Grüner Erfolg in Baden-Württemberg: Mit Disziplin und Cem Özdemir


analyse

Stand: 09.03.2026 • 12:04 Uhr

Starker Kandidat, keine Streitereien: Mit dieser Strategie gelingt den Grünen doch wieder ein Wahlerfolg. Daraus kann die Partei Lehren ziehen – und muss es auch. Denn die nächsten Wahlen werden hart.

Diese Landtagswahl ist ein großes „Trotzdem“ für die Grünen. Auch bei der Wahlparty in der Berliner Parteizentrale zeigt sich das ganz gut: Da stehen die Parteivorsitzenden zusammen mit den beiden Fraktionschefinnen und anderen Partygästen vor zwei Fernsehern und schauen abwechselnd die Hochrechnungen bei ARD und ZDF. Und dann kommt dieser Moment: Die Baden-Württemberger würden die Grünen weiterhin „ausgesprochen kritisch“ sehen, sagt ARD-Zahlenexperte Jörg Schönenborn.

Er zeigt auf die Balken: 60 Prozent der Befragten stimmen zu, dass Grüne zu viele Vorschriften machen würden. Fast genauso viele finden, die Grünen übertrieben es mit dem Klimaschutz. „Und das sind die Wahlsieger – bei solchen Zahlen!“, ruft Schönenborn süffisant. Kurzes Auflachen in der Runde. Ansonsten nicken die grünen Spitzenleute vor dem Bildschirm bedächtig – sie wissen ja auch, dass sie gefilmt werden.

Der Kandidat habe das starke Ergebnis bestimmt, sagt Schönenborn noch: „Da ist Cem Özdemir wirklich über sich hinausgewachsen. Das ist sein Erfolg“, so schließt die Wahlanalyse in der ARD, die den Grünen im Bund bei aller Feierlaune gleich einen Blick auf die eigenen Schwächen offenbart. Die Skepsis gegenüber den Grünen bleibt verbreitet – trotzdem schafft die Partei einen Traumstart in das Wahljahr.

Strategie setzte auf maximale Parteidisziplin

Dennoch: Es ist auch ein Sieg, an dem die ganze Partei einen Anteil hat. Das linke Lager hatte nämlich zuvor zugestimmt, allzu viele Debatten über Umverteilung und neue Steuerideen sein zu lassen, bis der Südwesten gewählt hat. So hatte es Cem Özdemir eingefordert. Die Strategie – maximale Parteidisziplin mit nur wenigen Ausreißern – ist aufgegangen.

Die Grünen hoffen, dass das Ergebnis „Rückenwind für die kommenden Wahlen“ gibt, so formuliert es Parteichef Felix Banaszak am Abend in der ARD. Intern ist von einem Ende der grünen Krise die Rede, einem Aufbruch, der die vielen Wahlkämpfer und die inzwischen rund 180.000 Mitglieder endlich neu motiviert. Denn in den vergangenen Jahren waren erfolgreiche Wahlabende selten geworden für die Partei, sie flogen aus Landtagen in Osten oder Landesregierungen, etwa in Hessen oder Berlin.

Die Analysefrage für die Partei: Was kann sie lernen aus dem Wahlerfolg? Und wie kann sie diesen Kandidatensieg vielleicht doch für ein Comeback der Partei auch anderswo nutzen?

Wahl in Baden-Württemberg

Umfragen zu den Grünen

Welche Rolle will Özdemir in der Bundespartei?

Tief in den Zahlen gibt es weitere positive Trends für die Grünen: Sie sind im Ländle stärkste Kraft bei den jungen Wahlberechtigten zwischen 16 und 24 Jahren. Bei der Bundestagswahl 2025 waren noch AfD und Linke die stärksten Parteien bei dieser Gruppe.

Womöglich lag das auch an einem starken Social-Media-Wahlkampf, der Cem Özdemir von allen Seiten attestiert wird. Volkstümlich schwäbelnd, mit viel Brezeln und auch mal Bier – so hat er sich etwa 240.000 Follower bei Instagram erarbeitet. Das sind deutlich mehr als seine Konkurrenten Manuel Hagel (CDU) oder Markus Frohnmaier (AfD). Es ist für Grüne also möglich, auf Social Media nicht nur gehasst zu werden.

Entscheidend könnte sein, welche Rolle Özdemir selbst auch künftig in der Bundespartei spielen will. Noch-Ministerpräsident Winfried Kretschmann hatte, so heißt es in grünen Kreisen, irgendwann keine große Lust mehr auf Auseinandersetzungen mit dem linken Flügel. Mitspielen in Berlin oder auf der Parteitagsbühne – das war ihm relativ egal.

Özdemir ist dagegen viel mehr in der Bundespartei verwurzelt, nicht nur als ehemaliger Ampel-Minister. Er war auch fast zehn Jahre lang Bundesvorsitzender der Grünen. Er kennt das Berliner Parkett – und er möge es auch, heißt es intern. Vielleicht kann also Özdemir dazu beitragen, die Grünen auch bundesweit wieder zu höheren Umfragewerten zu führen.

Die nächsten Wahlen werden schwieriger

Zugleich ist da der linke Flügel, der jetzt monatelang recht diszipliniert war und die Südwest-Grünen hat machen lassen. Ihnen hat man versprochen, dass nach den Wahlen im März in der Partei endlich wieder mehr über Umverteilung und neue Steuerkonzepte, etwa bei der Erbschaftssteuer, gesprochen wird. Es wird spannend, ob diese linken Ideen nun von allen in der Partei mitgetragen werden – oder ob der Realo-Flügel auf seinen Wahlerfolg und seine Sicht pocht.

In der Partei muss klar sein: Die nächsten vier Landtagswahlen werden weitaus schwieriger. Denn so einen starken und beliebten Kandidaten hatte sie nur in Baden-Württemberg. Den Berliner Spitzenkandidaten, Werner Graf, dürfte beispielsweise kaum jemand auf den Straßen der Hauptstadt erkennen.

Vielleicht geraten die Grünen schon in zwei Wochen in Rheinland-Pfalz selbst in Bedrängnis und müssen um den Einzug in den Landtag kämpfen. Denn dort sehen Umfragen eher ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen SPD und CDU. Grüne Wähler könnten also zur SPD wandern. Es ist das Schicksal der kleineren Parteien in diesen zugespitzten Duellen – und in vielen Bundesländern sind die Grünen das nach wie vor: eine kleine Partei.

Source: tagesschau.de