„Grünes Kraftwerk“ Nordsee: Kann sich Europa aus seiner fossilen Abhängigkeit herauswinden?

„Grünes Kraftwerk“ Nordsee
Kann sich Europa aus seiner fossilen Abhängigkeit herauswinden?


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Dutzende neue Windparks in der Nordsee sollen Europas Energieversorgung sichern und unabhängig von den Launen anderer Länder machen. Der Plan ist ehrgeizig. Zu ehrgeizig?

Strom aus Wind und Sonne ist keine links-grüne Träumerei, sondern eine notwendige Sicherheitsstrategie. Klimawissenschaftler predigen das seit Jahrzehnten. Doch bis diese Erkenntnis in den Köpfen führender Politiker durchsickerte, brauchte es einen Krieg in Europa, Anschläge auf Deutschlands Prestigeprojekt Nordstream, explodierende Energiepreise und schrumpfende Reserven in den Gasspeichern.

Spätestens seitdem ist klar: Wer zu fest am Öl- und Gastropf anderer Staaten hängt, macht sich erpressbar. Energie, so heißt es unter anderem in einem Forschungspapier der Columbia Universität, ist heute eine geostrategische Waffe.

Aus dieser unbequemen Position versucht sich die EU seit fast vier Jahren zu lösen. Sämtliche noch verbliebenen Flüssiggasverträge mit Russland bis Ende 2027 zu kündigen, wird allerdings nicht reichen. Und auch den Bedarf überwiegend mit LNG aus den USA zu decken, scheint angesichts eines Präsidenten, der offenbar nach Gusto Zölle erhebt und Partner mit Expansionsgelüsten verschreckt, unklug. Skeptiker unken bereits, Donald Trump könne seine Energielieferungen eines Tages als Druckmittel entdecken.

Die grüne Wende in Europa läuft

Wie es der Zufall will, sind die Europäer nicht auf die nächste Abhängigkeit angewiesen. Stattdessen verfügen sie über eine Ressource, die nicht nur en masse vorhanden ist, sondern zusätzlich auf ihre Klimaziele einzahlt: Wind.

Im vergangenen Jahr wurde fast die Hälfte des europäischen Strommixes über erneuerbare Quellen, vor allem mit Wind- und Solarkraft, gedeckt, wie eine Analyse der Denkfabrik Ember zeigt. Bei den fossilen Brennstoffen war demnach Gas der wichtigste Energielieferant, während die Kohle einen historischen Tiefstand erreichte.

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Trendsetter sind vor allem die westlichen und nördlichen EU-Staaten. In Schweden, Dänemark und Luxemburg etwa wird der Strom seit zehn Jahren und mehr überwiegend klimafreundlich erzeugt. Deutschland zählt laut der Auswertung zu den jüngeren Nachzüglern, liegt aber noch weit vor einigen süd- und osteuropäischen Ländern, in denen die grüne Stromrevolution gerade erst anläuft.

Die Nordsee wird zum Industriepark

Bei einem Gipfeltreffen in Hamburg haben die Anrainerstaaten der Nordsee nun den Weg für ein Megaprojekt geebnet: Auf dem Meer soll in den kommenden Jahren der „größte Energie-Hub der Welt entstehen“, schwärmt ausgerechnet Deutschlands Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU), die normalerweise mehr für Gaskraftwerke als für grüne Alternativen übrig hat. Zusammen mit Großbritannien, Dänemark, Norwegen, den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Irland und Luxemburg hat sich Deutschland auf ein Investitionspaket mit der Windindustrie und den Netzbetreibern geeinigt.

Bereits jetzt können nach Angaben des europäischen Windverbands Wind Europe 32 Millionen Haushalte aus Offshore-Windenergie mit Strom versorgt werden. Bis 2050 könnten es mehr als zehnmal so viele werden. 300 Gigawatt an Stromleistung wollen die Nordsee-Anrainer bis dahin auf dem Meer installieren und die Netze mit mehreren Staaten verknüpfen.

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Das Vorhaben zielt nicht nur auf Europas Energiesicherheit ab, sondern ist auch ein bedeutendes Wirtschaftsprojekt – wenn es umgesetzt wird wie geplant. Denn noch während die Nordsee-Partner ihre Absichten unterzeichneten, wurden Zweifel und Kritik an dem Vorhaben laut.

Besonders Umweltverbände warnen, dass durch den Ausbau erneuerbarer Energien Naturschutz und Klimaschutz miteinander in Konflikt geraten. Unter anderem der Nabu moniert, dass die Nordsee schon jetzt durch den Schiffsverkehr, LNG-Terminals und weitere industrielle Aktivitäten wie der Gewinnung von Gas und Öl stark strapaziert sei. Windparks wären eine zusätzliche Belastung für das Ökosystem.

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Deutschland schreckt seine Windbetreiber ab

Daneben zweifelt auch die Windbranche an dem Nordsee-Projekt. In den kommenden fünf Jahren will die Bundesregierung Windräder mit einer Gesamtleistung von 30 Gigawatt in den deutschen Hoheitsgewässern in Nord- und Ostsee errichten lassen. So steht es auch im Windenergie-auf-See-Gesetz. Wirtschaftsexperten aber meinen, dass das Ziel – wenn überhaupt – frühestens zwei Jahre verspätet erreicht werden könne. Ein Grund sei, dass bestehende Anlagen verzögert an Netze angeschlossen worden seien.

Dazu kämen Hürden bei den Ausschreibungen. Aus Sicht der Betreiber seien die zu stark auf finanzielle Kriterien, also den Profit der Bundesregierung ausgerichtet, anstatt sich auf die Realisierung der Projekte zu konzentrieren. So kam es, dass Ausschreibungen für zwei Flächen im Juni 2025 ohne Interessenten blieben. Die Ausschreibung muss in diesem Sommer nachgeholt werden. Bestenfalls hat die Regierung bis dahin ihre Kriterien angepasst, ansonsten droht die nächste Verzögerung.

Unabhängig davon dürften auch Äußerungen des Kanzlers die Motivation der Windwirtschaft drücken. Beim Nordseegipfel lobte Friedrich Merz das Windprojekt zwar, weil es „unsere Energieversorgung sicherer, kostengünstiger und integrierter macht“. Das ändert allerdings nichts an seiner grundsätzlich abschätzigen Haltung gegenüber Windrädern, die Merz als „hässlich“ kritisierte. Das Nordsee-Projekt, da macht der Kanzler keinen Hehl draus, sieht er als Übergangsprojekt, das nach einem bis drei Jahrzehnten wieder eingestampft werden könne.

Ob die Windräder Gas, Öl und Kohle in dieser Zeit ersetzen werden? Der Trend deutet zumindest in diese Richtung. Für die grüne Zukunft Europas wäre es wünschenswert.

Source: stern.de