite fehlt also das praktisch-rationalistische Korrektiv. Die Nährung antichristlicher und antiwestlerischer Affekte hätte allein genügt, die Psychose eines von Heidegger nicht gewollten Irrationalismus zu fördern. Hinzu kommt aber nun die elementare Täuschung darüber, daß er ja seine Einsichten, die zur Begegnung der planetarisch bestimmten Technik und des neuzeitlichen Menschen führen sollten, daß er diese Einsicht 1935 unter den noch und gerade gültigen Bedingungen eben dieser technisch bestimmten Situation vortrug und damit geradezu notwendig jenen Automatismus des Mißverstehens auslöste, der seine Absicht, das technifizierte Leben zu überwinden, in ihrer tatsächlichen Ausführung verfälschte. Schien sich doch dieser philosophische Appell an die Studenten zunächst mit dem zu decken, was von ihnen als Offizieren später verlangt wurde. Gewiß, an der Scheinbarkeit dieser Deckung wird auch dadurch nichts geändert, daß ihr der Initiator, Heidegger selbst, jahrelang erlag. Immerhin bleiben zum Schluß noch zwei Fragen stehen: Worin gründet diese, wenn auch nur scheinbare, Deckung? Sollte der Faschismus mit deutscher Überlieferung vielleicht doch mehr zu tun haben, als man gemeinhin gerne wahrhaben möchte? Und zweitens: Warum veröffentlicht Heidegger heute, 1953, seine Vorlesung ohne Einschränkung? Konsequent ist das allerdings nur für eine Haltung, die gerade nicht, wie Heidegger doch verlangt, die Vergangenheit als ein noch Bevorstehendes immer wieder in Frage zieht, die vielmehr im Repetieren steckenbleibt. Konsequent ist das für eine Einschätzung, die nicht nur den eigenen Irrtum, sondern auch den „Irrtum“ der nationalsozialistischen Führung seinsgeschichtlich begründet an Stelle der moralischen Klärung.

Wo bleibt die Auseinandersetzung?

Angesichts der Tatsache, daß heute wieder Studenten dem Mißverstehen jener Vorlesung ausgesetzt sind, schreiben wir ungern und selbst wiederum mißverstehbar diesen Aufsatz. Er dient allein der Frage: Läßt sich auch der planmäßige Mord an Millionen Menschen, um den wir heute alle wissen, als schicksalhafte Irre seinsgeschichtlich verständlich machen? Ist er nicht das faktische Verbrechen derer, die ihn zurechnungsfähig verübten – und das böse Gewissen eines ganzen Volkes? Hatten wir nicht acht Jahre Zeit seither, das Risiko der Auseinandersetzung mit dem, was war, was wir waren, einzugehen? Ist nicht seit je die vornehme Aufgabe der Besinnlichen, die verantwortliche Tat der Vergangenheit zu klären und das Wissen darum wach zu halten? — … Statt dessen betreibt die Masse, voran die Verantwortlichen von einst und jetzt, die fortgesetzte Rehabilitation. — … Statt dessen veröffentlicht Heidegger seine inzwischen achtzehn Jahre alt gewordenen Worte von der Größe und der inneren Wahrheit des Nationalsozialismus, Worte, die zu alt geworden sind und gewiß nicht zu denen gehören, deren Verständnis uns noch bevorsteht. Es scheint an der Zeit zu sein, mit Heidegger gegen Heidegger zu denken.

Erstmals veröffentlicht: F.A.Z. Nr. 170, vom 25. Juli 1953.

Source: faz.net