Grüne gegen Reform UK: „Es geht um Hass oder Hoffnung“

Es ist morgens um zehn Uhr, und auf dem Bürgersteig in der Mount Road wird es laut. „Formiert euch zu Vierergruppen“, ruft die Wahlkampfleiterin ins Megafon. „Jeder nimmt Prospekte mit“. Und: „Pro Gruppe ein Klemmbrett“. Auf den Brettern sind die einzelnen Wohnviertel des Wahlkreises Gorton und Denton im Großraum Manchester markiert.

Hier rechnen sich die englischen Grünen am Donnerstag die ernsthafte Chance aus, eine Nachwahl zum Unterhaus zu gewinnen. Es wäre ein beispielloser Erfolg für eine Partei, die jahrzehntelang nur durch eine einzige Abgeordnete aus dem südenglischen Brighton im britischen Parlament repräsentiert war. Denn das Mehrheitswahlrecht belohnt nur die Sieger eines jeden Wahlkreises.

Bisher für Labour sicheres Territorium

Wie generalstabsmäßig der Versuch der Eroberung im Südosten von Manchester geplant ist, zeigt sich auf den Handys der vor dem Hauptquartier der Grünen hier Versammelten. In einer Smartphone-App trägt jede Hausnummer eine Farbe. Grün für die eigenen Sympathisanten. Rot für die, die bei früheren Besuchen angegeben haben, sie wählten andere Parteien. Und schwarz für jene Fälle, in denen während des Besuchs niemand zuhause war.

Besuch aus London: Grünen-Parteiführer Zack Polanski bei Mitstreitern im Wahlkreis Gorton und DentonAFP

Mitten in der Menge steht Zack Polans­ki, der Parteichef der britischen Grünen. Er sieht mit Fünftagebart und Kapuzenmantel nicht unbedingt wie ein General aus, füllt aber die Rolle aus und motiviert seine Truppe. Polanski schüttelt viele Hände, umarmt, ruft „toll was ihr hier macht“. Außerdem steht der Politiker für Selfies bereit und spricht für ein Interview in eine Fernsehkamera.

Es sind besondere Umstände, die den Grünen hier einen Sieg in Aussicht stellen. Der wichtigste lautet: Die Unter­stützung für die regierende Labour-Partei kollabiert. Gorton und Denton zählen als Stadtteile zum Großraum Manchester, der bisher für Labour sicheres Territori­um war. Doch in den 18 Monaten, in denen die Partei unter Keir Starmer in London regiert, ist ihr Ansehen überall im Land stark abgerutscht, auch hier in diesen beiden Vorstädten.

Die Wähler hier werfen der Regierung vor, zu wenig gegen die steigenden Lebenshaltungskosten zu tun. Nicht gut kam außerdem an, dass Labour als einer der ersten Maßnahmen nach der Regierungsübernahme im Sommer 2024 die mittlerweile wieder eingeführte Heizkostenhilfe für Rentner strich. Am Widerstand in den eigenen Reihen scheiterte das Vorhaben, die Sozialhilfe für Dauerkranke einzuschränken.

Kampf um die enttäuschten Muslime

Besonders in Gorton nährt noch ein anderes Thema die Unzufriedenheit. Rund 40 Prozent der Bewohner des alten Arbeiterviertels sind Muslime, fast alle mit kulturellen Wurzeln in Pakistan oder Bangladesch. Auch sie zählten bislang treu zum Labour-Lager, aber auch von ihnen haben sich mittlerweile viele abgewandt. Ihnen ist die Haltung Labours ge­genüber Israel zu unkritisch und gegenüber den Palästinensern zu unfreundlich – auch wenn Starmers Regierung vergangenen September Palästina als Staat anerkannte.

Die enttäuschten Muslime möchte Polanski gern an die Grünen binden. Der stellvertretende Parteichef Mothin Ali, dessen Eltern aus Bangladesch stammen, steht vor dem Hauptquartier in der Mount Road und lässt sich mit Prospekten und Aufklebern ausrüsten. Alle grünen Wahlkampfaktivisten tragen Sticker, auf die un­ter die Aufschrift „Hannah Wählen“ eine kleine Palästina-Fahne gesetzt ist. Im Einsatz für die gründe Kandidatin Hannah Spencer hat sich Ali, der bis 2020 selbst der Labour-Partei angehörte, eine der Moscheen in der Nachbarschaft ausgeguckt.

Hier kommt es nach dem Freitagsgebet zum Showdown der Flugblatt-Armeen von Grünen und Labour. Anfangs ist die Stimme des Imams über Lautsprecher hörbar. Nachdem er verstummt, füllt sich der Vorraum, die Männer ziehen sich Schuhe und Jacken an. Dann drängen sie nach draußen, vorbei an dem Gemeindehelfer, der die Moscheekollekte in einem grünen Eimer sammelt, und an den Wahlkampfhelfern mit den Faltblättern. „Am Donnerstag Labour wählen. Am Donnerstag Labour wählen“, rufen die Labour-Fußtruppen jedem Davoneilenden hinterher.

„Na, was sollen sie hier denn sonst auch tun“, sagt Afzal Khan, der Labour-Unterhausabgeordnete des Nachbarwahlkreises Rusholme, mit einem Lächeln. Khan erläutert selbstbewusst, Manchester sei doch eine Labour-Festung. Die Partei halte im Stadtrat 88 von 96 Sitzen, der Bürgermeister gehöre zu Labour, und die Labour-Partei habe doch nicht den Genozid in Gaza begangen, sagt er.

Eigentlich sollte Starmers Rivale antreten

Doch der Hinweis auf den Bürgermeister des Großraums Manchester legt den Finger in eine Wunde der Labour-Partei. Denn Andy Burnham wollte ursprünglich selbst als Labour-Kandidat zur Nachwahl in Gorton und Denton antreten. Das hätte bei einem Wahlerfolg bedeutet, dass Burnham Manchester verlassen und in der nationalen Politik eine sichtbare Rolle eingenommen hätte.

Beim Premierminister nicht wohlgelitten: Manchesters Bürgermeister Andy Burnham nach einem Termin in Downing StreetAFP

In der Partei richteten sich gar Hoffnungen darauf, der „König des Nordens“ werde alsbald den unbeliebten Parteichef und Premierminister Keir Starmer ablösen. Der Labour-Parteivorstand aber verbot Burnham die Kandidatur. Nun muss der in Gorton und Denton stattdessen für Angeliki Stogia kämpfen. Die Gemeinderätin soll den Wahlkreis für Labour retten.

Stogias Foto samt Wahlkampfmotto „Einheit statt Spaltung“ grüßt vom Nachbarhaus neben dem grünen Wahlkampf-Hauptquartier. Der Hauseigentümer ist Labour offenbar weiterhin treu, und hat es im ersten Stock über die Fassade gespannt.

Die Grünen wiederum haben ein eigenes Plakat auf ihrer Hauswand daneben gehängt: Ein Pfeil zeigt auf das Porträt der Labour-Nachbarin, darunter die Behauptung, „die kann hier nicht gewinnen“. Generell demonstrieren die Grünen Angriffslust. Auf den Prospekten, die sich an die Muslime richten, trägt ihre Kandidatin Hannah Spencer ein Palästinensertuch. Ein Schriftzug lautet, „stoppt Islamophobie“, ein zweiter „lasst Labour bezahlen“. Außer auf Englisch sind ihre Texte auch in Urdu gedruckt.

Auch Reform UK redet die Grünen stark

Für die Briefkästen außerhalb der muslimischen Wohngebiete haben die Grünen andere Parolen auf die Flugblätter gedruckt. Dort zielen sie vor allem auf die rechtspopulis­tische Reform-Partei Nigel Farages, die in Gorton und Denton auch einen Kandi­daten ins Rennen schickt. Matt Goodwin heißt er, ein junger Hochschullehrer aus Kent, der mit harten Recht-und-Ordnung-Parolen auftritt: „Stoppt illegale Einwanderung“, „Briten zuerst“, „Endet die Gesetzlosigkeit auf unseren Straßen“.

Auch hier ist der Parteiführer da: Reform-Kandidat Matt Goodwin Anfang Februar mit Nigel FarageEPA

Ihm sprechen die Grünen echte Chancen auf den Wahlsieg zu – und verkünden dies auch aus taktischen Gründen. Da­hinter steht die Vermutung, dass zweifelnde Labour-Wähler auf jeden Fall einen Erfolg von Farages Partei verhindern wollen und deswegen womöglich die Grünen un­terstützen. In jenen kleinbürgerlich geprägten Straßenzügen, in denen viele blaue Reform-Schilder in den Vorgärten stecken, verteilt die grüne Wahlkampf­armee deshalb Zettel mit Umfragediagrammen. Auf ihnen in ist der Reform-Balken knapp größer ist als der grüne Balken abgebildet; während Labour optisch nur halb so groß an dritter Stelle steht.

Auch die Reform-Partei hat im Wahlkreis ein provisorisches Hauptquartier bezogen. Es ist eine Lagerhalle im Gewerbegebiet neben dem Autobahnzubringer. Besucher werden draußen von zwei Wach­männern angehalten, die per Sprechfunk die Ankömmlinge nach drinnen melden. Auch die Farage-Partei hat freiwillige Helfer aus dem ganzen Land zusammengetrommelt, die straßenweise Prospekte und Flugblätter verteilen. Sie sind allerdings angehalten, fremden Fragern keine Auskunft zu geben.

Im Reform-Hauptquartier heißt es, am Donnerstag werde es ein „Foto-Finish“ geben: Labour, Grüne und Reform lägen dicht an dicht nahezu gleichauf. Auch da klingt Mobilisierungstaktik mit. Dem grünen Wahlkampffeind widmen die Reformstrategen eine ganze Flugblattseite mit einer Salve von Behauptungen. Demnach wollten die Grünen unbegrenzte Einwanderung, legales Kokain und Heroin und höhere Energiekosten.

Zu den Freiwilligen, die am Morgen ihre Ausrüstung ist Wahlkampfdepot der Grünen abholen, gehört Karen aus Didsbury, einem anderen Vorort von Manchester. Sie zieht mit zwei jungen Männern los, der eine ist aus Preston angereist, einer Indus­triestadt in der Nähe, der andere aus Dover. Karen war früher auch bei Labour, „aber jetzt nicht mehr“. Es gebe ja viele, die jetzt eine andere, linke politische Heimat suchten, sagt sie. Und bricht die Entscheidung, die in Gorton und Denton bevorsteht, auch auf die Alternative Reform oder Grüne herunter: „Es geht um Hass oder Hoffnung“.

Source: faz.net