Grundsatzprogramm: Bei jener Linken schlägt die Stunde jener Nerds

Irgendwann, da ist es draußen längst dunkel und die Luft im Saal schon ziemlich verbraucht, hält Alex Demirović kurz inne, legt den Kopf schräg und sagt: „Ich stell’ mir auch vor, wie es überhaupt in zwei Jahren ist. Wenn ich mir überlege, wie viel allein im letzten Jahr passiert ist. Das ist bei dieser Dynamik ja eine riesige Herausforderung.“

Was der 74-jährige linke Soziologe auf der Auftaktkonferenz der Linken zum neuen Grundsatzprogramm meint, dafür steht schon die erste Januarwoche 2026. Von Venezuela bis Iran: Auf der Welt bleibt derzeit kaum ein Stein auf dem anderen. Die Linke hat sich in Berlin versammelt, um den Prozess zu einem neuen Grundsatzprogramm einzuleiten, das sich auf diese Herausforderungen einstellt. Zeit gibt sie sich bis Herbst 2027 – die Welt wird sich bis dahin wohl noch einige Male auf den Kopf stellen. Die „Dynamik“ könnte ständige Aktualisierung in Echtzeit erfordern.

Es geht dann sehr theoretisch los. Die Bitte von Bundesgeschäftsführer Janis Ehling, sich nicht immer ganz so kompliziert auszudrücken, wird eher selten beherzigt. Es ist eben eine linke Konferenz. Es geht um das neoliberale Akkumulationsmodell, die blockierte Transformation. Aber auch um den Kampf gegen Wehrpflicht und die „Mietmafia“. Und eine Frage zur NATO, der Ukraine und Russland gibt es auch.

Neun Stunden Inputs zu Imperialismustheorien

Das Interesse ist groß, viele, die teilnehmen wollten, haben keinen Platz mehr bekommen. Unter Berücksichtigung einer gerechten Verteilung auf alle Bundesländer und einer Quotierung nach Dauer der Mitgliedschaft und Geschlecht wurde nach Zufallsprinzip ausgelost. Am Ende macht die Bahn dem Ganzen einen Strich durch die Rechnung – wegen des Schneesturms fallen viele Züge aus, die Berliner profitieren.

So weit, über konkrete Kapitel oder gar Formulierungen zu sprechen, ist es ohnehin noch nicht. Nicht einmal, welche Konfliktfelder besondere Aufmerksamkeit der Partei erfordern könnten, schält sich an diesem Tag heraus. Stattdessen gibt es einen Kessel Buntes.

„Grundlage schaffen“, wie einer in der Raucherecke seinem Genossen zumurmelt, so wie man das manchmal zu Beginn eines Kneipenabends sagt. Nur dass hier statt einer deftigen Mahlzeit den Anwesenden Infusionen mit linken Theorien, Geschichte und Großerklärungen verabreicht werden: Es gibt neun Stunden lang Inputs zu Imperialismustheorien, Revolution, Kapitalismusanalyse oder der Frage, wer eigentlich die Arbeiterklasse ist.

Was ist eigentlich mit der Linken und der NATO?

Debatten gibt es indes kaum, sie sind nicht vorgesehen. An einigen Stellen scheint zumindest durch, was für Diskussionen der Partei ins Haus stehen dürften. Etwa im Workshop „Globaler Kapitalismus, Imperialismus und Geopolitik“ mit dem Soziologen Stefan Schmalz, in dem ein Mitglied aus Hamburg die beim Referenten wahrgenommene „Äquidistanz“ zu den beiden Weltmächten USA und China infrage stellt. Es sei doch ein Unterschied, ob eine Großmacht irgendwo einfalle und den Präsidenten entführe oder aber einen Hafen baue?

Ganz am Ende der eingeplanten Stunde kommentiert eine Genossin, dass der im Erfurter Programm stehende Satz „Wir fordern die Auflösung der NATO und ihre Ersetzung durch ein kollektives Sicherheitssystem unter Beteiligung Russlands, das Abrüstung als ein zentrales Ziel hat“ angesichts des Ukraine-Krieges ja nicht mehr so ganz auf der Höhe der Zeit sei, und stellt die Frage, ob es nicht doch eine gewisse „Verteidigungsfähigkeit Europas“ brauche.

Diese Debatte habe er „eigentlich früher erwartet“, sagt Schmalz. Und naja, er denke, Russland sei „nicht so mächtig“, wie es oft dargestellt werde, sondern komplett abhängig von China. Vertieft werden kann das nicht – die Zeit ist um.

Andere Streitthemen, die in der Partei zuletzt teils harsch ausgetragen wurden, etwa zum Gaza-Krieg oder zum Thema Antisemitismus, spielen an diesem Samstag in Berlin keine Rolle.

Nein zur Wehrpflicht, Kampf gegen „Mietmafia“: 2026 soll Jahr des Widerstandes werden

So hoch theoretisch die Konferenz ist, so betont hemdsärmelig wird es, als am frühen Nachmittag die Parteivorsitzenden Ines Schwerdtner und Jan van Aken im Foyer am Franz-Mehring-Platz die Schwerpunkte von Partei und Bundestagsfraktion für das kommende Jahr vorstellen.

Ines Schwerdtner kündigt ein „Jahr des Widerstandes“ an. Der Fokus der Partei werde darauf liegen, das „Leben wieder bezahlbar zu machen“. Man wolle zudem den mit Heizkostenchecks und Mietwucher-App begonnenen „Kampf gegen die Mietmafia“ intensivieren. Daneben soll ein „klares Nein zu Krieg und Wehrpflicht“ einen weiteren Schwerpunkt bilden – und natürlich die anstehenden fünf Landtagswahlen.

In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz wird die Partei aller Voraussicht nach in die Landtage einziehen; das wäre historisch, noch nie ist dies der Linken gelungen. In Berlin kämpft sie mit Elif Eralp um das Amt der Bürgermeisterin. Und in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt gehe es, so Schwerdtner, darum, „rote Leuchttürme in einem blauen Meer zu schaffen“. Der rechte Aufstieg sei kein Naturgesetz.

„Auf die Barrikaden“: Die Rede von Heidi Reichinnek inspiriert noch immer

Was den rechten Aufstieg kennzeichnet und mit welchen Begriffen er überhaupt zu fassen sei – das wird kurz darauf auf einem Podium besprochen. Ein Thema, das viele der Neumitglieder besonders umtreibt – seit Heidi Reichinneks Rede im vergangenen Januar. Damals rief die Fraktionsvorsitzende dazu auf, „Auf die Barrikaden“ zu gehen – als Reaktion auf den Fünf-Punkte-Plan von Friedrich Merz zur Verschärfung des Asylrechts, der durch die AfD eine Mehrheit erhielt.

Für viele Neumitglieder der Linken war diese Rede von Heidi Reichinnek ausschlaggebend für den Eintritt. Der Jenaer Soziologe Klaus Dörre gibt auf der Konferenz unumwunden zu, die Linkspartei schon abgeschrieben gehabt zu haben. Sein Leben habe sich durch das „kleine Wunder“ – gemeint ist das Linke-Comeback – nun um mindestens zehn Jahre verlängert.

Das bleibt dann vorerst das einzig Erbauliche, das Thema ist zu ernst.

Dörre diskutiert mit der Soziologin Vanessa E. Thompson und der Amerikanistin Margit Mayer über „Faschisierung“, Faschismus und den Weg in die autoritäre Gesellschaft. Auf einem hohen Niveau, aber auch bemerkenswert abgekoppelt von den realpolitischen Herausforderungen, vor denen Die Linke in diesem Jahr steht.

Mit SPD und CDU zusammen gegen die AfD? Vor den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt

In Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt etwa ist es wahrscheinlich, dass die Partei unter enormen Druck geraten wird, mit allen anderen Parteien zusammenzuarbeiten, um die AfD von der Macht fernzuhalten. Wie geht das mit dem von Dörre angesprochenen Problem zusammen, dass Linke und Gewerkschaften im Osten zunehmend als Teil des verhassten politischen Establishments wahrgenommen würden? Und wie mit Thompsons Analyse, dass Faschisierung keine Faschisten an der Macht brauche und häufig aus der „Mitte“ selbst komme?

Falls sich das auch einige Zuhörer*innen gefragt haben sollten, erfährt man davon zumindest nichts, denn diese wurden zwar während des Panels aufgefordert, Fragen und Anmerkungen auf dafür ausgeteilte Kärtchen zu notieren. Doch weil das mehr als 50 Leute auch tatsächlich getan haben, entscheidet die Moderatorin kurzerhand, der Fairness halber gar keine Fragen und Kommentare vorzulesen und das Podium 15 Minuten früher als geplant zu beenden.

Die Stunde der linken Nerds

Es ist der einzige Moment am ganzen Tag, an dem so etwas wie Unmut darüber aufscheint, dass die Konferenz größtenteils aus einer Abfolge von Referaten besteht – und es für Diskussionen kaum Raum gibt. „Das ist autoritär“, schreit einer. Ein Genosse steht auf und hebt beide Hände in die Luft – er ist offenbar parteitagserfahren, es ist das Zeichen für „Geschäftsordnungsantrag“. Jemand anderes ruft: „Können wir das einfach abstimmen?“

Dazu kommt es nicht, und der Großteil der Anwesenden scheint damit auch einverstanden zu sein. Dennoch stellt die Co-Vorsitzende Schwerdtner beim Beginn des nächsten Podiums klar, dass Debatte natürlich ausdrücklich erwünscht sei und keine Fragen verloren gingen, alles werde mitgenommen in die zuständigen Gremien und Kommissionen.

Sowieso sei das ja nur der Beginn gewesen, sagt Bundesgeschäftsführer Janis Ehling später zum Abschied. Es gehe jetzt darum, die „von oben“ begonnene Debatte in die Kreisverbände zu tragen. Zusammen ein Programm zu machen, sagt er, sei etwas zutiefst Linkes – und ein solcher Prozess überdies immer auch „die Stunde der Nerds“.

Neoliberales Akkumulationsmodell, blockierte Transformation und grüner Kapitalismus

Wer bis dahin durchgehalten und sich noch das letzte Podium in Gänze gegeben hat, auf dem die Krise des „neoliberalen Akkumulationsmodells“, die „blockierte Transformation“, das Scheitern des „Grünen Kapitalismus“, chinesische Ökonomie und das Zerbröseln der Weltordnung besprochen werden, muss vielleicht tatsächlich ein bisschen nerdig veranlagt sein.

Eine Genossin bittet darum, ihr Fragekärtchen nach der Veranstaltung wiederzubekommen, sie wolle es sich in ihr Zimmer hängen. Ein anderer wünscht sich darauf Autogramme der Panel-Teilnehmer*innen. Manche flüchten sich da aber auch schon in Sekundenschlaf.

„Alles so geordnet und diszipliniert hier, und alle so freundlich miteinander“, sagt einer, der ganz andere Zeiten mit der Partei erlebt hat, beim Rausgehen. „Hab nicht alles verstanden“, sagt ein anderer. „Total“, stimmt die Genossin neben ihm zu. „Trotzdem interessant“, sagt er. „Voll“, sagt sie. Und: „Geht ja auch gerade erst los.“

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