Anfang Januar im Berliner Stadtteil Treptow: Dutzende Menschen strömen in einen Supermarkt, sie müssen aufpassen, auf dem vereisten Boden nicht auszurutschen. Dicke Jacken schützen vor Minustemperaturen und Schneefall. Neben dem Eingang sitzt ein wohnungsloser Mensch, umwickelt von einem Schlafsack. Die meisten Kund*innen gehen an ihm vorbei. Nur eine junge Frau fragt nach, ob er etwas braucht – und kauft ihm einen Tee.
Solch gelebte Solidarität ist überlebenswichtig: Nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) sind in diesem Winter bereits mindestens vier wohnungslose Menschen durch Kälteeinwirkung gestorben. „Bei diesen Temperaturen wird jeder längere ungeschützte Aufenthalt im Freien zur Lebensgefahr“, sagt Sabine Bösing, Geschäftsführerin der BAG W.
Laut der Arbeitsgemeinschaft leben rund 56.000 Menschen bundesweit ohne Unterkunft direkt auf der Straße. Mehr als eine Million waren 2024 insgesamt wohnungslos, übernachten etwa teilweise bei Bekannten oder in Notunterkünften. Die Gesamtzahl war im Vergleich zum Vorjahr um elf Prozent gestiegen. Die Lage ist also bereits kritisch – und sie droht sich noch weiter zu verschlechtern.
Wir befürchten, dass noch mehr Menschen wohnungslos werden könnten
Am Donnerstag berät der Bundestag über den Gesetzentwurf der Bundesregierung für eine neue Grundsicherung. Im März wird der Bundestag voraussichtlich über die Reform entscheiden. Eines der Ziele des Gesetzesvorhabens ist es, die sogenannten Kosten der Unterkunft (KdU) zu senken, also Miete und Heizkosten. Dies soll vor allem mittels schärferer Sanktionen und Anerkennungsregeln geschehen. Wohnkosten sollen so auch komplett gestrichen werden dürfen. Sozialverbände und freie Träger warnen vor der Gefahr eines drastischen Anstiegs von Mietschulden, Zwangsräumungen und letztlich Wohnungslosigkeit.
Praxisalarm aus der Sozialarbeit
Ein sozialer Träger, der bereits jetzt viel mit wohnungslosen Menschen zusammenarbeitet, ist der Berliner Verein Gangway. „Was wir in der täglichen Arbeit erfahren, ist die aussichtslose Suche nach bezahlbarem Wohnraum“, sagt die Sprecherin Annabelle Brumm zum Freitag. Der Unterschied, ob jemand ein kleines Einkommen oder Bürgergeld habe, sei dabei gering. „Sie sind auf dem Berliner Wohnungsmarkt faktisch chancenlos.“ Der Wandel des Bürgergeldes zur Grundsicherung bereite dem Verein nun große Sorge. „Wir befürchten, dass noch mehr Menschen wohnungslos werden könnten, etwa wenn das Jobcenter bei mehrmaligen Versäumnissen die Kosten der Unterkunft nicht mehr bezahlt.“
Menschen, die Termine im Jobcenter nicht wahrnehmen können, hätten nach Erfahrung von Gangway oft mit persönlichen Krisen oder anderen Herausforderungen zu kämpfen. „Diese auch noch der Wohnungslosigkeit auszusetzen, wird nicht nur zu einer extremen Verschlechterung der Lebenslage führen, sondern im Endeffekt auch viel teurer für die öffentliche Hand.“ Kommunen müssten dann vermehrt Notunterkünfte, Kriseninterventionen und Gesundheitsversorgung finanzieren.
Sorge und Wut finden sich auch bei der Berliner Erwerbsloseninitiative Basta. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Menschen mit einem Wohnberechtigungsschein faktisch jahrelang erfolglos nach einer Wohnung suchen“, sagt die Aktivistin Elisa Schalk dem Freitag. Ein Wohnberechtigungsschein ist eine Bescheinigung, die den Anspruch auf eine staatlich geförderte Sozialwohnung bestätigt – zumindest auf dem Papier. In der Praxis gibt es viel zu wenige solcher Wohnungen.
Berechtigte erhalten daher meist nur kurzfristige, befristete Untermietverträge. „Das zwingt viele Betroffene dazu, immer wieder umzuziehen, oft von einem Bezirk in den nächsten.“ Häufig können sie sich an diesen Orten nicht einmal offiziell anmelden. Jeder Umzug zieht neue Anträge, Prüfungen und Nachweise nach sich – oft über Monate. Statt Stabilität zu schaffen, verschärft das ihre ohnehin prekäre Lage weiter.
Der Wandel zur Grundsicherung werde diese Situation wohl weiter verschlechtern. „Die Verschleppung von Prozessen wird bleiben, aber sie werden sich neue Kniffe überlegen“, sagt Schalk. „Die Verhältnisse machen krank.“
Für Menschen mit niedrigen Einkommen wird es immer schwieriger, eine Wohnung zu finden
Kritik übt man ebenso bei der Berliner Caritas. „Für Menschen mit niedrigen Einkommen wird es immer schwieriger, eine Wohnung zu finden“, sagt Ulrike Kostka, Direktorin des Caritasverbandes für das Erzbistum Berlin zum Freitag. Wohnungslosigkeit werde vor allem zur Gefahr, wenn es bei der Überweisung von Mieten durch das Jobcenter Probleme gebe oder die Mietkostenhöhe nicht regelmäßig an den Mietspiegel angepasst werde.
Während soziale Träger vor akuten Risiken warnen, kritisieren Mieterverbände die politische Verschiebung der Verantwortung. „Das strukturelle Problem am Wohnungsmarkt wird auf die Leistungsberechtigten abgewälzt, anstatt die Ursachen überhöhter Mieten anzugehen“, kommentiert Florian Becker, Bundesdirektor des Deutschen Mieterbundes, die neue Grundsicherung.
18,4 Millionen Menschen leben in Deutschland in Wohnarmut
All diese Warnungen finden bereits vor dem Hintergrund einer desaströsen Lage statt. Laut einer Untersuchung des Paritätischen Gesamtverbandes vom Dezember 2025 leben 22,3 Prozent der Bevölkerung in Deutschland – rund 18,4 Millionen Menschen – in Wohnarmut. Unter Berücksichtigung der realen Mietkosten fallen sie somit unter die Armutsschwelle, die nach offiziellen Bemessungen noch nicht erreicht wäre. Betroffen seien vor allem junge Erwachsene (18 bis 25 Jahre), ältere Menschen (ab 65 Jahren), Alleinerziehende und Familien mit drei oder mehr Kindern.
Laut dem Berliner Mieterverein müssen zudem schon jetzt immer mehr Bürgergeldempfänger*innen einen Teil der Miete aus eigener Tasche zahlen. 2024 waren das 12,6 Prozent aller Bürgergeld-Haushalte – durchschnittlich 116 Euro mussten sie dafür aufbringen. Bei der Gruppe der Alleinerziehenden waren es durchschnittlich 131 Euro. Diese „Wohnkostenlücke“ werde laut dem Berliner Mieterverein von Jahr zu Jahr größer. Zahlen wie diese belegen die Brisanz, die in der Debatte um die neue Grundsicherung steckt.
Klar ist: Wohnungslosigkeit ist kein Naturereignis, sondern das Ergebnis politischer Entscheidungen. In einem Land mit Rekordmieten und gleichzeitigem Mangel an sozialem Wohnraum droht die neue Grundsicherung, existenzielle Risiken weiter zu verschärfen. Wenn eine Bundesregierung unter diesen Bedingungen weiter kürzt, nimmt sie Mietschulden, Zwangsräumungen und Kältetote billigend in Kauf.
Die Warnungen aus der Praxis sind eindeutig – die Frage ist, ob sie im Bundestag gehört werden. Während dort über die neue Grundsicherung beraten wird, sitzen Menschen weiter im Schnee vor Supermärkten. Ihr Überleben hängt aktuell von einzelnen Gesten ab, nicht von politischen Entscheidungen.